Populationsbiologie Massensterben der Lemminge geklärt


Nicht vermeintlicher Massenselbstmord, sondern Raubtiere sind für die extremen Schwankungen in der Bevölkerungsdichte von Lemmingen verantwortlich.

Nicht vermeintlicher Massenselbstmord, sondern Raubtiere sind für die extremen Schwankungen in der Bevölkerungsdichte von Lemmingen verantwortlich. Das berichten Biologen der Universitäten Helsinki und Freiburg nach jahrelangen Lemming-Beobachtungen im US-Fachjournal "Science" (Bd. 302, S. 866) vom Freitag. Die Zahl der Lemminge steigt innerhalb eines Populationszyklus von vier Jahren regelmäßig um das Hundert- bis Tausendfache an, um dann plötzlich radikal zu schrumpfen. Obwohl die vermeintlichen Massenselbstmorde auch zuvor schon als Legende galten, waren die wahren Gründe für diese Schwankungen weitgehend rätselhaft.

Hermelin ist schuld

Die Forschergruppe um Olivier Gilg beobachtet seit 15 Jahren jeweils im Sommer die im Nordosten Grönlands lebenden Halsbandlemminge (Dicrostonyx groenlandicus), die in dem äußerst kargen und neun Monate pro Jahr von Schnee bedeckten polaren Ökosystem die einziges Nahrung für vier dort heimische Raubtiere sind. Wie Gilgs Kollege Benoit Sittler der dpa sagte, habe sich bei der Feldforschung der Hermelin als ausschlaggebend für die starke Populationsschwankung unter den bis zu 15 Zentimeter langen Lemmingen erwiesen.

Raubtierpopulationen reagieren verzögert

Während die Schnee-Eule, die Raubmöwe und der Polarfuchs während der langen Winterphase die unter dem Schnee lebenden Nager nicht bedrohten, sei das Fressverhalten der Hermeline der wichtigste Faktor für die Größe der Lemming-Bevölkerung. Da die Raubtiere aber auf Schwankungen der Lemming-Population erst mit erheblicher Verzögerung reagierten, könnten sich die Lemminge zunächst für eine bestimmte Zeit explosiv vermehren. Genau so drastisch falle dann die Entwicklung in die andere Richtung aus, wenn sich schließlich Hermeline ganzjährig und die anderen Raubtiere im Sommer bei ihrer Futterquelle "bedienten".

Der Massen-Todessturz der Lemminge ist eine Legende

Diese Beobachtung sei "einer der seltenen Momente, in denen die Natur grundlegende Theorien widerspiegelt", heißt es in einem Kommentar in "Science". Die Ergebnisse würden zweifellos in künftige Biologiebücher eingehen. Mit ihrer Feldforschung widerspricht die Forschungsgruppe auch der landläufigen Auffassung, dass eigener Nahrungsmangel das dramatische Massensterben von Lemmingen verursache. Zu den angeblichen Massenwanderungen norwegischer Berglemminge mit dem abschließenden Todessturz von Felsen meinte Sittler: "Das ist nichts als eine Legende, die zum Beispiel grönländische Eskimos überhaupt nicht kennen."

Disney verantwortlich für Legendenbildung

Noch nicht mal Massenwanderungen würden die kleinen Nager veranstalten: "Es ist extrem schwer, drei Lemminge auf einmal auf ein Bild zu bekommen." Als zentral für die Verbreitung der Lemming-Legenden machte Sittler einen Disney-Tierfilm aus den sechziger Jahren aus, bei dem Bilder von angeblichen Massenwanderungen eindeutig gestellt worden seien.


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