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Nagetierplage: Mutierte Ratten auf dem Vormarsch

Wer Ratten bekämpft, setzt ihnen Gift vor, das die Blutgerinnung der Tiere hemmt. Allerdings sterben längst nicht mehr alle Nager daran: Auch in Deutschland breiten sich Ratten aus, die gegen mehrere Gifte resistent sind. Hans-Joachim Pelz erforscht die Verbreitung dieser Ratten.

Von Nina Bublitz

Seit Jahrzehnten setzen Schädlingsbekämpfer beim Einsatz gegen Ratten auf so genannte Antikoagulanzien. Die Mittel wirken auf das Gefäßsystem der Tiere: Sie hemmen die Blutgerinnung, die Adern werden durchlässig und die Tiere verbluten innerhalb weniger Tage innerlich. Das klingt brutal, ist jedoch nötig, um die Nager zurückzudrängen, die sonst Krankheitserreger wie etwa Salmonellen übertragen können.

Doch inzwischen reagieren nicht mehr alle Ratten auf diese Substanzen: Fünf der acht auf dem Markt befindlichen Mittel sind inzwischen gegen viele Nager wirkungslos. "Es gibt viele Gebiete, in denen Ratten resistent gegen ältere Schädlingsbekämpfungsmittel geworden sind", erklärt Hans-Joachim Pelz von der Biologischen Bundesanstalt in Münster. "Das erste Mal hat man dies in Schottland beobachtet, im Jahr 1958. Heute sind weltweit zahlreiche Regionen bekannt, in denen resistente Ratten häufig sind - zum Beispiel in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Auch in den Niederlanden und in den USA gibt es solche Gebiete."

Es fehlt Geld für ein größeres Projekt

Pelz erforscht, in welchen Regionen Deutschland bereits unempfindliche Nager leben. Vor allem im nördlichen Westen finden sich diese Tiere. Sie sind im Münsterland und im südlichen Emsland häufig, nach Norden hin breiten sie sich gen Bremen aus. Im Osten haben sie die Region um Hannover und Peine erreicht, im Süden wurden kürzlich resistente Ratten bei Köln gefunden. Das Wissen um die Resistenz-Verbreitung ist für die Schädlingsbekämpfer von Vorteil: "Wenn man vorher weiß, wo mit Resistenzen zu rechnen ist, kann man dort auf die nicht mehr wirksamen Mittel verzichten."

"Grundsätzlich wäre ein spezifischerer Wirkstoff wünschenswert", sagt er. In Entwicklung befinde sich seines Wissens nach aber kein neues Mittel. Der Markt sei begrenzt - und die Forschung für die die Unternehmen aufwändig. Am Ende muss ein Mittel stehen, welches Ratten tötet, aber Menschen und anderen Säugetieren möglichst wenig oder gar nicht schadet. Zudem muss es für den Notfall ein Gegenmittel geben. "Das sind hohe Anforderungen", urteilt Pelz. Antikoagulanzien erfüllen diese. Falls zum Beispiel ein Hund einen Köder mit Rattengift gefressen hat, kann eine große Dosis Vitamin K ihn retten. Bei der Bekämpfung der Nager hilft zudem, dass die Mittel verzögert wirken. "Die Tiere können nicht begreifen, dass es zusammenhängt, wenn eine andere Ratte einen Köder frisst und mehrere Tage später verendet", erklärt der Experte, "Mit einem Akutgift kann man Ratten nicht bekämpfen. Die ersten Tiere würden es zwar fressen und sterben, die anderen aber dann einen großen Bogen darum machen.

Veränderung in einem Gen

Früher musste Pelz lebende Ratten dem Gift aussetzen, um resistente Tiere zu identifizieren, heute können er und seine Mitarbeiter anhand von Gewebe- oder Kotproben bestimmen, ob ein Tier noch auf das Gift reagiert. Sie untersuchen Proben aus dem gesamten Bundesgebiet, allerdings weniger, als sie gern würden: Denn es fehlt Geld für ein größeres Projekt - einen Doktoranden etwa, der herausfinden könnte, wo exakt die unempfindlichen Nager in Deutschland ihren Ursprung haben.

Die Ursache für die Widerstandsfähigkeit haben Forscher bereits ergründet: Es handelt sich um eine winzige Veränderung in einem einzigen Gen - eine sogenannte Punktmutation. Diese Mutation greift in die Blutgerinnung der Nager ein, sodass die Gerinnungshemmer kaum noch Wirkung zeigen. Dass eine Mutation ein Lebewesen unempfindlich gegen ein Gift werden lasst, kennt man vor allem aus der Medizin: Wenn bestimmte Bakterienstämme resistent gegen ein Antibiotikum werden.

In der freien Natur ist die Mutation für die Ratten ein Nachteil, denn sie führt unter anderem zur Verkalkung der Blutgefäße. Mutierte Nager würden sich normalerweise also eher seltener als häufiger vermehren; die neue Fähigkeit würde sich demzufolge nicht durchsetzen. Wo jedoch oft Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt werden, haben die mutierten Ratten einen klaren Vorteil: Während ihre Artgenossen verenden, leben sie weiter, pflanzen sich fort - und setzen neue Ratten in die Welt, die ebenfalls über die Mutation verfügen können. Ob die Ratten auch gegen die verbliebenen drei Substanzen resistent werden, weiß niemand. Ausschließen kann Hans-Joachim Pelz es nicht.