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Weißnasen-Syndrom: Neue Krankheit rafft Amerikas Fledermäuse dahin

Ein Pilz bedroht Nordamerikas Fledermäuse: Mindestens sieben Arten leiden unter dem Krankheitserreger. Die Bestände drohen innerhalb weniger Jahre zusammenzubrechen. Das hätte fatale Folgen fürs Ökosystem und damit auch für den Menschen.

Von Ina Vollmer

In etwa 16 Jahren wird die Kleine Braune Fledermaus in den USA wohl ausgestorben sein. Schon jetzt ist ihre Anzahl stark zurückgegangen. Schuld ist ein relativ neu entdeckter Pilz, der das Weißnasen-Syndrom (WNS) auslöst, bei dem unter anderem die Nase der Fledermaus mit weißen Polstern bedeckt wird. Die Ausrottung der Fledermausart hätte verheerende Folgen für das Ökosystem.

Die erschreckende Prognose stammt von Forschern der Universitäten Boston und Kalifornien, Santa Cruz. Insgesamt seien bereits sieben Arten befallen. Am schlimmsten jedoch die Kleine Braune Fledermaus, die auszusterben drohe. Betroffen seien Populationen im Nordosten der USA, in diesem Jahr wurde der Erreger erstmals auch in Kanada entdeckt, schreiben sie im Fachmagazin "Science". Der Pilz könne sich jedoch durchaus weiter verbreiten. "Dies ist eine der schlimmsten Katastrophen der Tierwelt Amerikas", sagt Winnifried F. Frick von der Universität Boston.

Die Kleine Braune Fledermaus hat im Vergleich zu anderen amerikanischen Arten das größte Verbreitungsgebiet. Das Flattertier aus der Familie der Mausohren ist fast in den gesamten USA sowie im nördlichen Mexiko, im südlichen Kanada und Alaska verbreitet. Sollte sie aussterben, droht eine Insektenschwemme. Denn ein Exemplar der Spezies frisst pro Nacht die Hälfte seines eigenen Körpergewichts, trächtige Weibchen sogar bis zu 110 Prozent ihrer Körpermasse. Insekten sind nicht nur lästig, besonders Mücken übertragen teils gefährliche Krankheiten.

Der tödliche Pilz hat sich schnell verbreitet

WNS wird durch den Pilz Geomyces destructans ausgelöst, der 2006 zum ersten Mal im Bundesstaat New York entdeckt wurde. Er liebt die Kälte in den von den Fledermäusen bewohnten Höhlen und Minen und befällt vor allem die Nase und die Flügel der Tiere. Dort formt er weiße Polster und verursacht, dass die Tiere während des Winterschlafs öfter aufwachen. Wichtige Fettreserven werden schon vor dem Frühling aufgebraucht und die Fledermäuse verhungern. Wie genau G. destructans in die USA gelangte, ist noch nicht bekannt. Die Forscher vermuten, dass Schiffe aus Europa den Pilz eingeschleppt haben.

In Europa gibt es den Erreger wohl schon seit 25 Jahren, berichten europäische Forscher. Die Wissenschaftler befürchteten, dass auch die 40 in Europa lebenden Fledermausarten durch G. destructans bedroht sind. Gudrun Wibbelt, Leiterin einer Studie vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung gibt jedoch Entwarnung: "Bisher scheint der Pilzbefall keinen tödlichen Einfluss auf unsere Fledermausarten gehabt zu haben", sagt sie. Trotzdem sei eine weitere Erforschung des Syndroms wichtig, auch um den Fledermäusen in den USA besser helfen zu können.

Seit der Entdeckung vor vier Jahren hat WNS bereits Nachtschwärmer in 115 Höhlen und anderen Überwinterungsstätten befallen. Mindestens zwei Jahre nachdem der Erreger in eine Region gelange, hätten die ansässigen Fledermauspopulationen sich infiziert. Zum Überwintern sammeln sich bis zu 500.000 Fledermäuse in jeder Stätte. Im Jahr sterben wegen des Pilzes im Durchschnitt 75 Prozent der Tiere einer solchen Kolonie. Es ist unwahrscheinlich, dass die Population sich erholt, denn die Weibchen der Mausohrenart gebären nur ein Junges pro Jahr.

US-Forscher analysierten im Zuge der Studie Daten der vergangenen 30 Jahre von 22 Überwinterungsstätten aus fünf Bundesstaaten und verglichen sie mit Zahlen über kranke Tiere aus dem Jahr, in dem der Pilz entdeckt wurde. "Die Ergebnisse zeichnen ein düsteres Bild", schreiben sie in Science: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent wird es die Kleine Braune Fledermaus in 16 Jahren nicht mehr geben. Noch ist sie nicht auf der roten Liste der gefährdeten Tierarten, doch Umweltorganisationen versuchten jetzt schon alles um die Fledermaus zu retten, sagt Frick von der Universität Boston. Damit Fledermausexperten das Syndrom weiter erforschen und bekämpfen können, hat der US-Kongress 1,9 Millionen Dollar bereitgestellt.

Mit Material von DDP

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