"Was die Welt bewegt" Obamas gefährliche Entscheidung

Barack Obamas Entscheidung steht. Seine Entscheidung darüber, wie sich die USA künftig in Afghanistan engagieren werden. Einen Ausweg aus dem Krieg aber kennt der US-Präsident nicht.
Von Katja Gloger

Am Abend der Entscheidung hatte er gegen 20 Uhr seine engsten Mitarbeiter im Oval Office versammelt. Jeder musste seine Meinung vortragen, seinen letzten "Punkt machen", nach all den Monaten der Diskussion. Die Stimmung war angespannt, es kam zu lautstarken Auseinandersetzungen, wie die "New York Times" zu berichten wusste. Alle kamen dran, der Reihe nach, trugen Argumente vor. Gegen 22 Uhr Abends traf Barack Obama dann am vergangenen Montag eine Entscheidung, die zu den folgenschwersten seiner Amtszeit gehört: Er wird den Forderungen seiner Generäle folgen. Er wird weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan schicken. Ende des kommenden Jahres könnten dann knapp 100.000 US-Soldaten in Afghanistan kämpfen. Soviel Soldaten hatte dort zuletzt die Sowjetunion stationiert - bis zur ihrer Niederlage.

Nach drei Monaten quälender Debatte und neun Sitzungen mit seinem sicherheitspolitischen Team will Obama in der kommenden Woche nun seine Entscheidung verkünden, begründen, erklären. Eine Ansprache an die Nation, dann verschiedene Auftritte. Man plant eine regelrechte Überzeugungsoffensive, bislang haben seine eindringlichen, klugen Reden ja noch immer überzeugt.

10.000 zusätzliche Soldaten von den Alliierten

Für die Verbündeten ist Hillary Clinton zuständig, die Außenministerin. Sie soll den Nato-Außenministern in der kommenden Woche die neue Strategie präsentieren. Es heißt, die USA würden bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten von den Alliierten fordern. Aber dieses Mal wird es schwer wie nie. Wie soll Obama seiner krisengeplagten Nation begründen, dass die USA noch mehr Truppen wegschicken? Dass dieser Einsatz möglicherweise eskaliert? Dass dieser Einsatz acht endlose Jahre nach seinem Beginn wirklich ein "notwendiger Krieg" ist und kein "Krieg aus freier Wahl", wie der im Irak? Was sollen die US-Soldaten, die Ausbilder für Polizei und Militär erreichen? Und vor allem: Wann soll ein Abzug beginnen - ein Abzug, der kein Rückzug sein darf.

Obama hat keine guten Optionen für Afghanistan.

Am kommenden Dienstag will Obama der Nation erklären, dass er "den Job zu Ende bringt", wie er es nennt. Will eine "Exit Strategie" formulieren, will Maßstäbe setzen, an denen er den Erfolg messen will.

Nach acht Jahren Krieg sind die Taliban stark wie nie

Immer mehr aber erscheint Afghanistan wie ein gordischer Knoten - unlösbar. Seit acht Jahren führen die USA, führt die Nato dort Krieg - und die Taliban sind stark wie nie. Seit acht Jahren fließen Milliarden in Wiederaufbauprojekte - und der Drogenanbau schlägt alle Rekorde. Seit acht Jahren päppelt man Präsident Karzai - und der hat die Wahlen nur durch massiven Betrug gewonnen.

Schon im März hatte Obama eine Afghanistan-Strategie formuliert. Mehr Truppen, mehr Ausbilder, dann sollte eine regelrechte Flutwelle ziviler Aufbauhelfer folgen, hieß es damals. Außerdem sollten nach der Niederschlagung der Taliban oder örtlicher Milizen die US-Soldaten in den Dörfern stationiert bleiben, Freundschaften schließen, Sicherheit gewährleisten, zivilen Aufbau absichern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: 100 Milliarden wird der Krieg im Jahr kosten. Doch hat Obama eine Alternative?

Strategie aus dem Handbuch der Aufstandsbekämpfung

Eine Strategie aus den Handbüchern der Aufstandsbekämpfung, die Irak funktioniert hatte. Es gehe darum, die Menschen zu beschützen, argumentiert Afghanistan-Befehlshaber Stanley McChrystal. Und dabei wolle man auch mit Taliban-Führern verhandeln. Sondereinheiten sollen Jagd auf al Kaida und deren Verbündete machen. "Hunt and kill" heißen solche Operationen. Jagen und töten.

Doch dann forderte General McChrystal bis zu 40.000 Soldaten mehr für Afghanistan. Dann wurden seine Forderungen öffentlich. Und es begann eine monatelange, erbitterte Diskussion. Vizepräsident Biden ist gegen Truppenaufstockung, der US-Botschafter in Kabul ebenfalls.

Mit seiner neuen Strategie will Obama jetzt wenigstens die Basis für den Exit legen: So sollen die US-Truppen raus aus ländlichen, abgelegenen Gebieten, sie würden faktisch den Taliban überlassen. Dafür sollen mehr Truppen in strategisch wichtigen Gebieten stationiert werden, etwa in der Provinz Kandahar. Dazu klare Forderungen an die Regierung in Kabul: Sie soll Korruption und Drogenanbau bekämpfen. Und vor allem: viel mehr Ausbilder für Polizei und Militär. Die Zahl der afghanischen Soldaten soll innerhalb kürzester Zeit auf 200.000 Mann verdoppelt werden. "Die Afghanen werden letztlich für ihre eigene Sicherheit sorgen müssen", sagt Obama.

Obama hat das große Bild im Kopf

Er hat das große Bild im Kopf, die Nachbarländer Pakistan und Indien, die beiden verfeindeten Atommächte. Pakistan unterstützt die Taliban - sie sollen ein Bollwerk bilden gegen die angebliche indische Expansion nach Norden. Obama will zeigen, dass die USA es ernst meinen mit ihrem Engagement in der Region. Aber auch, dass man sich nicht noch weiter in einen Kriegssumpf hineinziehen lassen will, so wie einst in Vietnam.

Und doch bleibt das alles eine "Was-dann?"-Strategie. Wie lange will man die korrupte Regierung noch unterstützen? Wie lange soll es dauern, bis eine afghanische Armee existiert, die diesen Namen auch verdient? Wie lange sollen die US-Truppen noch bleiben? Es wird ja allein bis zum Ende des kommenden Jahres dauern, die neuen Truppen zu stationieren.

39 Prozent wollen raschen Truppenabzug

Die USA sind längst gespalten über den Einsatz. Nach den jüngsten Umfragen fordern 39 Prozent einen raschen Truppenabzug. Die Entsendung zusätzlicher Truppen wird mindestens 50 Milliarden Dollar kosten, die Ausbildungsprogramme für die afghanischen Sicherheitskräfte 10 Milliarden Dollar pro Jahr. "Die Amerikaner würden so 100 Milliarden Dollar pro Jahr für diesen Krieg zahlen", sagt Steve Clemons von der New America Foundation.

Mit der Eskalation in Afghanistan verknüpft Barack Obama nun sein politisches Schicksal. Eine ehrenhafte Entscheidung, eines Präsidenten würdig. Eine gefährliche Entscheidung. Aber hat er wirklich eine Alternative nach acht endlosen, verlorenen Jahren?


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