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"Kopfwelten" zum Klimagipfel in Durban: Warum uns die Erderwärmung kalt lässt

Es muss nicht gleich am bösen Willen liegen, wenn Umwelt und Klima samt Erderwärmung viele Menschen kalt lassen. Unser Gehirn ist nicht besonders geeignet für langfristige Zukunftsängste.

Von Frank Ochmann

Da wird bei der 17. Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban wieder einmal nicht weniger als das Wohl und Wehe der Menschheit debattiert. Unabhängig von wissenschaftlichen Details und politischem Streit geht es dabei tatsächlich um die Frage, wie die sieben und schon bald noch mehr Milliarden unserer Art in Zukunft auf diesem Planeten werden leben können. Ob sich die Atmosphäre dann im Durchschnitt um zwei Grad aufgeheizt hat oder gar um vier, spielt zunächst keine entscheidende Rolle. So oder so werden wir, spätestens aber unsere Kinder, Enkel und Urenkel in dieser Lufthülle leben müssen. Eine Alternative, eine zweite Erde, auf die wir notfalls ausweichen könnten, haben wir nicht. Ein großes Thema also. Aber wen regt das heute über Lippenbekenntnisse hinaus auf? Wem macht das wirklich Angst?

Wir haben derzeit ganz andere Sorgen. Wir müssen erst einmal Griechenland und den Euro retten und vielleicht sogar das komplette Weltwirtschaftssystem. Doch was nützt auf Dauer eine gesunde Währung, wenn der Planet ganz nebenbei womöglich tödlich erkrankt? Tödlich nicht für den Planeten selbst, der schon ganz andere Herausforderungen überstanden hat. Aber tödlich vielleicht für die vermeintliche "Krone der Schöpfung".

Menschheit droht die schwerste Prüfung

Doch bis auf professionelle Paranoiker bleiben wir erstaunlich ungerührt. Spätestens seit der peinlich erfolglosen Klimakonferenz von Kopenhagen vor zwei Jahren ist das Thema der globalen Erwärmung in der öffentlichen Diskussion weitgehend durch. Zweifel an der Glaubwürdigkeit manchmal zu lauter, manchmal zu verbohrter Klima-Kassandras kommen dazu. Doch abgesehen von alledem: Stimmt auch nur halbwegs, was das Gros der Expertenschar vorhersagt, droht der Menschheit eine der schwersten Prüfungen ihrer Geschichte.

Und warum zucken wir trotzdem mit den Achseln? Weil wir geistig ziemlich beschränkt sind, ist die nüchterne und wortwörtlich zu verstehende Antwort. Für "normale" Menschen ist das Thema nicht relevant, weil sie schlicht nicht mit den Sinnen wahrnehmen können, worum es eigentlich geht. Wie könnten uns denn auch zwei, drei oder vier Grad mehr "sensorisch" in den Bann ziehen, wenn schon ein ganz gewöhnliches mitteleuropäisches Jahr zwischen Sommer und Winter eine Temperaturspanne von 40 oder mehr Grad abdeckt? Und dann kommen noch Bilderbuchwinter wie in den vergangenen zwei Jahren mit meterhohem Schnee und über Wochen zugefrorenen Seen. Haben sie sich also nicht doch geirrt mit ihrem Treibhauseffekt, die Klimapessimisten?

Natürlich ist eine solche Argumentation in beiden Richtungen Blödsinn: Weder eine einzelne Hitzeperiode noch ein einzelner klirrend kalter Winter können irgendetwas Verlässliches über längerfristige Entwicklungen unseres Klimas aussagen, egal ob es rauf oder runter geht mit den Temperaturen. Um längerfristige Veränderungen wahrzunehmen, bedarf es auch langfristiger Beobachtungen. Genau das aber fehlt uns in unserer ganz persönlichen kognitiven Ausstattung: Ein Gefühl für lange, für wirklich lange Fristen.

Mangel an Weitblick

Wir erleben diesen Mangel nicht nur beim Klimathema, sondern ganz ähnlich bei der Atomenergie oder auch bei der aktuellen Finanzkrise und ihren Vorläufern. Hat wirklich mal einer aufgehört zu rauchen, weil er Angst hatte, Jahrzehnte später an Krebs zu erkranken? Lassen wir ein verlockendes Stück Sahnetorte stehen, weil uns die Sorge umtreibt, wir könnten im Alter dem Diabetes zum Opfer fallen oder verstopften Gefäßen? Langfristige, gar über die Generationen reichende Perspektiven spielen außer in Sonntagsreden kaum eine Rolle. Gehandelt wird, als gäbe es kein Morgen oder zumindest kein Übermorgen.

Dabei sind wir keineswegs zeitlose Wesen. Wir haben sogar ein sehr feines Gespür für Abläufe, auch wenn uns das in vielen Fällen gar nicht bewusst wird. Die Zeit gibt es allerdings nicht. Jedenfalls nicht in unserem Kopf, wo das entsteht, was wir Zeit nennen. Weil bei diesem Prozess Emotionen eine große Rolle spielen - mal "rast" die Zeit, wie wir wissen, mal "steht sie still" - verändert sich unsere Wahrnehmung von Einzelereignissen, die erst im Gehirn zu einem einzigen Ablauf mit "vorher" und "nachher" werden. Zeit entsteht im Kopf.

