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Katastrophe in Japan: Westwind treibt Radioaktivität aufs Meer

Bei einem möglichen GAU in Japan spielt das Wetter eine große Rolle. Momentan bläst der Wind günstig, eine radioaktive Wolke würde auf den Pazifik getrieben. Bei den Prognosen mischt ein alter Bekannter mit. Von Lea Wolz

Wie viel Radioaktivität genau mittlerweile aus dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima in die Umwelt gelangt ist, weiß niemand. Angeblich ist der GAU noch nicht eingetreten, doch radioaktive Stoffe wurden wohl bereits bei der ersten Explosion im Katastrophen-Kernkraftwerk freigesetzt. Zudem hatten die Betreiber des Atomkraftwerks kontaminierten Wasserdampf abgelassen, um Druck von dem Reaktor zu nehmen.

Größere Mengen Radioaktivität - und damit die befürchtete Wolke - könnten in die Umgebung gelangen, wenn es zu einer Kernschmelze kommt und sich das glühende radioaktive Spaltmaterial durch die Schutzhüllen des Kernkraftwerkes frisst. Dann breiten sich neben radioaktiven Gasen wie Krypton oder Xenon auch andere Nebenprodukte der Kernspaltung wie Jod, Cäsium, Strontium oder Plutonium aus.

Wohin solche verseuchten Wolken gelangen und wie gefährlich sie werden, hängt auch vom Wetter ab. Wind und Niederschläge verteilen die verseuchte Fracht. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) hat Japan zumindest in dieser Hinsicht zu Beginn der Woche Glück. Ein Tiefdruckgebiet nordöstlich der Nordinsel Hokkaido sorgt momentan für kräftigen Westwind um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima, der die feinen Partikel der Spaltprodukte aufs offene Meer bläst - und damit weg von den Menschen. "Es gibt allerdings ein Problem in Form von aufziehenden Tiefdruckgebieten", warnt DWD-Meteorologe Christoph Hartmann gegenüber der Deutschen Presseagentur. Östlich von Japan baue sich schon ein neuer Tiefdruckkomplex auf. "Dadurch könnte der Wind vorübergehend auch Richtung Tokio drehen."

Wind dreht bald wieder

Laut Dominik Jung vom Wetterdienst wetter.net könnten dann bei einem eventuellen GAU auch China und Singapur betroffen sein. Doch dem Meteorologen zufolge ist dieses Wind-Szenario nur ein kurzes Intermezzo. "Schon am Dienstagabend dreht der Wind wieder in west-nordwestliche Richtung", sagt Jung zu stern.de. Schadstoffe würden dann wieder in Richtung Pazifik transportiert. Dem Meteorologen zufolge hält diese für Japan gute Windsituation bis in die zweite Wochenhälfte. Das sagt auch der DWD voraus. Günstig ist laut Jung außerdem, dass die Tiefdruckgebiete dafür sorgen, dass sich die Luft gut durchmischt. Eine Konzentration von schädlichen Stoffen nehme damit schnell ab.

Wie gefährlich eine radioaktive Wolke für die Westküste der USA oder Kanada werden kann, hängt auch davon ab, welche Höhe die radioaktiven Partikel erreichen. "Bei einer Reaktorexplosion könnten sie wie bei einem Vulkanausbruch hoch geschleudert werden", sagt Jung. Erreichen sie eine Höhe von fünf Kilometern, geraten sie in die Westwindzone. "Einmal in diese starken Winden angekommen, würden die Partikel gleichsam auf einen Zug aufspringen, der sie bis an die Westküste der USA transportieren kann." Theoretisch könnte eine radiaktive Wolke auf diesem Weg in ein bis zwei Wochen auch Europa und damit Deutschland erreichen. Diese Möglichkeit schätzt Jung aber eher als gering ein. "Falls es doch dazu käme, wäre die Strahlung so verdünnt, dass sie nicht mehr gefährlich wäre", sagt der Meteorologe. "Japan ist dafür zu weit weg." Tiefdruckgebiete über dem Pazifik würden dafür sorgen, dass sich die radioaktive Wolke auf ihrem Weg ausregnet.

Regen kann Radioaktivität auswaschen

Auch in Japan spielt der Niederschlag in den kommenden Tagen eine Rolle. Regen und Schnee könnten für einen sogenannten Fallout sorgen, bei dem die radioaktive Belastung aus der Luft gewaschen wird. So ist laut DWD in der Gegend um das Kernkraftwerk Fukushima am Dienstag Ortszeit mit Regen zu rechnen. "Man kann nur hoffen, dass der Dreck dann über dem Ozean niedergeht - und nicht über einem Wohn- oder Waldgebiet", sagt Meteorologe Hartmann.

In die Diskussion um die meteorologischen Aussichten im Fall eines GAUs mischt sich auch ein Meteorologe, der lange geschwiegen hat. Über Twitter wirft Kachelmann den japanischen Behörden vor, entscheidende Daten zu zensieren. So seien Angaben zu Strahlenwerten in der Region um das Kernkraftwerk Fukushima dem Nuclear Safety Technology Center in Japan zufolge noch "under survey", werden also noch überprüft. "'Under survey' heißt wohl in diesem Fall: Die Daten sind so, dass wir sie euch nicht zeigen, weil wir nichts mit Eurer Panik anfangen können", vermutet Kachelmann.

Von Lea Wolz