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"Aufnahmeprüfung" in Mittenwald: Schweineleber und Alkohol

Bei den oberbayerischen Gebirgsjägern sollen junge Soldaten mit entwürdigenden Mutproben und Aufnahmeritualen schikaniert worden sein. Diese mussten bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen.

Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner hatte sich im Fasching eigentlich auf ein fröhliches Narrentreiben gefreut. Doch nun wird seine Gemeinde mit Bundeswehrsoldaten in Verbindung gebracht, die als Mutprobe rohe Schweineleber essen oder bis zum Erbrechen Alkohol trinken müssen. Nicht zum ersten Mal sorgen die Gebirgsjäger von Mittenwald für Negativ-Schlagzeilen. 2006 gingen schockierende Bilder um die Welt, die Angehörige der Bundeswehr- Eliteeinheit mit Totenschädeln afghanischer Zivilisten zeigten.

CSU-Mann Hornsteiner sagt am Mittwoch, dass "man den Ball erst einmal flach halten soll und die internen Ermittlungen der Bundeswehr abwarten muss". Insgeheim hofft er darauf, dass die unappetitliche Affäre um die Aufnahmerituale in dem Hochgebirgsjägerzug den Besuch des Verteidigungsministers in diesem Frühjahr nicht gefährdet. Schließlich ist Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) einer der ihren. Er leistete einst seinen Wehrdienst bei den Gebirgsjägern in Mittenwald ab, allerdings nicht im Hochgebirgsjägerzug.

Der Bürgermeister erinnert an den "Totenkopf"-Skandal. "Damals ist die ganze Sache so gewaltig aufgebauscht worden. Dran war nicht viel, und rausgekommen ist auch nix", beschwichtigt er. Erniedrigende Mutproben gebe es schließlich nicht nur bei der Gebirgstruppe. "Denken Sie doch nur an die "Äquatortaufe" bei der Marine, bei der junge Männer ihre Köpfe in Eimer mit Essensresten stecken oder an Fäden festgebundene Würste schlucken müssen, die dann aus dem Magen wieder herausgezogen werden."

Eine junge Frau, die lieber anonym bleiben will, pflichtet ihrem Bürgermeister bei. "Gesoffen wird doch überall. Was glauben Sie denn, wie es hier auf dem Land zugeht, wenn einer bei den Trachtlern oder der Blasmusik dazugehören will." Schockiert über die jüngsten Enthüllungen äußert sich hingegen die Rentnerin Erika Waxenberger. "Mein Mann war auch bei den Gebirgsjägern, damals im Krieg. Er würde sich im Grab umdrehen." Besonders ärgert die 77-Jährige, dass nun "alle Soldaten wieder einmal über einen Kamm geschoren werden". Doch gerade die Gebirgsjäger "sind stets zur Stelle, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird".

Auch Werner Gropp, der selbst bei den Gebirgsjägern war, warnt vor Verharmlosung. "Man muss sich schon fragen, in welchem Milieu solche menschenunwürdigen Entgleisungen gedeihen können. Bei der Bundeswehr, und speziell beim Gebirgsjägerbataillon 233, fehlt es an Menschenführung, Psychologie und Pädagogik." Gropp bezweifelt, dass die Vorgesetzten vom sogenannten "Fuxtest" - beispielsweise das zum Erbrechen führende Essen von Rollmöpsen mit Frischhefe - nichts mitbekommen haben wollen. "Jeder, der mit dem Hochgebirgsjägerzug zu tun hatte, wusste von diesen Aufnahmebräuchen."

Bataillons-Kommandeur Fred Siems beteuert indessen, dass die Mutproben außerhalb der Dienstzeit und nicht auf dem Kasernengelände passierten. Das will der Einheimische Fritz Wenger nicht glauben. "Die Gebirgstruppe mag sich zwar immer auf ihre Traditionen und auf ihre Verbundenheit zu Mittenwald berufen. Gesellschaftlich angesehen sind die Soldaten hier schon lange nicht mehr." Die Übergriffe können seiner Meinung nach nur in der Kaserne geschehen sein. "Keiner unserer Wirte würde solche Sauforgien in seinen Räumen dulden."

DPA / DPA