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DNA-Analyse Fund in Sibirien – der tragische Tod der ersten Neandertalerfamilie

Rendering des Neandertaler-Vaters mit seiner Tochter
Rendering des Neandertaler-Vaters mit seiner Tochter
© Tom Björklund / PR
Nobelpreisträger Svante Pääbo identifizierte erstmals das Genom einer Familie von Neandertalern. Als das Jagdglück sie verließ, ist die Gruppe in einer Höhle verhungert. Unter ihnen ein Vater mit seiner jungen Tochter.

In einer russischen Höhle haben Wissenschaftler die Reste einer Familie von Neandertalern gefunden. Die Erbinformationen in den Knochen verrieten, dass es sich um einen Vater, seine junge Tochter und weitere Verwandte handelt. Insgesamt sind es elf Personen. Die Familie starb gemeinsam, vermutlich in einer Tragödie – es ist anzunehmen, dass sie gemeinsam verhungert sind.

Analysen aus versteinerten Knochen

Der schwedische Genetiker Svante Pääbo wurde vor Kurzem für seine Arbeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er entschlüsselte die DNA in der Danisova-Höhle, die etwa 100 Kilometer von dem Fundort der Familie entfernt ist. Er sagte: "Ich hätte am Anfang meiner Arbeit nicht gedacht, dass wir in der Lage sein würden, einen Vater und eine Tochter anhand von Knochenfragmenten oder Neandertaler-DNA in Höhlensedimenten nachzuweisen, oder irgendetwas anderes von dem, was jetzt fast schon Routine ist."  Die Toten wurde in einer sibirischen Höhle namens Chagyrskaya gefunden. Dort hat man 2007 angefangen zu graben. In der Höhle stieß man auf Knochen- und Zahnfragmente von Neandertalern, Steinwerkzeuge und Knochen von geschlachteten Bisons. Insgesamt 90.000 Fundstücke. Die große Zahl erklärt sie, weil damals die Zeit praktisch "stillstand" und diese Unterschlüpfe über tausende von Jahren benutzt wurden. Die umherziehenden Gruppen ließen sich dort vermutlich nieder, um Bisons auf den benachbarten Weideflächen zu jagen.

Die Untersuchung brachte weitere Erkenntnisse. Als man die Funde mit den Neandertalern in der benachbarten Denisova-Höhle verglich, zeigte sich, dass beide Gruppen überhaupt nicht miteinander verwandt waren. Die "Familie" wies eine hohe genetische Verwandtschaft mit Neandertalern im weit entfernten Kroatien auf. Die Forscher nehmen an, dass die Neandertaler in zwei Wellen von Westeuropa nach Sibirien kamen. Zuerst nach Denisova und Zehntausende von Jahren später nach Chagyrskaya.

Missglückte Jagd der Neandertaler

In der Höhle wurden nun sechs Erwachsene und fünf Kinder gefunden, allesamt in einer Sedimentschicht begraben. Die enge genetische Verwandtschaft legt nahe, dass die elf Personen in etwa zur gleichen Zeit gelebt haben. Ein gebrochener Wirbel stammte von einem erwachsenen Mann, ein Zahn von einem weiblichen Teenager. Vater und Tochter – dazu gab es weitere Verwandtschaftsbeziehungen der Toten. Dr. Skov, Co-Autor der Studie, sagte, dass die Verwandtschaft der Neandertaler darauf hindeutet, dass sie alle auf einmal gestorben sind. "Es scheint ein einziges Ereignis zu sein, bei dem sie alle starben". Skov vermutet, dass die Bisonjagd der Gruppe in einem Jahr fehlschlug, was zu einer Hungersnot führte.

Der Vergleich mit weiteren Funden zeigte das Phänomen des "Frauentausches" – die Männer bleiben meist in der Gruppe, in der sie geboren wurden, während die Frauen in eine andere wechselten, bevor sie schwanger wurden. So wurde der Genpool der kleinen umherwandernden Gruppen vergrößert. In Sibirien gelang das nur eingeschränkt, weil die Population insgesamt sehr klein war. Die Forscher schätzen sie auf kaum 1000. "Das ist vergleichbar mit dem Berggorilla, der vom Aussterben bedroht ist", sagte Dr. Skov.

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