HOME
Interview

Rassismus in den USA: "Trump ist nur ein Maskottchen"

... sagt der Schriftsteller Omar El Akkad. Die wahre Gefahr liegt in dem Zynismus jener, die ihn hervorgebracht haben.

"Trump ist nur ein Maskottchen"– sagt der Schriftsteller Omar El Akkad

Omar El Akkad (links), 35, ist Journalist und Schriftsteller. Er wurde in Ägypten geboren, wuchs in Katar auf, zog dann mit seiner Familie nach Kanada und lebt heute im amerikanischen Portland, Oregon

Omar El Akkad, Ihr Roman "American War" spielt 2075. Er könnte damit im Science-Fiction-Regal stehen – doch angesichts der Situation in den USA wirkt Ihre Zukunftsvision einer von Hass zerrissenen amerikanischen Gesellschaft erschreckend real.

Dass mein Buch als Zukunftsvorhersage angesehen wird, zeigt, dass die Realität in den USA hässlicher ist, als die meisten erwartet hätten. Was dort passiert, ist nicht neu, die Geschichte des Rassismus führt zurück bis zur Gründung des Landes. Aber dass es in einer solchen Lautstärke passiert, damit haben wohl nur wenige gerechnet.

Eigentlich haben Sie in Ihrem Roman die heutige Situation im Nahen Osten in die USA der Zukunft übertragen. Sind die Parallelen größer, als Sie dachten?

Die Trump-Regierung und die Republikaner – mit wenigen Ausnahmen – erinnern mich an die autoritären, amoralischen Regimes im Nahen Osten, unter denen ich aufgewachsen bin. Es ist verführerisch, alles auf Trump zu reduzieren. Donald Trump ist nur ein Maskottchen für eine viel tiefer gehende, bös artige Bewegung. Eine der beiden politischen Parteien dieses Landes ist so zynisch geworden, dass sie jemandem wie ihm die Führung überlassen hat.

Sind die USA anfällig für autoritäre Führer?

Die USA waren schon immer von starken Anführern fasziniert, die Gesetze durchsetzen und hart gegen die Bösen vorgehen. Alle großen Ereignisse in diesem Land, egal ob gut oder schlecht, sind dadurch entstanden, dass Autoritarismus und Rebellion aufeinanderprallten – von der Gründung des Landes über die Bürgerrechtsbewegung bis zur Situation heute. Beängstigend ist, dass der Autoritarismus offenbar gerade gewinnt. Viele Mitglieder von Minderheiten oder ausgegrenzten Gruppen haben erlebt, dass die Konsequenzen der autoritären Politik meist auf Kosten der schwächsten Glieder der Bevölkerung gehen.

Charlottesville am 12. August: Mit rosa Schilden schützen sich Gegendemonstranten vor gewaltbereiten Rechtsradikalen, eine junge Frau stirbt. Donald Trump spricht später von Gewalt "auf beiden Seiten"

Charlottesville am 12. August: Mit rosa Schilden schützen sich Gegendemonstranten vor gewaltbereiten Rechtsradikalen, eine junge Frau stirbt. Donald Trump spricht später von Gewalt "auf beiden Seiten"

Nach den Ereignissen in Charlottesville: Hat Trump diese Geister geweckt oder sie ihn?

White Supremacy war schon immer eine Bewegung, die untrennbar mit Feigheit verbunden ist und die aus Feiglingen besteht. Keiner der Leute, die in Charlottesville marschiert sind, ist erst gestern in diesem Land aufgetaucht. Die gibt es schon lange. Aber weil sie Feiglinge sind, brauchen sie jemanden, der sie legitimiert. Trump brauchte mehrere Tage, um rechtsradikale Gewalt zu verurteilen – das sendet eine Botschaft. Für diese Feiglinge ist er jemand, durch den sie sich bestätigt fühlen.

Hat Sie überrascht, was in Charlottesville passiert ist?

Nazis und Ku-Klux-Klan-Mitglieder mussten sich in den letzten Jahrzehnten eher im Verborgenen treffen. Nicht, weil Amerika den Rassismus überwunden hätte, sondern weil die Normen sich zumindest so verändert hatten, dass er nicht mehr akzeptabel war. Mich überrascht nicht, dass es diese Leute immer noch gibt, und auch nicht, dass sie auf die Straße gehen, sondern dass sich eine der beiden großen Parteien diesen Leuten anbiedert. Das hat viel größere Auswirkungen, als wenn eine Gruppe wütender weißer Männer mit Fackeln marschieren geht.

Warum sind die Amerikaner so schlecht in Geschichtsbewältigung?

Das ist der Kern von fast allem, was in den USA schiefläuft: die Unfähigkeit, die Kluft zu überwinden zwischen dem, was Amerika wirklich ist, und dem, was es vorgibt zu sein. Jedes Mal, wenn es zu rassistischer Gewalt kommt, sagen wohlmeinende, fortschrittliche Leute: "This is not who we are", so sind wir nicht. Solche Aussagen ignorieren die Geschichte dieses Landes – auf vielen Ebenen ist Amerika nämlich genau so. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dieser Tatsache hat es aber nie gegeben.

