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Täterhilfe als Opferschutz: "Stalker sind keine Monster"

Als ihn seine Freundin verließ, wollte Thomas W. das nicht glauben. Er fand, dass sie zusammengehörten, begann sie zu verfolgen und zu bedrängen. Seit einem Jahr versucht die Beratungsstelle "Stop Stalking", Menschen wie ihm zu helfen. Das soll die Opfer schützen. Eine erste Bilanz.

Von Martina Janning

Mehr als die Hälfte der Stalker, die sich an die Berliner Beratungsstelle wenden, verfolgen ihre Ex-Partnerinnen

Mehr als die Hälfte der Stalker, die sich an die Berliner Beratungsstelle wenden, verfolgen ihre Ex-Partnerinnen

Sie lernten sich an der Uni kennen - und lieben. Doch das Glück währte nur kurz. Nach wenigen Monaten merkte die junge Studentin, dass Thomas W. (Name geändert) doch nicht der Richtige ist und beendete die Beziehung. Ein Schock für den Studenten, zumal die beiden sich weiterhin in der Hochschule begegnen. Sie schaut weg, sobald sie ihn erblickt. Das kränkt ihn. "Ich will doch nur Kaffee mit dir trinken", beteuert der junge Mann. Sie gibt seinem Drängen nach, trifft sich mit ihm. Das ist für Thomas W. der Beweis: Ihre Liebe ist noch nicht erloschen. "Das muss sie doch einsehen!" Er verfolgt sie, ruft ständig an, schickt SMS, macht ihr Geschenke. An ihrem Geburtstag wartet er mit einem großen Strauß Luftballons vor ihrer Tür. Sie beschimpfte ihn: "Hör endlich auf zu stalken!" Was für eine Beleidigung, findet Thomas W. "Ich bin doch kein Stalker!" Schließlich zeigt seine Ex-Freundin ihn bei der Polizei an. Die Angst vor einer Verurteilung lässt ihn innehalten. Er geht zur Berliner Stalker-Beratung.

Einzige Einrichtung deutschlandweit

"Stop Stalking", so der Name der Beratungsstelle, existiert seit Ende April 2008. Sie ist die erste und bislang einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland. Dabei ist der Bedarf gewaltig: "Rund zwölf Prozent der deutschen Bevölkerung werden im Leben einmal Opfer von Stalking", berichtet Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Seit Ende März 2007 ist Stalking eine Straftat. Wer einen anderen hartnäckig verfolgt und belästigt, dem drohen seitdem bis zu drei Jahre Haft, in schweren Fällen sogar zehn Jahre. Laut Bundesjustizministerium haben Behörden allein in den ersten neun Monaten nach Inkrafttreten des sogenannten Anti-Stalking-Gesetzes bundesweit über 12.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Der wirksamste Opferschutz ist jedoch, wenn man die Täter dazu bringt, mit dem Nachstellen aufzuhören. Darin sehen wir unsere Aufgabe", sagt der Leiter von "Stop Stalking", Wolf Ortiz-Müller.

Der Psychologe arbeitet gemeinsam mit vier Kollegen in einem Büro in Berlin-Steglitz. Hier können Stalker sich per E-Mail, Telefon oder persönlich melden - auch anonym. Ist es dem Stalker wirklich ernst und will er mit den Belästigungen aufhören, schließt die Beratungsstelle mit ihm eine Vereinbarung unter seinem vollen Namen ab. Darin verpflichtet der Stalker sich, für ihn wichtige Themen zu besprechen. "Das kann der Umgang mit Verletzungen sein, das Aufarbeiten seiner Lebensgeschichte unter dem Fokus 'Stalking' oder die Suche nach einem Therapieplatz. Es geht auch um die Fragen: Wie kann ich wieder selbstbestimmt leben und was tue ich, wenn ich rückfällig zu werden drohe?", erklärt Ortiz-Müller. Eine Beratung umfasst drei bis fünfzehn Sitzungen und ist kostenlos. Die Mittel dafür stammen unter anderem aus Bußgeldern von Stalkern und Spenden.

In den ersten acht Monaten verzeichnete der Verein "Stop Stalking" bereits 392 Kontaktanfragen - meistens meldeten sich Männer. 67 Stalker ließen sich beraten. "Viele kommen auf Anraten der Polizei, von Rechtsanwälten und Psychotherapeuten, oder weil ein Gericht es ihnen zur Auflage gemacht hat", erklärt Ortiz-Müller. Oder weil sie wie Thomas W. eine Strafe fürchten, und Angst haben, dass ihre Verfehlungen publik werden.

Lebenslange Jagd nach Zuneigung

Ohne äußeren Druck finden nur wenige den Weg in die Beratungsstelle. Denn das Hauptproblem der Stalker ist, dass sie sich selbst als Opfer sehen. "Sie fühlen sich verletzt, viele sind gekränkt", sagt der Psychologe. Die knifflige Kunst von Beratern und Therapeuten besteht darin, überhaupt ein Bewusstsein für ihr Verhalten und das Stalking-Opfer zu erzeugen. Im allerbesten Fall kann der Täter sich irgendwann in sein Opfer einfühlen und nachvollziehen, was er ihm angetan hat.

Eine schwierige Aufgabe. Denn "Stalker nehmen die Realität völlig verzerrt wahr", urteilt der Stalkingforscher Jens Hoffmann von der TU Darmstadt. In einer Untersuchung, bei der Hoffmann und seine Kollegen knapp 100 Stalker befragten, begründeten 42 Prozent ihre Beharrlichkeit damit, dass sie und der Ex-Partner schicksalhaft für einander bestimmt seien. 32 Prozent sagten, dass sie für das Opfer sorgen müssten, 31 Prozent fühlten sich ungerecht behandelt. Nach Einschätzung des Psychologen stecken hinter solchen Ansichten oft massive Bindungskonflikte. "Viele Stalker beschreiben das Verhältnis zu ihren Eltern als kühl und distanziert." Sie liefen ihr Leben lang hinter Zuneigung her, könnten Trennungen nicht verarbeiten. Die Erfahrungen von "Stop Stalking" spiegeln dies wider: Mehr als die Hälfte der Täter, die sich an die Beratungsstelle wenden, verfolgen ihre Ex-Partnerinnen, andere bedrängten Arbeitskolleginnen oder Nachbarinnen, berichtet Ortiz-Müller.

Stalking entwickle Suchtcharakter, beobachtet der Leiter der Beratungsstelle. Das gesamte Denken und Fühlen kreist zwanghaft nur um die eine Person. Das ist eine Belastung, die an den Tätern nicht spurlos vorbeigeht. 60 Prozent der Stalker sind oft depressiv, 50 Prozent leiden unter Schlafstörungen, 41 Prozent unter Nervosität und 38 Prozent unter Angst, ergab die Darmstädter Studie. Ein Weg aus dem Zwang zum Nachstellen könne daher sein, dem Täter aufzuzeigen, wie sehr sein Verhalten sein Leben beeinträchtigt, sagt Hoffmann. "Stalker sind ja todunglückliche Menschen und keine Monster."

Thomas W. hat es schließlich geschafft, nicht mehr zu stalken. "Es war mühsam", erinnert sich Berater Ortiz-Müller. "Er wurde nicht vom Saulus zum Paulus. Erst als er eine andere Frau kennenlernte, konnte er ganz von seiner Ex-Freundin ablassen."

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