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Ahnenforschung: Der aufständische Ahne

Rechts neben der Kirche ragt das geschwungene Dach unserer Familiengruft aus den Büschen. Eine kleine Kapelle, fast 300 Jahre alt, 1720 erbaut. Zehn Generationen meiner Familie fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Von Kerstin Schneider

Über dem schweren Eisentor thront ein steinerner Engel und wacht über die Toten. Die giftigen Abgase der nahen Hauptstraße, über deren Asphalt Tag für Tag hunderte von Lastwagen donnern, haben ihm die Nase zerfressen. Seine Augen sind nur noch zwei dunkle Höhlen. Wie bösartiger Ausschlag kriecht Moos über seine Wetterseite. Der angewinkelte Arm läßt vermuten, dass der Engel einmal eine Geige auf seiner Schulter trug. Die Zeit hat ihm das Instrument entrissen. Jetzt sieht der Engel aus als wolle er einen Schlag abwehren. In der kleinen Kapelle über der Gruft, dort, wo der Pfarrer früher die Rede hielt, bevor der Sarg hinab gesenkt wurde in die Tiefe, ist es kühl. Hier hat sich mein Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großvater 1756 versteckt. Drei Tage. Und drei Nächte.

Eines Tages bekam ich die Abschrift der Sterbeurkunde meines Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großvaters

Ich war 20 als ich die Spur meiner Ahnen aufnahm. Geschichte hatte mich immer interessiert. Es war das einzige Fach - neben Sozialkunde und Deutsch - indem ich halbwegs akzeptable Noten nach Hause brachte. Meine Vorfahren väterlicherseits waren über 300 Jahre in Neugersdorf bei Zittau zuhause. Das Forschen in der DDR war gar nicht so schwierig. Der Dorfpfarrer schickte mir beglaubigte Abschriften aus den Kirchenbüchern. Dafür bekam er Westkaffee, Wachsmalkreide, Buntstifte und Mausespeck. Die Pakete packte meine Mutter und schleppte sie zur Post.

Eines Tages bekam ich die Abschrift der Sterbeurkunde meines Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großvaters Carl Christian Schöbel. Der Pfarrer hatte die Abschrift mit einem Auszug aus der Ortschronik versehen: "Dies ist der Richter, welcher zur Zeit des 7-jährigen Krieges die Feindseligkeiten erregte und auch später in den Hals geschossen wurde."

Die eigentliche Heldin war seine Frau Johanna

Die Chronik war vergriffen. Jahre rätselte ich, was damals wohl genau vorgefallen sein mochte. Erst nach dem Fall der Mauer konnte ich die ganze Geschichte nachlesen: "Die Gruft der Familie Schöbel wurde 1720 als erstes von 40 Familienbegräbnissen errichtet. Als am 25. Oktober 1756 Panduren Gersdorf plündern wollten, setzten sich unter Führung des Ortsrichters Carl Schöbel die Bewohner zur Wehr, worauf sie die Eindringlinge zurückziehen mußten. Die Rache fürchtend, versteckte sich Schöbel drei Tage und Nächte in der Gruft." Vier Jahre später geriet mein Urahne wieder zwischen die Fronten. "Am 29. März 1760 wurde der Richter Karl Schöbel von einem sächsischen Soldaten durch Hals und die Backen geschossen. Er musste viel ausstehen, wurde aber von dem Bader Fröbel aus Walddorf geheilt."

Nach seiner Genesung zeugte Karl mit seiner Frau Johanna noch sechs Kinder. Johannas Geschichte ist nicht so spektakulär, aber viel tragischer. Sie wuchs ohne Mutter auf. Mit 15 heiratete sie Carl, wurde mit 16 das erste Mal Mutter. Ihre Tochter überlebte nicht. Auch das zweite Kind starb. 14 Kinder brachte Johanna zur Welt und überlebte alle - bis auf vier. 1777 starb ihr Mann und wurde in jener Familiengruft beerdigt, in der er sich einst vor den Panduren versteckt hatte. Sein ruhmreicher Aufstand wird noch heute in Geschichtsbüchern erwähnt. Die eigentliche Heldin war seine Frau Johanna.

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