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Prostitution Von wegen sittsam: Im 18. Jahrhundert hatte jeder fünfte Londoner Syphilis

Bordellszene aus William Hogarths "Werdegang eines Wüstlings".
Bordellszene aus William Hogarths "Werdegang eines Wüstlings".
© Wiki / Commons
Im 18. Jahrhundert verwandelte sich London in ein riesiges Bordell. Von überallher strömten junge Menschen in die Stadt. Sie mussten sich verkaufen, um nicht zu verhungern. Männer wie James Boswell nutzen das Elend weidlich aus – er steckte sich 19 Mal an.

Ein Fünftel aller Bewohner Londons litten im 18. Jahrhundert unter Syphilis. Sex war angesichts dieser Durchseuchungsrate eine risikoreiche Unternehmung, wenn auch allgegenwärtig. Denn die Stadt galt als "verdorben" und das offenbar zu Recht. Auch fällt die Sonderrolle der Hauptstadt auf. Der "Sündenpfuhl" London erreichte eine 25 Mal höhere Infektionsrate als ländliche Gegenden der Zeit. Das sagt eine Studie der Historiker Professor Simon Szreter von der Universität Cambridge und Professor Kevin Siena von der kanadischen Trent University, die in der Zeitschrift "Economic History Review" veröffentlicht wurde.

Konservative Schätzung

Die Studie konnte die Infektionsraten bei Männern und Frauen unter 35 Jahren berechnen. Die Forscher sind sich sicher, dass ihre Schätzung von einem Fünftel konservativ ist und nur einen Mindestwert darstellt. Außerdem seien weit mehr Menschen an Gonorrhöe oder Chlamydien erkrankt als an Syphilis, so die Studie. Letztlich habe die überwiegende Mehrheit der Hauptstädter damals an einer Geschlechtskrankheit gelitten.

Wirklich überraschen kann das nicht, James Boswell, berühmt wegen seiner Biografie von Samuel Johnson, erwähnt in seinem nicht minder berühmten Tagebuch in 19 Episoden seine Geschlechtskrankheiten im Zusammenhang mit Eskapaden in Londoner Bordellen. Boswell trug dazu bei, "unser Verständnis der Bevölkerungsstruktur, der sexuellen Gewohnheiten und der breiteren Kultur der Hauptstadt, die zur größten Metropole der Welt wurde, zu verändern", so die Forscher.

Zeitalter der Libertinage

Boswell, glücklich verheiratet, stellte ununterbrochen den Frauen nach und obwohl er ein Kondom - die "Rüstung" - benutzte, erkrankte er 19 Mal. Für einen berühmten und wohlhabenden Mann wie ihn war schneller Sex immer möglich, wie er schreibt. "Am Fuße des Haymarket hob ich ein starkes, fröhliches junges Mädchen auf, nahm sie unter den Arm und führte sie zur Westminster Bridge, und dann in voller Rüstung setzte ich sie auf dieses edle Bauwerk. Die Laune, es dort zu tun, während die Themse unter uns rollte, hat mich sehr amüsiert."

Aber er hatte nicht nur Abenteuer mit jungen Mädchen, sondern auch mit Frauen seines Standes wie der Schauspielerin Anne Lewis. Auch von dieser turbulenten Beziehung, die er detailliert schilderte, zog er sich die "Plage der Venus" zu.

Ein deutscher Besucher notierte damals schockiert. "Gewöhnlich steht eine ganz Schar weiblicher Kreaturen vor den Theatern, unter denen sich auch Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren befinden. Das ist der beste Beweis für die moralische Verderbtheit in London."

"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Boswells London seinen historischen Ruf voll und ganz verdient", sagte Szreter. Der Schwerenöter Boswell war keine Ausnahme. "Die Stadt hatte zu dieser Zeit eine erstaunlich hohe Rate von Geschlechtskrankheiten. Es scheint nicht länger unvernünftig zu sein, anzunehmen, dass die Mehrheit der Menschen, die in London lebten, irgendwann an einer Geschlechtskrankheit erkrankten."

Elend der Zugewanderten

"Es ist nicht sehr überraschend, dass sich die Sexualkultur in London in dieser Zeit von der des ländlichen Großbritanniens unterschied. Aber jetzt ist es ziemlich klar, dass London in einer ganz anderen Liga spielte als selbst größere Provinzstädte wie Chester", so Szreter.

Der eigentliche Motor hinter den Krankheiten waren Elend und Prostitution. Die Forscher nehmen an, dass ein guter Teil der jungen Menschen, die damals in die Stadt strömten, der Prostitution nachgingen, um nicht zu verhungern. Geschlechtskrankheiten waren vor allem unter jungen, verarmten, meist unverheirateten Frauen weit verbreitet. Entweder waren sie Prostituierte oder sie lebten unter Bedingungen, in denen sie häufig sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. In der gleichen Situation befanden sich auch junge, arme und zugewanderte Männer. Und dann gab es die Risikogruppe, der auch James Boswell angehörte: Etablierte Herren, die sich die sexuellen Dienstleistungen der Armen leisten konnten.

Heilung mit Quecksilber 

Bei den ersten Anzeichen der Krankheit, wie einem Ausschlag oder Schmerzen beim Wasserlassen, hofften die meisten Menschen, dass sie nur den "Tripper" (Gonorrhoe) und nicht die "Pocken" (Syphilis) hätten, so die Forscher. Gonorrhoe wurde mit verschiedenen Pillen und Tränken behandelt. Die Syphilis konnte man nur durch eine Tinktur auf Basis von Quecksilber bekämpfen. Eine Kur, die hoffte, dass das Gift die Krankheit töten würde, bevor der Patient an dem Medikament verstarb. Sie erforderte mindestens fünf Wochen stationäre Behandlung. Diese wurde kostenlos von Krankenhäusern in London angeboten. Sie brachten damals 20 bis 30 Prozent ihrer Patienten in "unreinen" Syphilis-Abteilungen unter.

Quelle:  Economic History Review

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