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Arktis-Expedition, Teil 5: Der Klimawandel aus der Vogelperspektive

Vögel, Wale, Bären - gerade Tiere verraten, wie sich der sensible Lebensraum Arktis im Zeichen des Klimawandels verändert. "Birdwatcher" studieren von Bord des Forschungsschiffs "Polarstern" ihr Verhalten stern.de berichtet über die Arbeit der Tierforscher.

Von Wolfgang Metzner, 80° 6,4´ Nord, 15° 42,6´ West

Stunde um Stunde sitzt er auf der Brücke. Peilt über die schwarzblaue See, wenn die "Polarstern" durch offenes Wasser gleitet. Lässt die wachen Augen hinter den runden Brillengläsern über kilometergroße Eisfelder wandern, während das Schiff durch weißblaue Schollen bricht. Claude Joiris ist auf der Jagd. Nach Vögeln und nach Walen, nach Robben und nach Bären. Jedes Tier ist ein Strich auf einer Liste, die akribisch festhält, wo diese Wesen in polaren Breiten leben. "Wir zählen und beobachten sie", sagt Joiris, "weil sie ein hervorragender Spiegel für den Zustand des gesamten Ökosystems in der Arktis sind."

Neben Joiris, der seit 30 Jahren Tiere in frostigen Regionen forscht, ist auch sein Kollege Henri Robert als "Birdwatcher" an Bord der "Polarstern". Die beiden Belgier zählen zu einem Dutzend ausländischer Wissenschaftler, die gerade auf dem Flaggschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) aus Bremerhaven arbeiten und zur Zeit vor Grönland unterwegs sind.

Am Ende der Nahrungskette

Im "Internationalen Polarjahr" erforschen insgesamt mehr als 50.000 Wissenschaftler aus über 60 Ländern Arktis und Antarktis im Zeichen des Klimawandels. Auf dem "schwimmenden Labor" des AWI messen Ozeanografen Wassertemperaturen, Biologen sezieren Fische aus der Tiefsee, Seismologen haben von einer driftenden Scholle schon ein Beben des Meeresbodens der Stärke 3 bis 4 aufgezeichnet. Die Ornithologen sind eine ganz besondere Spezies: Sie schauen in die Luft, um einen Wandel im Wasser aufzuspüren.

"Wir sehen Veränderungen früher als andere", sagt Joiris, ehemals Ökologie-Professor in Brüssel, "weil die Vögel hier am Ende einer Nahrungskette stehen." Sie holen sich ihr Futter vom flachen Meeresboden an der Küste oder tauchen nach Fischen oder Plankton, das besonders an der Eiskante wächst. Wo der Wind Schollen vom festen Packeis löst, dringt Licht in die oberste Kaltwasserschicht und lässt dort unzählige kleinste Tierchen gedeihen, auf die sich die Vögel stürzen. Wenn aber das Wasser warm und offen wird oder wenn noch eine geschlossene Eisdecke darüber liegt, sieht der Ozean oft leblos aus - wie ein totes Meer.

Nahrung für den Nachwuchs an Land

Manchmal sitzen Joiris oder Robert halbe Tage auf der Brücke, bewaffnet mit Fernrohr, Stift und Liste, ohne dass sie etwas zu notieren haben. Aber dann erspähen sie plötzlich einen Papageientaucher, der gleich mehrere Fische hintereinander in seinem bunten Schnabel stapelt. Oder einen Eissturmvogel, der im aufgebrochenen Eis hinter der "Polarstern" auf Beutezug geht. Und manchmal sehen sie sogar Hunderte von Krabbentauchern, die an einer nährstoffreichen Stelle Plankton in ihre Schlunde stopfen, um damit ihren Nachwuchs an Land zu ernähren.

Die schwarzweißen Shrimp-Fresser können so über hundert Kilometer weit fliegen. Aber Joiris hat schon beobachtet, dass das bei veränderten Bedingungen in der Arktis nicht mehr reicht: "Im Jahr 2005 ist das Packeis vor Grönland so weit geschmolzen, dass eine Population von Süden aus die Eiskante nicht mehr erreichen konnte. Zu Tausenden haben diese Vögel damals ihre Jungen im Stich gelassen und sind nach Spitzbergen geflogen. Wenn sich das Eis auch vor dieser Inselgruppe weiter zurückzieht, kann sich das Drama wiederholen."

Sorgen macht sich auch Henri Robert, der mit einem Spektiv den Horizont scannt und bisher keine einzige Rosenmöwe gesehen hat. "Sie müssten hier sein, aber sie sind nicht hier", sagt der 33-jährige Biologe, der mit 13 Jahren sein Herz für Vögel entdeckt und sein Hobby längst zum Beruf ge-macht hat. Gerade hier in der "Polynja", einer besonderen Region vor der Grönländischen Küste, hatte er zahlreiche Rosenmöwen erwartet, weil diese Meeres-"Oase" normalerweise offen und besonders nahrungsreich ist. Aber ausgerechnet hier liegt jetzt noch ein großer Eispanzer mit gestrandeten Eisbergen - auch von den Walrössern, die sonst immer wieder auftauchen, keine Spur.

Das Strömungssystem verändert sich

Noch eine Beobachtung alarmiert Chemiker und Ozeanografen, die von der "Polarstern" aus die "Polynja" untersuchen. Seit 1984 fanden sie hier regelmäßig Wasser, das aus dem Pazifik stammte, am Pol vorbei gereist war und in den Atlantik ausströmte. 2004 war dieses pazifische Wasser völlig verschwunden, und auch in diesem Jahr, haben erste Analysen ergeben, ist es kaum zur Hälfte wieder da. "Das ist ein deutlicher Hinweis, dass sich das ganze Strömungssystem in der Arktis verändert hat", sagt Professor Gerhard Kattner, der Expeditionsleiter, "wie genau, müssen wir noch sehen."

Die "Polarstern" läuft am 10. August in Reykjavik ein und wird von Island aus mit anderer Besatzung wieder in See stechen, Richtung Sibirien. Zwischen Spitzbergen und Grönland hat sie Millionen von Daten gesammelt, die jetzt ausgewertet werden müssen - und auch die beiden Belgier haben in über 300 Stunden Beobachtung fette Beute gemacht. "Wir haben nicht nur 15 Finnwale, sondern auch überraschend viele Grönlandwale gesehen, die schon fast ausgestorben schienen", sagt Joiris, der mit Robert zusammen auch vom Helikopter aus Zählungen machte und Fotos schoss, "das ist ein dramatischer Wandel. Möglicherweise haben sich Bestände durch eisfreie Passagen wieder vereinigt."

Der Vogelforscher, der gern T-Shirts mit Pinguinen trägt, hat vom fahrenden Schiff aus auch über 150 Robben und weit mehr Eisbären gesichtet, als er erwartet hatte: 25, dabei viermal eine Mutter mit zwei Jungen. Anderes als viele andere Experten glaubt er, dass die Könige der weißen Wildnis ihren Beutetieren, den Robben, auch bei sich ändernden Eisverhältnissen folgen können, jedenfalls vor Grönland: "Das Leben in der Arktis ist extrem hart. Wenn sie Nachwuchs aufziehen können, ist es für Bären ein gutes Jahr."