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"Markus Lanz" "Oder sind Sie womöglich schrecklich naiv?": Journalistin Nguyen-Kim teilt gegen Virologe Streeck aus

Mai Thi Nguyen-Kim und Hendrik Streeck
Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim kritisierte bei Markus Lanz den Virologen Hendrik Streeck 
© Federico Gambarini/Henning Kaiser/stern-Kombo / dpa
Während des Corona-Gipfels sei er genervt gewesen. Gesteht Stephan Weil. Auch Mai Thi Nguyen-Kim ist genervt. Von der Heinsberg-Studie. Oder von Hendrik Streeck. Oder von beiden. Schließlich wirft sie dem Virologen vor, er sei "womöglich schrecklich naiv."

Weg mit den Bäh-Worten. Lockdown beispielsweise. Will niemand mehr hören. Simsalabim, die Maßnahme heißt neuerdings "Osterruhe". Was nichts daran ändert, dass immer mehr Menschen mütend sind. Nein, das ist nicht falsch geschrieben. "Mütend" ist ein Begriff, der im jüngsten Post der Notfallmedizinerin "Doc Caro" auftauchte – gemeint ist eine Mischung aus müde und wütend. Und Sie, sind Sie's auch, Herr Weil? Fragt Markus Lanz am Dienstagabend.

Der niedersächsische Ministerpräsident gesteht, er sei genervt. Zumindest sei er es vor einigen Stunden noch gewesen, bei der Marathon-Tagung von Bund und Ländern. "Mir fehlte der spürbare Wille, andere Wege und Mittel zu finden", so Weil. Das Verhalten der Bundesregierung sei enttäuschend. Dennoch: die beschlossenen Maßnahmen seien unumgänglich. Es gehe darum, "die dynamische Spitze zu brechen". Auf die Frage, warum man denn bis Ostern damit warte, antwortet Weil, man wolle die "Gunst des Kalenders" nutzen anstatt eine "normale Woche" stillzulegen. 

Und was machen mit denen, die in einen Urlaub aufbrechen wollen? "Man bräuchte einen Gerhard Schröder", schlägt Lanz urplötzlich vor. "Der hätte gewusst, die Flüge nach Mallorca zu verhindern." Für Mediziner Stefan Kluge ist Urlaub "eine unnötige Form von Mobilität". Seine grundsätzliche Devise: "So wenig Lockerung wie möglich." Denn: die britische Variante werde immer noch unterschätzt. Es gebe Hinweise darauf, dass die Virusmutation dazu führe, dass die damit Infizierten länger liegen würden und die Sterblichkeitsrate höher sei. Zudem seien die Patienten inzwischen jünger. Am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf etwa, also seinem Arbeitsplatz, sei das Durchschnittsalter von 63 auf 56 Jahre gesunken. 

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Nguyen-Kim teilt bei Markus Lanz gegen Virologe Streeck aus

Seiner Argumentation zufolge gehört Kluge eindeutig zum "Team Vorsicht". Ja, das ist auch so ein Begriff, der inzwischen seine Runde macht. Und mit dem Hendrik Streeck nicht so recht etwas anzufangen weiß. "Wer ist denn das andere Team?", fragt der Virologe – hieße das dann "Unvorsicht"? Wer so denke, verstehe nicht, "dass wir nur als gemeinsames Team die Pandemie bewerkstelligen können". Er verwehrt sich gegen die Behauptung, es gäbe harte Lager. "Wir wollen alle keine hohen Infektionszahlen und alle keine überbelegten Intensivstationen und alle keine Toten provozieren." Vieles an Hetze und Häme und Lagerspaltung geschehe in den Medien. Nun hätten die anwesenden Journalisten Robin Alexander und Mai Thi Nguyen-Kim diesen Kommentar nutzen können, um zumindest zuzugestehen, dass die Medien natürlich auch nicht kurz vor der Heiligsprechung stehen. Haben sie aber nicht. Äh, ja, das gehört zur journalistischen Verantwortung, und überhaupt zu unser aller Verantwortung, zu dem zu stehen, was wir verursachen. 

Das gilt natürlich auch für Hendrik Streeck selbst. Dass er sich hat instrumentalisieren lassen, mit der von ihm und seinem Team durchgeführten Heinsberg-Studie, weist er seit Monaten konsequent zurück. Nguyen-Kim will ihm das nicht so recht glauben. "Oder sind Sie womöglich schrecklich naiv?", fragt sie bei "Lanz". Ihr Rat an ihn: "Wenn Sie sich so missverstanden fühlen, sollten Sie sich besser beraten lassen." Da teilt eine wohl gerne aus. In der Youtuberin scheint es zu brodeln. Und sie macht deutlich, dass sie ein großes Problem mit der Studie hat: "Sie haben immer gesagt, im Kreis Heinsberg waren es damals sieben Tote. Und haben mit dieser niedrigen Sterblichkeit für weitere Öffnungen argumentiert. Nun kommt raus, es waren 13 Tote." 

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Damit spricht sie eine ZDF-Doku mit Streeck an, in der die Studie zur Sprache kam. Der wiederum gibt ihr zu verstehen, dass sie dann wohl nicht richtig zugehört habe. Und erläutert: "Es waren sieben im Ort Gangelt, 13 im Kreis Heinsberg. Wir meinten Gangelt." Auf diese Differenzierung will sich Nguyen-Kim nicht einlassen. "Gangelt, Heinsberg, da reden Sie sich doch raus", wirft sie ihm vor. Und so geht's hin und her. Auch mit dem gegenseitigen Versuch, sich zu unterbrechen. Wobei Moderator Lanz einschreitet, als Streeck Nguyen-Kim unterbricht – und als es umgekehrt so ist, lässt er die Wissenschaftsjournalistin gewähren. Ungünstig ist, dass der Disput bereits gegen Ende der Sendung so in Fahrt gerät und keine Zeit mehr da ist, um die Sachlage gut und verständlich darzulegen. Kein Wunder, dass schließlich Streeck so dasitzt  – es steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben – als hätte er wieder eine nächste nicht so überzeugende Erfahrung mit Medien gemacht.


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