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"Update Deutschland" Raul Krauthausen: "Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland systematisch aussortiert"

Inklusionsaktivist Raul Krauthausen
Aktivist Raul Krauthausen nimmt am Hackathon "Update Deutschland" vom 19. bis 21. März teil
© Raul Krauthausen
Inklusionsaktivist Raul Krauthausen nimmt vom 19. bis zum 21. März an der Initiative "Update Deutschland" teil und sucht dort nach Lösungen für die großen Probleme. Im Gespräch mit dem stern spricht er darüber, wie behinderte Menschen in der Corona-Pandemie vergessen wurden.

Raul Krauthausen (40) setzt sich als Autor, Moderator und Inklusionsaktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Bei den von ihm gegründeten "Sozialheld*innen" arbeiten Medienschaffende an Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Als einer von vielen prominenten Unterstützern nimmt Krauthausen am 48-stündigen Hackathon "Update Deutschland" teil, bei dem Menschen aus ganz Deutschland Lösungen für die großen Probleme unserer Gesellschaft finden wollen.

Herr Krauthausen, wurden Menschen mit Behinderungen während der Pandemie vernachlässigt?

Krauthausen: Behinderte Menschen sind ein Jahr lang vergessen worden. Sie wurden nicht bei Masken, Desinfektionsmitteln, Tests und jetzt bei Impfungen mitgedacht. Menschen mit Behinderungen, die in Heimen leben, werden geimpft – im Gegensatz zu jenen, die mit denselben Diagnosen in ihren eigenen vier Wänden leben. Erst jetzt justiert die Regierung da langsam nach. Allerdings kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen. Jeder versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und Menschen mit Behinderung bleiben außen vor.

Was würden Sie von der Politik fordern?

Geht nicht davon aus, dass behinderte Menschen in Heime gehören! Das ist altes Denken. Behinderte Menschen müssen von Anfang an mitgedacht werden – auch in solchen Ausnahmesituationen. Es ist ein Skandal, dass die Pressekonferenzen von Jens Spahn immer noch nicht in Gebärdensprache übertragen werden.

Es ist absurd, dass politisch darüber diskutiert wurde, Polizisten bei der Impfung vorzuziehen, bevor über Eltern von behinderten Kindern gesprochen wurde. Behinderte Menschen jedes Mal aufs Neue vergessen, zeigt wie wenig Wertschätzung ihnen entgegengebracht wird.

Privatunternehmen in die Pflicht nehmen: "Ich glaube nicht mehr an Freiwilligkeiten"

Sie setzen sich in vielen verschiedenen Projekten und Initiativen für Barrierefreiheit und Inklusion ein – auch im Rahmen von Update Deutschland. Wie barrierefrei ist Deutschland tatsächlich?

Das Problem ist, dass die Deutschen glauben, dass sie in allem die besten sind. Die Corona-Pandemie zeigt uns, dass das nicht der Fall ist. Beim Thema Barrierefreiheit wissen wir das schon seit Jahrzehnten. Deutschland ist als wirtschaftlich drittstärkstes Land der Welt nicht das drittbeste Land der Welt, was Barrierefreiheit angeht.

Was bedeutet das für den Alltag?

Zum Beispiel ist es nach wie vor Standard, dass ich mich bei der deutschen Bahn zwei bis drei Tage vorher anmelden muss, wenn ich in einen Zug steigen will. Man kann mir sogar eine Mitnahme verweigern – weil die Bordtoilette kaputt ist oder das Personal gerade keine Zeit hat. In Ländern wie Österreich, Japan oder Großbritannien gibt es viel stärkere Rechte für Behinderte. Im Zweifel können Betroffene dort vor Gericht ziehen und Unternehmen verklagen, wenn sie nicht barrierefrei sind.

In Deutschland wird es der Zivilgesellschaft und gemeinnützigen Organisationen überlassen, Menschen mit Behinderung über ihre Rechte zu informieren. Und diese Organisationen müssen ständig darum ringen, die Finanzierung für das nächste Jahr zu gewährleisten.

Was muss sich konkret ändern?

Ich glaube nicht mehr an Freiwilligkeiten. Ich glaube auch nicht mehr an "die Barriere in den Köpfen", die wir durch Aufklärung senken müssen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass sowohl bei der Frauenquote, als auch bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes, Freiwilligkeit nicht geholfen hat.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Privatwirtschaft mehr in die Pflicht genommen werden muss. Direkte Nachbarländer machen das bereits: Österreich hat vor zwölf Jahren ein Gesetz erlassen, in dem die Privatwirtschaft verpflichtet wurde, innerhalb von zehn Jahren barrierefrei zu sein. Seit zwei Jahren können behinderte Menschen bei Nichteinhaltung klagen.

Impfplan vergisst Menschen mit Behinderung

Laut Statistischem Bundesamt war 2019 fast jeder zehnte Mensch in Deutschland schwerbehindert. Auf dem Arbeitsmarkt sind Behinderte unterrepräsentiert. Woran liegt das?

Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland systematisch aussortiert. Sie landen erst in Förderschulen, dann in Berufsbildungswerken und letztendlich in Behindertenwerkstätten. Diese Einrichtungen werden von den größeren Wohlfahrtsorganisationen betrieben. Jedes System füttert dabei das nächste.

Warum ändert sich nichts?

