Rekordtemperaturen Hitzetod und Algenpest


Nicht nur die Menschen, auch die Natur leidet unter den brutalen Temperaturen in Deutschland. Während sich Quallen und Saugwürmer ausbreiten und Blaualgen Seen umkippen lassen, sterben Bäume den Hitzetod.

Sinkende Pegelstände an den großen Flüssen, ausgetrocknete Tümpel, verdorrte Sträucher, Bäume mit schlaffen Blättern: Auswirkungen des Hitzesommers 2006 in Deutschland. Schon gibt es Warnungen vor Folgeschäden für den deutschen Wald. "Gerade für Laubbäume wie Eichen sind die anhaltende Hitze und Trockenheit pures Gift", sagt der Abteilungsleiter für Naturschutz und Umweltpolitik beim Naturschutzbund Deutschland, Jörg Andreas Krüger. "Die Bäume kommen mit dieser Situation überhaupt nicht klar."

Ein großes Problem stellen Hitze und Trockenheit vor allem für die Straßenbäume in Städten und Gemeinden dar. "Ihre Lebensbedingungen sind teilweise wüstenähnlich", sagt der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz in Bonn, Hartmut Vogtmann und verweist auf die weitgehend versiegelten Flächen in den Städten. Straßenbäume müssten auch noch die Hitzeabstrahlung des Asphalts und der Hauswände über sich ergehen lassen, fügt Krüger vom Nabu hinzu. Besonders junge Bäume haben in den Städten Schwierigkeiten bei der Feuchtigkeitsaufnahme. Vogtmanns Rat: Die Bürger sollten Patenschaften für einen Straßenbaum übernehmen und in diesen Tagen zwei bis drei Eimer Wasser an den Stammfuß gießen.

Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sprach sich dafür aus, die Bäume in der Nachbarschaft zu gießen. "Schon mit 10 bis 20 Liter (Wasser) pro Tag kann den Bäumen geholfen werden. Stadtbäume sind besonders wertvoll, weil sie erhebliche Mengen an Staub aus der Luft filtern und wesentlich zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen", sagte er. Zum Start einer solchen Aktion griff Gabriel selbst zur Gießkanne, um zusammen mit Mitarbeitern die Linden vor seinem Berliner Amtssitz mit Wasser zu versorgen.

Im Englischen Garten gehen die Bäume ein

Auch im Englischen Garten in München ist die Situation nach Auskunft von Parkchef Thomas Köster dramatisch. Die ersten der teilweise 200 Jahre alten Baumriesen seien bereits eingegangen, sagte Köster dem "Münchner Merkur". Schuld seien der akute Wassermangel und ein Pilz, der die Wurzeln vor allem von Buchen schädige. Die Gehölzpfleger versprühen derzeit täglich 100.000 Liter, zudem werden Baumstämme zur Kühlung mit Löschkalk eingestrichen.

Bäume seien wie die Menschen durch die Hitze gestresst, sagte Direktorin Susanne Renner vom Botanischen Garten dem Blatt. "Sie müssen bedenken, dass die Bäume durch die Blätter eine riesige Oberfläche haben, an der das Wasser verdunstet", erläuterte die Expertin. "Unsere Laubbäume können sich nur schwer auf die neue Situation einstellen. Sie haben nicht wie Olivenbäume in südlichen Ländern dicke, eingekerbte, gewachste Blätter, die sie vor der Hitze schützen."

Borkenkäfer-Plage droht

Nicht nur die Hitze setzt den Bäumen zu, im Süden Deutschlands befürchten Förster wegen des feucht-warmen Wetters außerdem eine massenhafte Vermehrung des Borkenkäfers. Der Schädling könnte ganze Waldgebiete zerstören. Der bayerische Forstminister Josef Miller rief daher die Waldbesitzer dazu auf, mindestens einmal pro Woche einen Kontrollgang zu machen. Betroffene Bäume müssten sofort geschlagen und entfernt werden. Wegen der drohenden Waldbrandgefahr werden die unterfränkischen Wälder täglich aus der Luft beobachtet.

Blaualgen-Alarm in Niedersachsen

Während die Bäume unter der Hitze leiden, breiten sich in Tümpeln und Seen rasend schnell Bakterien aus. Vor allem die giftigen Blaualgen beginnen durch die hohen Temperaturen und die Sonneneinstrahlung zu wuchern. Ab sofort gilt daher für fünf Badegewässer im Nordwesten Niedersachsens: Baden verboten. Am Mittwoch wurde das Baden an jeweils einer Badestelle des Zwischenahner Meeres, des Helenensees bei Großenkneten und in einem Altarm des Flusses Hunte wegen Blaualgen-Blüte untersagt. Wegen der giftigen Algen waren zuvor bereits der Banter See in Wilhelmshaven und die Alte Weser in Weyhe für Badende gesperrt worden.

Jörg Andreas Krüger vom Nabu erklärt, wie man durch Algen umgekippte Badeseen erkennt: "Die Gewässer miefen dann wie schlecht gepflegte Aquarien."

Auch an den Küsten der Insel Usedom besteht Blaualgengefahr. Die Gesundheitsbehörden haben nach Angaben der Kreisverwaltung Ostvorpommern Algen an Badestellen am Achterwasser und am Peenestrom nachgewiesen. Ein Beobachtungsschiff, das im Auftrag des Umweltministeriums unterwegs war, entdeckte zwei größere Algenansammlungen in der Pommerschen Bucht. Vergangene Woche war wegen Blaualgen ein Badeverbot für die Eckernförder Bucht ausgesprochen worden.

Angriff der Wasserasseln

Zusätzlich trüben in Schleswig-Holstein Wasserasseln, Quallen und Saugwürmer den Badespaß. An einigen Ostseestränden, etwa im Kreis Plön oder in Lübeck-Travemünde, müssen Schwimmer mit den baltischen Wasserasseln rechnen. "Diese verwechseln Seegras mit dem Menschenbein und klammern sich fest", sagt der Experte im Gesundheitsministerium, Ansgar Knobling. Dies sei zwar ein unangenehmes Gefühl, die bis zu drei Zentimeter großen Asseln seien aber ungefährlich.

"Wenn die Asseln sich nicht selbst wieder ablösen, können sie vorsichtig mit den Händen abgelöst werden, damit keine Hautrötungen entstehen", sagt Knobling. Er rechnet damit, dass sich das Problem mit den Wasserasseln verstärken wird, sollte es in den kommenden Tagen Gewitter geben. Bei heftigeren Stürmen würden Seegräser, auf denen Asseln leben, abgerissen und an die Küsten getrieben.

Harmlose Quallen, lästige Saugwürmer

Auch vereinzelte Meldungen über größere Ansammlungen von Quallen haben das schleswig-holsteinische Gesundheitsministerium erreicht. Doch auch diese seien harmlos, versichert Knobling. Es handle sich um die weißen Ohrenquallen. Ein Problem mit roten Feuerquallen, die bei Berührung Rötungen und allergische Reaktionen auslösen können, gebe es derzeit nicht.

In mehreren Badeseen Norddeutschlands verderben Saugwürmer den Spaß am Sprung ins kühle Nass, unter anderem im Kreis Ostholstein und im Kreis Herzogtum Lauenburg. Saugwürmer gebe es vor allem in der Nähe von Wasservögeln, berichtete Knobling. Sie bohren sich in die Haut und können Juckreiz auslösen, der bis zu 15 Tagen anhält. Da sich die Saugwürmer vor allem im warmen Wasser wohl fühlen, sollten kleine Kinder dort nicht plantschen, empfiehlt Knobling.

DPA/AP AP DPA

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