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Skandal in Russland: "Büßender Russenjunge vorm Nazi-Bundestag" - wie ein Schüler zum "Verräter" wurde

Faschist, Nazi, Verräter: Diese Beschimpfungen muss ein russischer Schüler über sich ergehen lassen, seit er im Bundestag eine Rede hielt. Sein Mitleid mit Soldaten der Wehrmacht löste in seiner Heimat eine Lawine aus Hass aus.

der 16-jährige Nikolai Desjatnitschenko (r.)

Wegen seiner Rede im Deutschen Bundestag zum Verräter abgestempelt: der 16-jährige Nikolai Desjatnitschenko (r.)

"Ich habe die Gräber von unschuldig umgekommenen Menschen gesehen, die ein friedliches Leben geführt hatten und keinen Krieg führen wollten. Sie haben während des Kriegs unwahrscheinliche Mühen durchlebt, über die mir auch mein Urgroßvater berichtete, der als Kommandeur einer Schützenkompanie den Krieg erlebte." Es sind diese zwei Sätze, die dem 16-jährigen Nikolai Desjatnitschenko in seiner Heimat den Ruf eines Verräters eingebracht haben. Genau genommen ist es nur einziges Wort: unschuldig.

Am 19. November hielt der Gymnasiast aus der sibirischen Stadt Nowyj Urengoj bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag im eine kurze Rede. Zweieinhalb Minuten lang berichtete er über das Schicksal des deutschen Wehrmacht-Soldaten Georg Johann Rau, mit dessem Leben er sich im Rahmen eines Schülerprojekts, das vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge initiiert wurde, vertraut gemacht hatte.

Der Gefreite Rau kämpfte in der Schlacht um , geriet in Gefangenschaft und starb am 17. März 1943 im Kriegsgefangenenlager. "Die Arbeit am Projekt berührte mich zutiefst und regte mich dazu an, deutsche Kriegsgräber in Sibirien zu besuchen", erzählte Nikolai im Bundestag. Und er war nur einer der sechs deutschen und russischen Schüler, die von den Schicksalen einzelner Menschen berichteten, die in die Hölle von Stalingrad geraten waren. Schüler aus Nowij Urengoj beschäftigten sich mit den Lebensgeschichten deutscher Kriegsgefangenen, Schüler aus der Partnerschule in Kassel mit denen von russischen.

"Und nun meint irgendein Bengel, sich im Bundestag entschuldigen zu müssen"

Es gibt bereits Hunderte solcher Schülerprojekte - ein kleiner, aber doch wichtiger Beitrag zur deutsch-russischen Aussöhnung. Dass diese aber längst noch nicht erreicht ist, zeigt der Skandal, den Nikolais Worte in ausgelöst haben.

Der Blogger Sergej Koljasnikow nannte die Rede des Schülers eine "Buße" und beschuldigte ihn, Nazi-Soldaten als Kriegsopfer anzusehen. "Wie der Junge Kolja vorm Nazi-Bundestag Buße tut", stellte der Blogger Alexandr Rodschers seinen Fans die Aufnahmen aus dem Bundestag vor. In den sozialen Netzwerken lösten die wenigen Sätze eine Welle des Hasses und der Empörung hervor. "Es bleibt uns nur noch, Buße zu tun und an die Familien unschuldiger Soldaten der Wehrmacht Entschädigungen zu zahlen", schrieb jemand voller Sarkasmus.

"Am 19. November 1942 begann die Stalingrad-Offensive. Vor 75 Jahren ... Für zwei meiner Onkel begann dort der Krieg. Beide waren 17 Jahre alt ... Und nun meint irgendein Bengel, sich im Bundestag entschuldigen zu müssen", kommentierte der Schriftsteller Sergej Kozlow die Rede von Nikolai.

Hunderttausende Beschwerden füllen die Kommentarspalten der russischen Medien. Am vergangenen Montag war im russischen Fernsehen waren nicht die gescheiterten Sondierungsgespräche in Berlin Thema des Tages, sondern die "unschuldigen" Wehrmacht-Soldaten von Nikolai. Auch der Ausdruck "der sogenannte Kessel von Stalingrad", den der 16-Jährige fallen ließ, erbost die Öffentlichkeit. zumal in Russland in diesen Tagen an den 75. Jahrestag der sowjetischen Gegenoffensive bei Stalingrad erinnert wird.

