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Geisterfahrer: Wenn Selbstmord zur Waffe wird

Die Geisterfahrt eines 41-Jährigen auf der A 28 endete am Wochenende mit einem Drama: Vier Menschen riss er bei seinem Suizid mit in den Tod. stern.de hat mit Experten über die Gründe und Absichten von Selbstmördern gesprochen.

Von Britta Hesener

Als er ins Auto stieg, wusste er bereits, dass er am Ende seiner Fahrt tot sein würde. Rund 40 Kilometer fährt er von seinem Heimatort Brake in Niedersachsen bis zur Autobahn, lenkt seinen Wagen die Auffahrt hoch und rast dann in falscher Fahrtrichtung über die A 28. Nach acht Kilometern ein Horrorcrash: Ungebremst fährt der 41-jährige Geisterfahrer frontal in einen weißen Opel. In ihm sitzen drei Männer und eine Frau, alle sind zwischen 37 und 43 Jahre alt. Sie sind sofort tot. Auch der Geisterfahrer stirbt noch am Unfallort. Neben ihm im Auto finden Polizisten zwei Abschiedsbriefe. Das traurige Ende eines Selbstmordes. So geschehen am Wochenende in der Nähe von Oldenburg.

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland nach offiziellen Statistiken zwischen 11.000 und 13.000 Menschen das Leben. Aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit schlucken sie Tabletten, schneiden sich die Pulsadern auf oder springen von Brücken. Doch immer wieder nutzen Selbstmörder ihren Suizid auch als Waffe: Sie reißen Menschen mit in den Tod und wollen so ihrem Leid, ihrem gekränkten Ego, ihren psychischen Problemen ein aufsehenerregendes Ende setzen.

Der Tod als Kommunikation

Warum? Was treibt sie zu diesen Taten? "Es gibt zwei Arten von Gründen", sagt Prof. Dr. Armin Schmidtke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Würzburg. Viele Selbstmörder wollten mit einem Massenunfall die Umstände ihrer Tat verschleiern. Ein Crash mit einem Baum oder einer Mauer lassen die Selbstmordabsichten zu deutlich erkennen, sagt der Experte. Es gebe aber auch Menschen, die ihren Selbstmord als letzte Botschaft regelrecht inszenierten. "Sie wollen die Umwelt darauf hinweisen, dass ihnen Schlimmes passiert ist, ähnlich wie bei einem Amokläufer", erklärt Schmidtke. In jüngster Zeit würden diese Taten immer häufiger, immer demonstrativer. Oft sei ein gekränktes Ego, eine sogenannte narzisstische Krise, der Auslöser. Die Gründe können dabei ganz unterschiedlich sein: Die Freundin ist fremdgegangen, der Mensch fühlt sich nicht ernst genommen, im Job läuft alles schief. Mit einem aufsehenerregenden Suizid verschafft sich der Selbstmörder dann die gewünschte Aufmerksamkeit. Suizid als Kommunikationswaffe.

Es gibt dafür auch ein prominentes Beispiel: "Der Selbstmord von Jürgen Möllemann fällt auch in diese Kategorie", sagt Schmidtke. Als sich der ehemalige FDP-Vorsitzende am 5. Juni 2003 aus dem Flugzeug stürzte, wählte er einen Freitod, der wochenlang für Schlagzeilen sorgte. Zugespitzt formuliert: Möllemann verpasste mit diesem demonstrativen Sprung in den Tod seinen damaligen Kritikern eine Art Denkzettel. Offenbar ging auch dem 41-jährigen Geisterfahrer auf der A 28 Ähnliches durch den Kopf. In einem Abschiedsbrief schrieb er von Eheproblemen und seiner Absicht, sich das Leben zu nehmen. Stimmt Schmidtkes Theorie, hatte sein Tod einen eindeutigen Adressaten: Seine Frau.

Doch nicht jeder Geisterfahrer nimmt bewusst den Tod anderer Menschen in Kauf. Im Durchschnitt werden in Deutschland 1500 Geisterfahrer pro Jahr gemeldet. Bei dem größten Teil handelt es sich jedoch um falschen Alarm. "Geisterfahrermeldungen sind die einzigen Meldungen, die ungefragt in die Radiosendungen einfließen", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. Das verleitet offenbar zu fragwürdigen Aktionen: Falschmeldungen als Freizeitspaß.

Geisterfahrt als Mutprobe

Im Schnitt gibt es jährlich 300 echte Geisterfahrermeldungen - also fast jeden Tag eine. "Doch auch hier ist der Anteil der Fahrer mit Selbstmordabsichten eher gering", sagt Maurer. Hauptgründe seien laut ADAC Alkohol- und Drogenkonsum. Ein Drittel der Geisterfahrer sei alkoholisiert. Auch Stresssituationen führten oft zu einer unvernünftigen aber nicht suizidalen Geisterfahrt. "Es ist eine typische Situation: Man hat einen wichtigen Termin und fährt aus Versehen an der Ausfahrt vorbei. Anstatt ruhig zu bleiben und auf die nächste Ausfahrt zu warten, drehen manche Fahrer einfach", so Maurer weiter. Immer wieder seien es auch schlicht dumme Mutproben und Biertischwetten nach dem Motto "wetten, dass ich mich traue…", die in einer Fahrt gegen den Verkehrsfluss endeten. Um suizidale Geisterfahrer handele es sich nur äußerst selten. Allerdings räumt Maurer ein, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegen könnte. Oft gebe es keine Abschiedbriefe, so dass sich nicht sicher sagen lasse, ob der Unfall bewusst oder versehentlich verursacht wurde.

Selbstmordandrohungen ernst nehmen

Nach einer Studie der Universität Würzburg sterben auffällig viele Leute, die bereits einen Suizidversuche unternommen haben, während eines Verkehrsunfalls. "Merkwürdig. Warum sollten das schlechtere Fahrer sein?", kommentiert Schmidtke diese Häufung von Verkehrsunfällen unter selbstmordgefährdeten Menschen. Offenbar sind weitaus mehr Geisterfahrer mit Selbstmordabsichten auf Deutschlands Straßen unterwegs, als bisher angenommen. So empfiehlt Schmidtke, Bekannte, Freunde und Familienangehörigen ernst zu nehmen, wenn sie Andeutungen in diese Richtung machen würden. Diese als leere Phrasen oder Wichtigtuerei abzutun, könne gefährlich werden.