Es existiert kaum ein Anreiz, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Weniger als ein Prozent der Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, kommen irgendwann auf den normalen Arbeitsmarkt. Und dafür bekommen diese Werkstätten unglaublich viel Geld. Die Beschäftigten selbst verdienen allerdings nicht einmal den Mindestlohn. Säßen in den Organisationsvorständen Menschen mit Behinderung, wäre deren Arbeit viel mehr im Sinne der Betroffenen.

Und was machen Privatunternehmen?

Unternehmen sind ab einer Größe von 20 Mitarbeitern dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Belegschaft mit Menschen mit Behinderungen zu besetzen. Firmen erzählen uns oft, dass sie das zwar wollen, aber keine Menschen mit Behinderung finden. Es ist zu einfach, der Verpflichtung nicht nachzukommen. Die Unternehmen zahlen einfach eine monatliche Ausgleichsabgabe von 300 Euro pro Nicht-Beschäftigten und das Problem hat sich erledigt.

Warum also diese Abgabe nicht verdreifachen? Es muss für Unternehmen genauso teuer oder gar teurer sein, Menschen mit Behinderungen nicht zu beschäftigen wie es zu tun. Außerdem muss die Bürokratie einfacher werden: Wenn es zum Beispiel um die Finanzierung eines Umbau in einer rollstuhlgerechten Toilette geht, sollten keine unzähligen Nachweise erbracht werden müssen.

Muss nicht noch früher angesetzt werden. In den Schulen?

Die Bildung an Förderschulen ist nicht automatisch schlechter als die an Regelschulen. Es heißt aber immer: Kinder mit Behinderung halten andere Kinder in der Regelschule vom Lernen ab. Dabei ist Behinderung so vielfältig. Das können Kinder mit einem Arm, mit einer geistigen Behinderung oder mit einer Nussallergie sein. Deshalb macht diese Pauschalisierung keinen Sinn! 1920 haben wir diskutiert, ob Jungs und Mädchen gemeinsam in die Schule gehen sollen – schließlich könnten Mädchen die Jungs ablenken. Das ist genauso dumm.

Was kann jeder von uns tun, um zu einer inklusiveren Gesellschaft beizutragen?

Wenn einem die Rechte behinderter Menschen am Herzen liegen, empfiehlt es sich in der kommenden Bundestagswahl keine Partei rechts von der SPD zu wählen. Diese Parteien haben in solchen Fragen noch nie in erster Reihe gestanden, im Gegenteil: Sie waren eher Verhinderer. CDU und FDP haben Inklusion immer so lange gut gefunden, wie sie kein Geld gekostet hat. 

Smart City: Daten für alle

Warum sind Projekte wie "Update Deutschland" so wichtig?

Ich hoffe, dass wir mit solchen Initiativen zu einem modernen Denken in den Verwaltungen beitragen können. Der Föderalismus ist ein großes Problem: Politiker*innen jeder Partei sprechen von Digitalisierung. Dabei wissen die meisten gar nicht, was das bedeutet. Digitalisierung heißt nicht, ein PDF zu scannen und auf eine Website zu packen. Digitalisierung heißt. Daten effizient aufzubereiten, um sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Eine der Ideen, über die sie beim 48-Stunden-Sprint bei Update Deutschland mitdiskutieren wollen, ist die inklusive "Smart City". Was meinen Sie damit?

Wenn man Bürgermeister*innen und Menschen aus der Verwaltung fragt, wissen sie selbst nicht, was Smart City bedeutet. Für mich bedeutet es, Daten, die eine Stadt generiert, der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Damit könnten Bürger*innen eigene Anwendungen und Apps zu entwickeln.

So könnten Menschen mit Behinderung beispielsweise in Echtzeit darüber informiert werden, ob ein Aufzug funktioniert oder eine Bahn zugänglich ist. Dann ist es auch egal, ob ich behindert bin oder nicht: Wenn ich als Elternteil mit Kinderwagen unterwegs bin, profitiere von solchen Infos genauso. Sowas ist meines Wissens nach allerdings in keinem Smart-City-Konzept vorgesehen.

"UpdateDeutschland" – so können Sie mitmachen

Wer kann mitmachen?

Jeder. Bürgerinnen und Bürger können einerseits ganz konkrete Problemstellungen einreichen. Außerdem können sie sich um eine Teilnahme am Hackathon bewerben. Auch Kommunen können ihre Probleme einreichen. Schon bestehende Initiativen oder Teams können ihre Projekte im Rahmen des Hackathons weiterentwickeln. Und Unternehmen und Organisationen können die Teams während des Kreativwochenendes mit ihrer Expertise unterstützen.
 

Welche Probleme kann man einreichen?

Bei "UpdateDeutschland" heißen Problemstellungen "Herausforderungen". Sie sollen aus den folgenden sechs Themenfeldern kommen:

1. Klimaneutrale, lebenswerte Zukunft

2. Gesundheit und mentales Wohlbefinden

3. Digitaler Staat und digitaler Verbraucherschutz

4. Bildung, lebenslanges Lernen und neue Arbeit

5. Demokratie, Partizipation und Engagement

6. Lebendiges Stadt- und Landleben
 

Beispiel:

Herausforderungen werden als "Wie können wir…"-Fragen eingereicht. Zum Beispiel: "Wie können wir die Teilhabe im digitalen Raum von älteren Menschen stärken?"
 

Wann passiert was?

Bis zum 17.3.2021, 18 Uhr, können Fragen eingereicht werden.

Vom 19.–21.3.2021 findet der Hackathon statt.

Vom 15.4.–19.8.2021 werden die Projekte aus dem Hackathon umgesetzt.
 

Alle Infos und Anmeldeformulare unter https://updatedeutschland.org


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