Offene Wunde, die man nicht heilen lässt

Die Staatsanwaltschaft prüft nun sogar, ob die Äußerungen als "Rehabilitierung des Nazismus" bewertet werden können. Nach Artikel 354.1 des Strafgesetzbuches kann das mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden. Die Stadtverwaltung in Nowyj Urengoj kündigte eine Überprüfung in Nikolais Gymnasium an. Der FSB überprüft sogar die Familie des Jungen und dessen Schuldirektor nach Verbindungen in die – sein Nachname klingt schließlich ukrainisch und die Ukraine gilt neuerdings in Russland als Hort aller Faschisten.

Um zu verstehen, warum ein paar Worte so eine lawinenartige Welle der Empörung auslösen konnten, muss man verstehen, welch großes Trauma der Große Vaterländische Krieg, also der Krieg der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland von 1941 bis 1945, bis heute im kollektiven Gedächtnis Russlands immer noch ist. Die Sowjetunion hatte während des Zweiten Weltkrieges mit Abstand die meisten Toten zu beklagen. Schätzungen liegen zwischen 25 und 40 Millionen Todesopfern. Eine staatliche mehrjährige Überprüfung zählte bis 2009 37 Millionen sowjetische Kriegsopfer. Die Mehrheit der Opfer waren Zivilisten. "Ungeheuerlichster Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt", so nannte der deutsche Historiker und Philosoph Ernst Nolte einmal diesen Krieg.

Entweder Held oder Monster

Es gibt kaum eine Familie in Russland, die keine Opfer zu beklagen hat. Und die Nachkriegsgenerationen wuchsen mit den Horror-Erzählungen ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern auf. Dass der Mythos einer "sauberen Wehrmacht" eben nur ein Mythos ist, musste man in Russland niemandem lange beweisen. 

Der Zweite Weltkrieg ist immer noch eine offene Wunde. Und die derzeitige Regierung gibt sich alle Mühe, dass diese Wunde auch nicht verheilt. Um den sowjetischen Sieg herrscht ein Kult, der in unzähligen Filmen, Serien, Paraden und Gedenktagen zelebriert wird. Dieser Kult kennt nur Helden auf der russischen Seite und Monster auf der deutschen. Es gibt nur Weiß und Schwarz. Dass ein Soldat der Wehrmacht unschuldig sein könnte, ist in der russischen Erinnerungskultur ein fremder Gedanke. Dort wo selbst Mitleid mit den eigenen Kriegsgefangenen keinen Platz hat, ist Mitleid mit einem deutschen Soldaten unvorstellbar - zumindest in der Öffentlichkeit. 

Kreml nimmt Nikolai in Schutz 

Der 16-jährige Nikolai, hat es gewagt, diese Regel zu brechen. Inzwischen sah sich selbst der Kreml in die tobende Debatte einzugreifen. "Die exaltierte Hetze, die jetzt stattfindet, ist völlig unverständlich", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag. "Wir glauben, es ist falsch, dem Gymnasiasten böse Absichten oder gar Nazismus-Propaganda vorzuwerfen. Es ist offensichtlich, dass der Schüler nichts Schlechtes im Sinne hatte, offenbar nur sehr aufgeregt war, als er im Bundestag auftrat." 

Dennoch will die Hetze bislang kein Ende nehmen. Seit seinem Auftritt im Bundestag ist Nikolai nicht zur Schule erschienen. Seine Seiten in sozialen Netzwerken sind gelöscht. Auf Anrufe reagiert seine Familie nicht. Es hagelt weiterhin Hasskommentare und sogar Morddrohungen.

Dabei scheinen viele Landsleute von Nikolai zu vergessen, dass es vor einigen Jahren bereits jemand ganz anderes gewagt hatte, Mitleid mit den deutschen Soldaten zu zeigen. "Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gütiger Mensch... Sie sagte: 'Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen.' Das ist erstaunlich. Wir wurden von sowjetischen Büchern und Filmen erzogen... Und wir hassten. Aber bei ihr war das aus irgendeinem Grund überhaupt nicht so. Ich habe mir ihre Worte eingeprägt: 'Was will man denn von ihnen? Sie waren fleißige Arbeiter wie wir auch. Man hat sie einfach an die Front getrieben.' Von Kindheit an erinnere ich mich an diese Worte." Der Autor dieser Worte war Wladimir Putin.


ivi
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