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Experte zum Erdbeben in Japan: "Spannungen entladen sich schlagartig"

Nach dem gewaltigen Beben in Japan rechnen Wissenschaftler auch noch in den kommenden Tagen mit Nachbeben. Ein deutscher Geowissenschaftler erklärt, wie der Tsunami entstand, wie sich die Welle ausbreitet und ob die Katastrophe mit 2004 vergleichbar ist.

Herr Roth, die Fernsehbilder aus Japan zeigen furchtbare Verwüstung. Große Schiffe, Autos und sogar Häuser werden von den Flutwellen mitgerissen. Ist das Erdbeben und die Tsunami-Welle in Japan mit dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 vergleichbar?
Nicht ganz, obwohl das Erdbeben in Japan gewaltig ist. Das Erdbeben in Sumatra, das auch den Indischen Ozean erschüttert hat, war aber noch einmal mindestens um den Faktor zehn stärker als das Erdbeben heute morgen.

Obwohl die bis zu zehn Meter hohen Wellen stark an die Bilder von damals erinnern.
Das stimmt. Allerdings muss man sagen, dass 2004 in der Nähe des Erdbebenherdes in der Provinz Banda Aceh im Norden von Sumatra die Wellenhöhe sogar bis zu 40 Meter betrug.

Das heißt, die Katastrophe von damals wird sich nicht wiederholen?
Bei der Tsunami-Katastrophe 2004 kamen etwa 230.000 Menschen ums Leben Diesmal erwarten wir deutlich weniger Tote - unter anderem, da die Japaner größtenteils erdbebensicher bauen. Allerdings werden die finanziellen Kosten deutlich höher sein, da Japan dichter besiedelt ist und schon jetzt viel Infrastruktur zerstört wurde. Wobei dieses Beben zum Glück nicht direkt die Millionenstadt Tokio getroffen hat.

Das heißt, die Japaner hatten noch Glück im Unglück?
Im Prinzip ja. Im Umkehrschluss bedeutet es allerdings auch, dass das große Beben in Tokio, das viele befürchten, noch aussteht.

Wie ist der Tsunami entstanden?
Bei Japan taucht die Pazifische Platte unter die Eurasische. Dabei bauen sich über Hunderte von Jahren enorme Spannungen auf, die sich immer wieder schlagartig in Erdbeben entladen. Diese Erschütterungen bewegen auch die Wassermassen. Wie es aussieht, wurden diesmal Wassermassen um fünf Meter oder sogar mehr auf einer Fläche von mindestens 400 Kilometern mal 40 Kilometern bewegt. Das ist eine riesige Menge an Wasser, die sich mit bis zu mehreren hundert Kilometern pro Stunde den Weg in Richtung Küste bahnt.

Ist die Region besonders erdbebengefährdet?
Ja, extrem. In dieser Region kommt es immer wieder zu sehr starken Erschütterungen. Japan liegt im pazifischen "Ring of Fire", einer Zone entlang der Küsten des Pazifischen Ozeans. Dort ereignen sich 90 Prozent aller Erdbeben weltweit. Da sich auf diesem Gürtel zahlreiche aktive Vulkane befinden, kommt es auch immer wieder zu Ausbrüchen.

Die Region war erst am Mittwoch von einem Erdbeben der Stärke 7,3 getroffen worden. Dieses Beben verlief allerdings glimpflich. Ein Vorzeichen?
Im Nachhinein kann man das so sehen. Aber bis jetzt können wir Erdbeben noch nicht vorhersagen.

Gab es ein funktionierendes Frühwarnsystem für Tsunamis?
Ja, für den Pazifik gibt es ein Frühwarnsystem mit Basis auf Hawaii. Bei starken Erdbeben wird vor den Tsunamis gewarnt und soweit ich weiß, hat dieses System in diesem Fall auch funktioniert. Neun Minuten nach dem Beben gab es eine Warnung.

In welche Richtung breitet sich die Flutwelle aus? Wie gefährlich kann die Flutwelle für die USA und Australien werden?
Die Flutwelle breitet sich in der Pazifik-Region aus. In den USA und Australien wird sie sicher ankommen, obwohl das mehrere Stunden dauern wird. Alaska wird wohl frühestens in fünf bis sechs Stunden erreicht werden. Kalifornien ungefähr in zehn Stunden, Südamerika in zwanzig Stunden. In Australien dürfte die Flutwelle etwas früher ankommen. Gefährlich könnte der Tsunami auch für Hawaii werden, wie schlimm es wird, lässt sich allerdings noch nicht sagen. Klar ist, dass die Welle auf ihrem Weg langsam schwächer wird. Allerdings hängt der Schaden, den sie anrichten kann, auch von der Küstenform ab. Kann sich das Wasser in Buchten sammeln oder ist die Küste flach, können sich die Wellen noch einmal deutlich auftürmen.

Es gibt immer noch Nachbeben in Japan. Drohen noch weitere Tsunamis? Was ist noch zu erwarten?
Nachbeben in der Nähe und am Rand der Bruchzone werden bereits zahlreiche gemeldet, darunter auch eines mit der Stärke größer als sieben. Die nächsten Tage und Wochen wird das sicher noch anhalten. Bei einem derartig großen Hauptbeben können Nachbeben sogar noch über Jahre hinweg auftreten. Im unmittelbaren Umfeld des heutigen Bebens würde ich allerdings in den nächsten Wochen weitere große Beben erwarten, jedoch nicht stärker als das Hauptbeben. Daher dürfte diese Tsunami-Welle auch die schlimmste gewesen sein.

Lea Wolz