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Andreas Petzold: #DasMemo: Trump führt einen Krieg gegen die Realität

Es ist soweit: Durch die Lügenstrategie des Weißen Hauses weiß niemand mehr so recht, was nun eigentlich die Realität ist. Das soll auch so sein, Donald Trump will selbst entscheiden, was wahr und was falsch ist.

Donald Trump

Donald Trump ist omnipräsent

Trump. Überall Trump. Hier, in allen Medien, beim Frühstück, in Telefonaten mit Freunden, auf dem U-Bahn-Bildschirm, auf allen Smartphones und Geburtstagspartys, in sozialen Netzwerken. Nach fast 20 Tagen im White House fühlt man sich mental überschwemmt von zyklischen Empörungswellen, die der Präsident der (man muss sich zwingen, das zu schreiben) und seine unorganisierte Meute aus dem Oval Office auslösen. Sie türmen täglich derart viele Ungeheuerlichkeit auf, dass man abends mit dem Sortieren, geschweige denn mit dem Einordnen der Konsequenzen, gar nicht mehr hinterherkommt.

Peinlichkeiten, Provokationen, Pannen, Verschwörungstheorien, Lügen, Beleidigungen, Anfeindungen, Drohungen, Diskriminierungen. Niemand außer den eigenen Wählern ist davor gefeit: die Presse, Regierungschefs, befreundete Staaten, die eigene Partei, Richter, Firmen mit hunderttausenden Beschäftigten.

Erst reden, dann nachdenken

All das passiert manchmal zufällig, manchmal strategisch orchestriert, passt aber immer ins Bild einer Administration, die ihrer Deutungshoheit alles unterordnet, zu allererst die Wahrheit. Auf CNN relativierte Sonderberaterin Kellyanne Conway die falschen Behauptungen ihres Chefs lapidar: "Sind diese (Unwahrheiten) wichtiger als viele Dinge, die er sagt, die wahr sind, und die das Leben der Menschen ändern?" Also, alles halb so schlimm. Donald Trump führt einen Krieg gegen die Realität. Das Schlachtfeld reicht vom Press Room des Weißen Haus bis ins südchinesische Meer. Und die Brocken fliegen uns von morgens bis abends um die Ohren.

Plötzlich und unerwartet: Die Medien würden gar nicht mehr über islamistische Terrorattacken berichten, "sie wissen schon warum," raunte Trump am Ende eines Grußwortes vor Militärs in Tampa. Pressechef sah sich genötigt, hastig eine Liste von 78 Terrorattacken seit September 2014 zusammen zu zimmern, um den verbalen Ausfall seines Chefs zu belegen. Darauf fanden sich auch die Anschläge von Paris und Nizza, über die weltweit breit berichtet wurde, aber auch jener unaufgeklärten Messerangriff auf einen jungen Mann in Hamburg, dessen Hintergrund vollkommen unklar ist. 

Donald Trumps Regierung bestimmt, was wahr und was falsch ist 

Trump-Beraterin Kellyanne Conway erfindet in einem Interview die "Alternativen Fakten". Der Präsident behauptet fälschlicherweise, die Mordrate in den USA sei die höchste seit 47 Jahren. Conway relativiert anschließend, sie wisse nicht, von wem er die Daten habe und schiebt ungeniert nach, "wir haben großen Respekt vor der Wahrheit". Erziehungsministerin Betsy DeVos findet, dass in Schulen, die von Grizzlybär-Bären bedroht werden, Waffen ausgegeben werden sollten. Und wenn White House Pressechef Sean Spicer "Good Morning" sagt, schauen alle Journalisten auf die Uhr, ob das auch stimmt. Es ist wie im Film. Aber es ist nicht Hollywood, sondern Washington.

Die häufigen Lügen und frech vorgetragenen Widersprüche sollen Medien und Öffentlichkeit langsam müde und mürbe machen. Sie sollen sich in einem Abnutzungskampf an diesen spätrömischen Regierungsstil gewöhnen und am Ende akzeptieren, dass die Regierung bestimmt, was gut und böse, was falsch und richtig ist. Das Weiße Haus als Kathedrale der Wahrheit, mittendrin ein pathologischer Narzisst, der bauchgesteuert mit dem Schicksal der wichtigsten Nation der Welt jongliert, frei von jeglicher Empathie und gierig nach Selbstbestätigung.

Europa hat noch die Wahl

Das kann nicht gut gehen. Aber Trump kann nicht anders. Er führt den Laden Amerika wie ein Generaldirektor, der seine Allmacht im hohen Alter von 70 Jahren von nichts und niemand mehr in Frage stellen lässt. Der Blick von außen auf seine Persönlichkeit lässt diese Feststellung zu, weil er dauernd unverblümt sein Innerstes nach Außen kehrt. Nicht nur in seinen Tweets, sondern auch in zahlreich dokumentierten Ausfällen und Zitaten. Man kann jetzt leider nur darauf warten, dass und seine Mineure irgendwann an den eigenen Überheblichkeiten scheitern. Die Chance ist groß.

Und die Lehre aus dem Desaster Donald Trump ist die alte Erkenntnis: Frauen und Männer, die notorisch lügen, haben in verantwortlichen Positionen der Politik nichts verloren - schon gar nicht in Demokratien. Denn sie entziehen jeder Gesellschaft die Möglichkeit eines vernünftigen Diskurses, weil sie eigentlich unstrittige Fakten zu Unwahrheiten umdeuten. Weshalb es am Ende unmöglich wird, mittels Fakten den Wettstreit konkurrierender Meinungen oder Behauptungen überhaupt noch zu entscheiden. An diesem Punkt sind wir jetzt angekommen.

In haben die Wähler in diesem Jahr noch die Möglichkeit, sich dieser düsteren Welt zu entziehen. In Frankreich, in den Niederlanden, in Deutschland und möglicherweise auch in Italien und Bulgarien stehen 2017 Wahlen an. Wenn sich die 500 Millionen Bürger des alten Kontinents ihrer Geschichte bewusst sind, wenn sie beobachten, wie sich der große Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks zum Hampelmann macht, dann sollte der nationalistische Extremismus in Europa keine Chance haben.




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