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Soziale Medien: "Teilen Sie Ihre Geschichte mit Präsident Trump": Weißes Haus startet Webseite für Zensuropfer

Es soll ein Beitrag im "Kampf für die freie Meinungsäußerung" sein: Die US-Regierung hat eine Internetseite eingerichtet, auf der Nutzer von sozialen Netzwerken Donald Trump Zensur melden können.

US-Präsident Donald Trump

Freut sich auf die Geschichten von Zensuropfern: US-Präsident Donald Trump

AFP

Donald Trump ist ein großer Fan der sozialen Netzwerke - zumindest so lange dort seine Ansichten uneingeschränkt verbreitet werden dürfen. Das ist aber nach Meinung des US-Präsidenten immer weniger der Fall. Trump und seine republikanische Partei haben deshalb Twitter, Facebook und Co. in den vergangenen Monaten immer stärker ins Visier genommen. Ihr Vorwurf: Die Silicon-Valley-Konzerne seien politisch voreingenommen und würden konservative Standpunkte unterdrücken.

"Facebook, Google und Twitter, ganz zu schweigen von den korrupten Medien, sind sooo auf der Seite der radikalen linken Demokraten. Aber keine Angst, wir werden trotzdem gewinnen, so wie wir es zuvor getan haben!", twitterte Trump Mitte März.

Und der Sohn des US-Präsidenten, Donald Trump Jr., beschwerte sich Anfang Mai: "Das zielgerichtete & berechnete Mundtotmachen von Konservativen durch @facebook & den Rest der Big-Tech-Monopolisten sollte jeden in Angst und Schrecken versetzen. Es scheint, dass sie ihre Zensurkampagne auf die nächste Stufe bringen. ... Wir müssen zurückschlagen."

"Zurückschlagen" will die US-Regierung jetzt mithilfe einer Internetseite, auf der Zensuropfer ihr Leid quasi Donald Trump persönlich klagen können. "Die Trump-Administration kämpft online für das Recht auf freie Meinungsäußerung", verkündete das Weiße Haus am Mittwoch (Ortszeit) unter dem Foto eines grimmig dreinblickenden Präsidenten via Twitter und Facebook. "Unabhängig von Ihren Ansichten, Wenn Sie den Verdacht hegen, dass Sie aufgrund politischer Voreingenommenheit online zensiert oder zum Schweigen gebracht wurden, wollen wir davon hören!"

Der unter dem Text gepostete Link führt auf ein Eingabeformular, auf dem der Nutzer zunächst mit einem weiteren Statement, für das keinerlei Belege geliefert werden, empfangen wird: "Social-Media-Plattformen sollten die Redefreiheit fördern. Doch zu viele Amerikaner haben erlebt, wie ihre Konten wegen unklarer 'Verletzungen' von Benutzerrichtlinien vorübergehend gesperrt, verbannt oder als betrügerisch gemeldet wurden", schreiben die Initiatoren aus dem Weißen Haus. "Unabhängig von Ihren Ansichten, wenn Sie den Verdacht haben, dass politische Voreingenommenheit eine solche Maßnahme gegen Sie ausgelöst hat, teilen Sie Ihre Geschichte mit Präsident Trump."

Trump-Regierung sammelt Daten der Zensuropfer

Nach dem Anklicken des "Start"-Buttons wird der Teilnehmer zunächst einmal aufgefordert, der US-Regierung "ein wenig über sich selbst" zu erzählen. Anschließend werden Vor- und Nachname abgefragt und der Nutzer muss auswählen, ob er US-Bürger ist bzw. dauerhaft in den USA lebt ("Yes) oder nicht ("No"). Klickt man auf "No", erscheint der Hinweis: "Leider können wir Ihre Antwort über dieses Formular nicht erfassen. Bitte kontaktieren Sie uns unter WhiteHouse.gov/contact."

Eitle Seite des US-Präsidenten: Photoshop sei Dank: Wie sich Donald Trump gerne auf Facebook präsentiert

Klickt der Nutzer "Yes" an, muss er weitere Informationen preisgeben: "Sind Sie mindestens 18 Jahre alt?", "Wie lautet Ihre Postleizahl?", "Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns Ihre Telefonnummer mitzuteilen, für den Fall, dass wir mit Ihnen in Kontakt treten müssen?" und "Wie lautet Ihre E-Mail-Adresse?". Dann kann der "Zensierte" endlich seine Geschichte mit Präsident Trump teilen. Dazu muss er die Plattform angeben, die "gegen sein Konto vorgegangen ist", sofern noch möglich einen Link zur betroffenen Social-Media-Präsenz schicken, den Vorfall schildern und eventuelle Screenshots von Benachrichtigungen des Plattformbetreibers hochladen. Anschließend darf der Teilnehmer noch einen E-Mail-Newsletter über Trumps "Kampf für freie Meinungsäußerung" abonnieren, bevor er durch die Beantwortung der Frage: "Die Unabhängigkeitserklärung wurde in welchem Jahr unterzeichnet?" belegen soll, dass er kein Roboter ist.

Zum Abschluss müssen noch die Nutzungsbedingungen akzeptiert werden, und die haben es in sich: Der Nutzer trägt demnach die alleinige Verantwortung für alle Inhalte und gestattet der US-Regierung unwiderruflich und unbefristet, alle eingegebenen Daten ohne vorherige Benachrichtigung zu nutzen, zu Bearbeiten und weltweit in allen Medienformen zu veröffentlichen. Er verzichtet zudem auf jegliches Recht, Inhalte oder bearbeitete, zusammengesetzte oder abgeleitete Werke, die eigene Informationen enthalten können, vor der Verwendung zu prüfen oder zu genehmigen.

Auch völlig absurde Angaben werden akzeptiert

Dass die Webseite tatsächlich belastbare Informationen generieren wird, darf bezweifelt werden. Falschangaben ist Tür und Tor geöffnet. So hat die Recherche zu diesem Text gezeigt, dass auch ein Tonald Drump aus Washington mit der Telefonnummer des Weißen Hauses und dem Twitter-Account des US-Präsidenten, eingegeben von einem Nicht-US-Bürger, anstandslos als vermeintliches Zensuropfer akzeptiert wird. Und auch der Roboter-Test am Ende der Befragung ist nicht gerade ausgefeilt. Die Frage nach dem Unterzeichnungsdatum der Unabhängigkeitserklärung sei "eine unorthodoxe Anti-Skripting-Technik, und eine allgemein ineffektive, da die automatische Eingabe einer Zahl relativ einfach ist", kommentierte die Nachrichtenseite "The Verge" das Verfahren.

Am selben Tag, an dem das Weiße Haus seinen "Kampf für die Meinungsfreiheit" mithilfe der Webseite für Zensuropfer gestartet hat, hat die US-Regierung übrigens verkündet, dass sie einen Aufruf internationaler Staats- und Regierungschefs zur Bekämpfung des Online-Extremismus als Reaktion auf den Terroranschlag im neuseeländischen Christchurch nicht unterstützt. In einer Erklärung teilte die Trump-Administration ohne Angabe von Gründen mit, sie sei "derzeit nicht in der Lage, sich der Billigung anzuschließen".

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