Auch Donald Trump scheint sich nicht detailliert mit der amerikanischen Geschichte auseinandergesetzt zu haben.

Trump ist ein Mann, der fast sein ganzes Leben ohne irgendwelche Konsequenzen für sein Handeln gelebt hat. Seine einzige Leistung besteht darin, als Sohn eines reichen weißen Mannes geboren worden zu sein. Ich glaube, er will überhaupt nicht unterscheiden zwischen der Wahrheit und dem, was er für Wahrheit halten möchte. Dieser Tweet neulich, mit dem er auf General Pershing und die Legende der Patronen in Schweineblut angespielt hat – das bringt für mich die beiden Hauptmerkmale von Trump auf den Punkt: eine Begeisterung für totale Grausamkeit und eine völlige Unfähigkeit, zwischen Fakten und Legenden zu unterscheiden.

Trotzdem hat Trump weiterhin Anhänger, die ihm treu bleiben.

Ich glaube, dass Fatalismus und Verweigerung eine Rolle spielen. Amerika besteht eben auch aus kleinen Städten im Mittleren Westen, die hart von der Hypothekenkrise getroffen wurden, von der Drogenkrise, von Arbeitslosigkeit. Viele Menschen hatten einfach nichts mehr zu verlieren. Manchen war bestimmt bewusst, dass Trump als Präsident eine Katastrophe sein würde. Aber das hatte einen Reiz für sie. Sie haben die guten Fabrikjobs verloren, die ihre Eltern noch hatten, sie haben die aufstrebende Wirtschaft verloren, die diese Fabriken geschaffen hat, sie sehen, wie alte Schulkameraden aus Afghanistan und dem Irak mit fehlenden Gliedmaßen und Kriegstraumata zurückkehren, sie sehen, wie ihre Freunde an einer Überdosis sterben. Das Einzige, was ihnen bleibt, ist vielleicht ihre Hautfarbe. Die Wahl war ihr Verweigerungsakt: Lasst uns diesen Typen wählen, und wenn er alles kaputt macht – gut, das ist die Rache für das, was uns angetan wurde.

Können die Ereignisse in Charlottesville und Trumps Reaktion darauf auch ein Weckruf sein, der zu einer Stärkung der Zivilcourage führt?

Ich habe die Hoffnung, dass es eine Bewegung geben wird, die sich erhebt und diese Regierung als das benennt, was sie ist: rassistisch, frauenverachtend, faschistisch. Ob die Bewegung erfolgreich sein wird, hängt davon ab, wer sich erhebt. Die Minderheitengruppen in diesem Land warnen seit Jahren vor dieser Entwicklung, aber ein großer Teil der weißen Bevölkerung der USA hat nicht zugehört. Nichts von dem, was passiert, ist nicht schon vorher da gewesen. Trump macht bloß Einstellungen wieder gesellschaftsfähig, gegen die Bürgerrechtler seit Jahrzehnten ankämpfen. In nur wenigen Jahren wird er all ihre Erfolge um 50 Jahre zurückwerfen.

Wie könnte eine Gegenbewegung aussehen?

Wir müssen verhindern, dass diese Politik als normal angesehen wird. Das geschieht in Gesellschaften, die unter Extremismus leiden: Es setzt eine Form von Erschöpfung ein. Man wacht jeden Tag auf, und es passieren wieder neue schreckliche Dinge. Und irgendwann wollen die Leute einfach nicht mehr darüber reden. Das ist der fundamentale Grundsatz jedes Widerstands: Solche Ereignisse dürfen niemals gesellschaftsfähig oder zur Normalität werden. Auch wenn es verführerisch ist zu sagen: Das ist mir alles zu viel, ich ignoriere das jetzt.

Was glauben Sie, wie es weitergehen wird?

Zwei Dinge machen mir Angst. Wir befinden uns in einer Phase von relativer Stabilität: Der Wirtschaft geht es einigermaßen gut, es gab lange keine großen Terroranschläge im Land. Wenn die Regierung sich so verhält, obwohl die Lage eigentlich ganz okay ist – was müssen wir dann erwarten, wenn etwas Schlimmes passiert, etwa ein Anschlag wie am 11. September? Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie die Trump-Regierung reagieren würde. Die andere Sache, die mir Angst macht: Wir sind wahrscheinlich acht Jahre davon entfernt, eine ganz neue Generation von Politikern zu erleben, die während der Trump-Ära groß werden. Sie werden die Dinge, die Trump und die Republikaner gerade tun, nicht als Abweichungen und Extreme erleben, sondern als normale Art, erfolgreich Politik zu betreiben. Trump selbst wird nicht die schlimmste Konsequenz dieser Zeit sein. Das, was folgt, könnte schlimmer sein.

Sie glauben, Trump wird wiedergewählt?

Wenn er nicht vorzeitig aufhört – durch Rücktritt, Amtsenthebung oder Verhaftung oder was auch immer –, dann wird er wohl wiedergewählt werden. Die Skandale um ihn sind ja nicht neu. Seine Anhänger wussten schon vorher, wer er ist.

Finnland: Trump verwechselt zwei blonde Journalistinnen