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Kopfwelten: Angst könnte die Wahl entscheiden

Die Sozialdemokraten haben den Wahlkampf offiziell eröffnet. Ob die Unentschlossenen in Krisenzeiten in das Lager von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wechseln, ist aus psychologischer Sicht fraglich. Studien zeigen, dass Angst Menschen eher konservativ werden lässt.

Von Frank Ochmann

An lästige Wechselwähler haben sich Politiker und Wahlwahrsager bei uns in den letzten Jahren gewöhnen müssen. Vorbei die Zeiten, in denen die Treue zu SPD oder CDU ebenso das bundesdeutsche Familienimage prägte wie die Automarke in der Garage oder der Fußballklub, für den bis zum Schlusspfiff gezittert wurde. Zur selbstverständlichen politischen Freiheit gehört bei uns heute, sich bei der einen Wahl für die einen und bei der nächsten für die anderen oder vielleicht sogar die ganz anderen zu entscheiden.

Voreilig wäre es allerdings, daraus auf eine ebenso flatterhafte politische Gesinnung zu schließen. Die ist nämlich weitaus stabiler - und vorhersagbarer. Psychologen interessiert in diesem Zusammenhang die Frage, ob es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gibt, die den einen Menschen eher ins liberale Lager (nicht zur FDP!), einen anderen dagegen in konservative Kreise drängen. Gibt es also geborene "Linke" oder von Natur aus "Rechte"? Und das sogar in Zeiten, da einige schon glaubten, nach Mauerfall und Globalisierung seien solche ideologischen Unterschiede reif für die historische Mottenkiste?

Sind sie wohl nicht. Das belegen besonders eindrucksvoll Untersuchungen des Sozialpsychologen John Jost von der New York University. Was Jost und seine Mitarbeiter über die Jahre als herausragende Eigenschaften von eher liberal gesinnten Menschen auf der einen und konservativ eingestellten Zeitgenossen auf der anderen herausarbeiteten, liest sich wie eine Liste verbrauchter Klischees. Aber vielleicht ist das ja auch der Grund, warum sich diese Klischees überhaupt verbreiten konnten.

Neugier contra Ordnung

Liberale, sagt Jost, sind alles in allem aufgeschlossen, neugierig, kreativ - und innerlich wie äußerlich eher unaufgeräumt. Konservative hingegen schätzen Ordnung nicht nur auf dem Schreibtisch, pflegen Konventionen und sind insgesamt prima organisiert. Noch etwas kennzeichnet sie unverwechselbar: Sie sind ständig auf der Wacht. Denn wenn sie etwas scheuen, dann sind es Konflikte, Kontrollverlust und Ungewissheiten. Der Konservative baut also gern vor und zudem auf bewährtem Fundament.

Da schaudert es den Freigeist, der keine Gelegenheit auslässt, Konventionelles abzustreifen und fremde Kulturen zu inhalieren. Parolen von Freiheit, Vielfalt und Gerechtigkeit schreibt er schwungvoll auf seine Fahne und lässt sie für die Armen und Verfolgten der Erde wehen - bis er selbst in seiner Existenz bedroht wird. Doch wer wollte einem anderen vorwerfen, dass der in der Gefahr vor allem Sicherheit, Schutz und ein möglichst verlässliches Bild der Zukunft sucht?

Neu ist der Gedanke nicht, auch wenn er seit einigen Jahren eine Renaissance erfährt. Nach der Schreckenszeit des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs waren Forscher der kalifornischen Universität von Berkeley der Frage nachgegangen, was eine "autoritäre Persönlichkeit" eigentlich ausmacht und wie entsprechendes Verhalten womöglich ausgelöst werden kann. Schon damals äußerten sie die Vermutung, dass bestimmte Ideologien auf verschiedene Menschen auch eine unterschiedlich starke Anziehungskraft ausüben können. Die richte sich nach den jeweiligen Bedürfnissen und danach, ob diese Bedürfnisse durch eine bestimmte Weltanschauung befriedigt würden oder aber nicht, vielleicht auch nur nicht hinreichend.

