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Ach, Europa: Vom Turmbau zu Brüssel

Die Brüsseler EU-Beamten sind nicht besonders beliebt: Sie verdienen mehr und zahlen weniger Steuern als ihre belgischen Beamtenkollegen, sie gehen kaum aus - und igeln sich in ihren gläsernen Bürotürmen ein.

Von Tilman Müller

Rund eine halbe Milliarden Menschen, 27 Mitgliedsstaaten, der größte Binnenmarkt der Welt, ein starker Euro, eine Million Jobs auf der Eures-Website, das wichtigste Friedenswerk der Moderne - beeindruckend sind Ausmaße und manche Errungenschaften der EU, die in ein paar Wochen ihr 50jähriges Bestehen feiert. Doch die Vertrauenskrise hält an, die Bürger interessieren sich kaum dafür, wo und wie die Union gesteuert wird.

Klotzige Gebäude

Direktiven werden im Europa-Viertel der Hauptstadt Brüssel vor allem in zwei Gebäuden entwickelt, in die man sich wahrlich nicht verlieben kann. Geradezu hässlich in seiner komplett charmelosen Klotzigkeit ist das Justus-Lipsius-Gebäude, wo die Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs stattfinden. Architektonisch nicht viel besser, aber immerhin irgendwie eigenartig und leicht futuristisch sieht das für 2700 EU-Beamte ausgelegte Kommissions-Gebäude Berlaymont aus, das mit seinen vier 13-stöckigen Flügeln einem gigantischen X gleicht.

Kein urbanistisches Meisterwerk jedenfalls. Eher schon ein vom Scheitern bedrohtes Eliteprojekt. Die normalen Brüsseler Bürger jedenfalls mögen den zwischen 1991 und 2004 im Zuge einer aufwändigen Asbestsanierung geschlossenen Glaskasten nicht sonderlich, bespötteln ihn als "Berlaymonstre". Überhaupt sind die EU-Beamten in Belgiens Hauptstadt eher unbeliebt. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich bis zu 60 Wochenstunden in ihren Bürotürmen einigeln, obendrein mehr verdienen und weniger Steuer zahlen als belgische Beamte und ihre Kinder in speziellen Kindergärten oder Elite-Schulen unterbringen.

Keine Europabegeisterung

Manchmal frage ich mich, wie denn die Menschen draußen - etwa an der Schwarzmeerküste oder auf der französischen Atlantikinsel Noirmoutier - mehr Vertrauen zu den EU-Politikern entwickeln sollen, wenn bereits die Leute in den Brüsseler Vorstädten die Köpfe schütteln. Auch unter den vielen Journalisten, die rund um den Turmbau zu Brüssel arbeiten, herrscht meist nicht allzu viel Europabegeisterung. Vielleicht weil das Leben dort wenig Aufregendes bietet, die Sicherheits-Kontrolleure im Berlaymont oft grantig sind, das Antichambrieren in den seelenlosen Korridoren der Macht meist wenig bringt, das kärgliche Pressecafé unten im Erdgeschoss ungemütlich und das Brüsseler Europa-Viertel am Wochenende wie ausgestorben ist.

Erstaunlich andererseits, welch starke Anziehungskraft Brüssel besitzt. Es gibt ja kein EU-Land, das raus will aus der Union, aber viele Aspiranten, die lieber heute als morgen beitreten würden. Auch die Zahl der Korrespondenten, die hierher kommen, wächst beständig. Sie kommen aus Riga und Rio, aus Doha und Durban; allein Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hat bald ein Dutzend Leute in der Stadt. "Insgesamt sind um die 1200 Korrespondenten bei uns", sagt Pier-Cirillo Soldati, zuständig für die Akkreditierungen in Brüssel, "mehr als die UN in New York hat, womöglich ist unser Pressecorps schon größer als das in Washington."

Pressestab wächst ständig

Das zahlenmäßig stärkste Journalisten-Kontingent kommt aus Deutschland, und der Chefsprecher der Kommission ist ein Hamburger Jung'. Er heißt Johannes Laitenberger, 42 Jahre alt, Jurist, CDU-Mitglied, Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde in Brüssel, passionierter Orgelspieler, ab 2003 Chef des Kabinetts der damaligen Kultur- und Bildungskommissarin Viviane Reding, danach Kabinettsmitglied von Kommissionschef José Manuel Barroso. Routiniert dirigiert der Pastorensohn inzwischen das tägliche Presse-Briefing. Bewundernswert, wie gut englisch und französisch er parliert, dazu noch perfekt portugiesisch - was bei einem aus Lissabon stammenden Chef mit Sicherheit nichts schaden kann.

Grundsätzlich treten Laitenberger und sämtliche Männer seiner Sprecherriege im Pressesaal in Schlips und Anzug auf. Typisch für das Eliteprojekt EU? "Nein", sagt der teilweise in Portugal aufgewachsene Senkrechtstarter, "auch im Berliner Kanzleramt oder im Elysée tragen die Sprecher Krawatten." Ein gewisses Auftreten müsse sein, zumal die Pressekonferenzen audiovisuell übertragen werden. "Aber pudern", fügt er unbekümmert hinzu, "tun wir uns nicht." So reden sie nun mal, die Pressesprecher. Als Industriekommissar Günter Verheugen neulich wegen des Turtelurlaubs mit seiner Kabinettschefin Petra Erler in Bedrängnis war, wiegelte Laitenberger glatt ab: "Das ist doch Wasser unter der Brücke."