Was das mit dem Klima zu tun hat? Dass wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, wie es sich anfühlt - und um dieses "Fühlen" geht es -, zehn, fünfzig oder gar noch mehr Jahre weiter zu sein, vorausgesetzt, wir würden dann überhaupt noch leben. Wir können Simulationen auf dem Computer laufen lassen und verschiedene Szenarien durchrechnen, wie es in den großen Klimaforschungszentren geschieht. Wir können das alles auch rational durchdringen, so weit das die Komplexität der Verhältnisse zulässt. Aber berührt es uns deshalb auch? Es geht uns nicht nah, weil es uns nicht nah ist. Denn eine Grundregel für unseren Kopf lautet: Wichtig ist, was nah ist - zeitlich wie räumlich.

Späte Belohnungen sind kein Anreiz

Untersuchungen des in Freiburg und München arbeitenden Neurowissenschaftlers Marc Wittmann und seiner Kollegen etwa zeigen, dass eine "Belohnung", die uns mit einer Verzögerung von mehr als einem Jahr angeboten wird, eigentlich kein Anreiz mehr für ein bestimmtes Verhalten in der Gegenwart ist. Versprechungen sind nicht unsere Sache. Darum sind wir so wenig geneigt, heute etwas dafür zu tun, dass es uns oder unseren Nachkommen in Jahrzehnten besser gehen könnte. Zu weit reicht das in die Zukunft hinein, und darum lässt es uns gleichgültig.

Aber, so fragen Sie vielleicht, was ist denn mit den Menschen, die heute bei uns oder in Durban demonstrieren und vehement eine Reduktion der Treibhausgase fordern? Sind die nicht lebender Beweis dafür, dass wir doch weit in die Zukunft denken und uns um die Generationen nach uns sorgen können? Auch wenn es weh tut: Nein, das sind sie leider nicht. Auch für diese Menschen gilt, dass sie vornehmlich das suchen, was ihnen jetzt einen emotionalen Anreiz verschafft und dass für sie dieselben kognitiven Verhältnisse gelten wie für die eher Gleichgültigen. Was sie antreibt, ist der Zuspruch der Gleichgesinnten. Denn Einigkeit macht stark und wärmt das Herz, egal bei welchem Thema oder Unterfangen.

Das Herz hat sogar noch einen eigenen Nachbrenner: Es tut uns nämlich sehr gut, uns selbst als moralisch stark, womöglich sogar stärker als viele andere zu erleben, so zeigen Studien. Vom "warm glow" sprechen Psychologen in diesem Zusammenhang, vom wärmenden Glühen der Selbstzufriedenheit und der inneren Gewissheit "auf dem richtigen Weg" oder einfach nur "gut" zu sein. Das ist gar nicht abschätzig gemeint. Es zeigt aber: Der wirkliche Antrieb stammt auch für die eifrigsten Umwelt- und Klimaschützer aus der Gegenwart.

Von Natur aus kurzsichtig

Es sieht also nicht sehr gut aus für unsere Zukunftsgestaltung. Die Vernunft wird uns da nur wenig helfen. Prozesse, die weitreichend sind, überfordern einfach unser Vorstellungsvermögen. Dem besseren Leben später werden wir das halbwegs gute Leben jetzt vorziehen - auch wenn das womöglich eine gute Zukunft gefährdet. So sind wir: von Natur aus kurzsichtig. Es ist reiner Selbstbetrug, etwas anderes von uns anzunehmen.

Sollte es also klimatisch wirklich so dick kommen, wie es uns heute prophezeit wird, werden wir wohl nur eine Stärke ausspielen können: unsere erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Sie ermöglicht es unserer Art, auch noch die feindlichsten Lebensräume von den eisigen Wüsten um die Pole bis zu den Gluthöllen entlang des Äquators zu bewohnen. Ob sie dann noch ausreicht, wird die Zukunft zeigen.

Literatur:

  • Harbaugh, W.T. 2007: Neural Responses to Taxation and Voluntary Giving Reveal Motives for Charitable Donations. Science 316, 1622-1625
  • Mitchell, J. P. et al. 2011: Medial Prefrontal Cortex Predicts Intertemporal Choice. Journal of Cognitive Neuroscience 23, 1-10
  • Ochmann, F. 2008: Die gefühlte Moral - Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Berlin: Ullstein
  • Tordjman, S. 2011: Time and its representations: At the crossroads between psychoanalysis and neuroscience. Journal of Physiology (im Druck, online: doi:10.1016/j.jphysparis.2011.08.004)
  • Wittmann, M. et al. 2007: Time and decision making: differential contribution of the posterior insular cortex and the striatum during a delay discounting task. Experimental Brain Research 179, 643-653
  • Wittmann, M. & Paulus, M. P. 2009: Temporal Horizons in Decision Making. Journal of Neuroscience, Psychology, and Economics 2, 1-11
  • Wittmann, M. 2009: The inner experience of time. Philosophical Transactions of the Royal Society B 364, 1955-1967
  • Wittmann, M. 2011: Moments in time. Frontiers in Integrative Neuroscience 5, 1-9