Diese 1950 unter anderem von Theodor W. Adorno publizierte These wurde zum Teil heftig kritisiert, weil gelegentlich wohl der Eindruck entstand, sie würde Mitläufer oder gar Täter entlasten, indem sie zu stark psychologisiere und das Gewicht von der persönlichen Verantwortung in einer bestimmten Situation hin zu deren Umständen verlagere. Die folgenden Jahrzehnte allerdings bestätigten die Macht der "Situation", auch wenn sich daraus kein Automatismus für menschliches Verhalten ableiten lässt.

Konservativ durch die Krise

Eine Gefahrensituation oder schwere Krise kann die Bedürfnisse eines Menschen tatsächlich tiefgreifend verändern. Und natürlich kann das auch Einfluss auf die politische Gesinnung haben. So ergab beispielsweise eine Untersuchung von schwer getroffenen Überlebenden der Terrorangriffe vom 11. September 2001 eine unübersehbare Verschiebung ihrer politischen Haltung hin zum Konservativen mit einem deutlich gesteigerten Hang zu Patriotismus, Religiosität und sogar Militarismus.

Psychologen aus Kanada und den USA konnten solche Veränderungen der politischen und ethischen Einstellung jetzt auch im Experiment aufzeigen. Und es brauchte nicht einmal viel an Bedrohung, um "Liberale" zu Ansichten zu bringen, die sich mit denen von "Konservativen" deckten. Egal ob es um das Herunterspielen von Wirtschaftskriminalität oder die Ablehnung von Abtreibung und gleichen Rechten für Homo- und Heterosexuelle ging. Mal reichte ein fingierter antiamerikanischer Zeitungsartikel, mal eine gefälschte Meinungsumfrage, mal das stille Nachdenken über den eigenen Tod. Bedrohung führte in allen Fällen zu einem Ausweichen nach rechts.

Warum die Linkspartei nicht zulegt

Diese Ergebnisse aus der sozialpsychologischen Forschung könnten zum Beispiel erklären, warum die Linkspartei bislang von der schon Monate währenden Weltwirtschaftskrise nicht profitieren konnte. Gegenüber dem Vorjahr verlor sie prozentual sogar an Zustimmung im Wahlvolk, obwohl die Kritik des Kapitalismus doch ein Kernthema ist. Doch unter Bedrohung und Verunsicherung ziehen sich die meisten eben auf das zurück, was sich bereits als tragfähig erwiesen hat oder wenigstens so eingeschätzt wird.

Und darin steckt eine unübersehbare Lehre für den kommenden Wahlkampf: Wenn die Genossen der SPD Frank-Walter Steinmeier wirklich als künftigen Hausherrn im Kanzleramt sehen wollen, sollten sie in den kommenden Monaten nicht in lautes Krisengeschrei einstimmen und die Lage nur noch schwarz in schwarz malen. Denn wer Bereitschaft zur Veränderung will, darf keine Angst verbreiten.

Literatur:

Adorno, T. W. et al. 1950: The Authoritarian Personality, New York: Harper
Bonanno, G. A. & Jost, J. T. 2006: Conservative Shift Among High-Exposure Survivors of the September 11th Terrorist Attacks, Basic and Applied Social Psychology 28, 311-323
Carna, D. R. et al. 2008: The Secret Lives of Liberals and Conservatives -Personality Profiles, Interaction Styles, and the Things They Leave Behind, Political Psychology 29, 807-840
Choma, B. L. et al. 2009: Liberal and Conservative Political Ideologies: Different Routes to Happiness?, Journal of Research in Personality (im Druck, online vorab: doi: 10.1016/j.jrp.2008.12.016)
Haidt, J. & Graham, J. 2007: When Morality Opposes Justice - Conservatives Have Moral Intuitions that Liberals May Not Recognize, Social Justice Research 20, 98-116
Jost, J. T. et al. 2003: Political Conservatism as Motivated Social Cognition, Psychological Bulletin 129, 339-375
Jost, J. T. et al. 2008: Are Needs to Manage Uncertainty and Threat Associated With Political Conservatism or Ideological Extremity?, Personality and Social Psychology Bulletin 33, 989-1007
Nail, R. P. et al. 2009: Threat Causes Liberals to Think Like Conservatives, Journal of Experimental Social Psychology (im Druck, online vorab: doi: 10.1016/j.jesp.2009.04.013)