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Studien: Biosprit heizt Klimawandel an

Kraftstoff aus Pflanzen - das klang erst nach der grünen Alternative für fossile Brennstoffe. Doch die Bilanz für Biosprit ist mies, wie gleich drei aktuelle Studien zeigen: Durch den Biotreibstoff landen mehr Treibhausgase in der Atmosphäre. Und die Nahrungsmittelpreise steigen.

Von Nina Bublitz

Die Produktion von Biosprit könnte den Klimawandel in vielen Fällen drastisch beschleunigen. Denn in der Endbilanz entstehen durch Produktion und Nutzung des Kraftstoffs aus Mais, Raps oder Palmöl mehr Treibhausgase als durch das Fördern und Verbrennen fossiler Brennstoffe. Zu diesem Schluss kommen drei wissenschaftliche Studien, die in den Journalen "Science" und "Atmospheric Chemistry and Physics" veröffentlicht werden.

Das erste Biosprit-Problem: Um Anbauflächen für die Pflanzen zu schaffen, werden Wälder und Grasflächen zerstört. "Diese natürlichen Flächen speichern große Mengen Kohlendioxid, werden sie in Agrarflächen umgewandelt, wird es in die Atmosphäre freigesetzt", erklärt John Fargione, dessen Studie in "Science" erscheint. Der Wissenschaftler arbeitet bei der Umweltorganisation "Nature Conservancy".

Fargione und seine Kollegen ermittelten, dass die Kohlendioxid-Bilanz besonders für Biotreibstoff aus Palmöl verheerend ist - weil Urwaldflächen in Indonesien gerodet werden, um Platz für Palmenplantagen zu schaffen. Die Forscher haben errechnet, wie lange man Biosprit produzieren müsste, um durch dessen Einsatz den Kohlendioxidausstoß durch die Rodung der Fläche wieder auszugleichen: Sie kamen auf 423 Jahre. Auch die Produktion von Soja im Amazonasgebiet - auf ehemaligen Regenwaldflächen - hat eine miese Bilanz. Erst nach 319 Jahren wäre hier die ursprüngliche Kohlendioxid-Schuld beglichen.

Nobelpreisträger fordert kritische Treibhausgasbilanz

Ein Team um Timothy Searchinger von der Princeton University berechnete in der zweiten in "Science" veröffentlichten Studie, was die Produktion von Biosprit aus Mais mit sich bringen würde. Ihr Schluss: "Wenn Ackerflächen genutzt werden, um mehr Biotreibstoffe zu produzieren, wird das sehr wahrscheinlich die globale Erwärmung verstärken."

Nach einer Untersuchung des Nobelpreisträgers Paul Crutzen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz setzt zudem der Pflanzendünger drei- bis fünfmal mehr Distickstoffmonoxid (Lachgas) frei als der Weltklimarat IPCC bislang angenommen hat. Dies berichtet Crutzen im "Atmospheric Chemistry and Physics". Das stickstoffhaltige Lachgas ist ein 300mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Biodiesel aus Raps und Mais seien allein deshalb klimaschädlicher als normaler Treibstoff. 80 Prozent des Biodiesels werde aus Raps produziert. "Ich bin nicht generell gegen Biosprit, sondern nur dagegen, wie er momentan angewendet wird", sagt Crutzen. Er forderte eine umfassende, kritische Treibhausgasbilanz für jeden Biokraftstoff. Der Nobelpreisträger hatte seine Studie bereits im September im Internet zur Diskussion gestellt. Ende Januar wurde sie nun ohne bedeutende Veränderung gedruckt.

Im Tank statt auf dem Teller

Dazu kommt ein zweites großes Biosprit-Problem: Wenn Mais und Soja immer häufiger im Tank landen, wirkt sich das auf die Lebensmittelpreise aus. In Mexiko etwa stiegen in den vergangenen Jahren die Preise für Tortillas drastisch, weil die USA immer mehr Mais einkauft. Ein Drama: Während sich Autofahrer auch teureren Biosprit leisten, können arme Familien Grundnahrungsmittel wie Maisfladen nicht mehr bezahlen. Südafrika reduzierte kürzlich die Biosprit-Produktion - und stoppte die Herstellung von Treibstoff aus Mais komplett, weil die Pflanze ein günstiges Grundnahrungsmittel ist.

Die Bundesregierung arbeite derzeit "mit Hochdruck" an einer Verordnung, die Klimabilanz und Naturverbrauch der Biokraftstoffe berücksichtigen soll, betonen Umwelt- und Landwirtschaftministerium in der "Roadmap Biokraftstoffe". Große Hoffnungen setzen Politiker und Forscher auf Biokraftstoffe der zweiten Generation, die eine bessere Klimabilanz haben. Für diesen Sprit können alle Pflanzenteile und damit auch Holzabfall genutzt werden. Holz wird in dem sogenannten BtL-Verfahren (Biomass to Liquid/Biomasse zu Flüssigkeit) etwa erst in Gas umgewandelt und dann zu Ethanol verarbeitet.