VG-Wort Pixel

Afghanistan Wie die Taliban versuchen, ihr Image zu ändern

Afghanistan: Opfer eines Überfalls der Taliban auf Kontrollposten und eine Militärbasis
Afghanistan: Opfer eines Überfalls der Taliban auf Kontrollposten und eine Militärbasis
© Zakeria Hashimi / AFP
Hunderte Menschen wurden in der vergangenen Woche in Afghanistan bei Gefechten und Bomben getötet. Der Islamische Staat greift brutal Jugendliche an. Die Taliban hingegen scheinen ihre Strategie zu ändern.

Nun sind es Särge. Seit Facebook die Bilder zerfetzter Körper verpixelt, gehen in sozialen Medien in Afghanistan Fotos von Särgen viral. Da war das Bild eines grünen Lastwagens, voll beladen mit mehr als 30 hellbraunen, schmucklosen Holzsärgen. Es soll im östlichen Gasni aufgenommen worden sein, das radikalislamische Taliban vor einer Woche überfallen hatten und so mehrtägige Gefechte auslösten, die hunderte Tote forderten. Eigentlich könnte das Bild auch aus der Provinz Baghlan kommen, wo Taliban am Mittwoch Kontrollposten und eine Militärbasis überfielen und mindestens 40 Sicherheitskräfte töteten. 

Bilder aus Kabul wiederum zeigten einen Sarg, den fünf junge Mädchen auf ihren schmalen Schultern über die Straße trugen. Darin lag ihre Mitschülerin. Am Mittwoch, dem gleichen Tag, als ein Abschiebeflug aus Deutschland in Kabul landete, hatte sich ein Selbstmordattentäter inmitten von Jugendlichen in einem Bildungszentrum in die Luft gesprengt und Dutzende in den Tod gerissen. Ihre sterblichen Überreste klebten an der Schultafel neben Mathe-Aufgaben. Ihre überlebenden Freunde übertrugen am nächsten Tag live auf Facebook, wie sie Särge in Minibusse stapelten und über staubige Straßen zum Friedhof fuhren. 

Dabei könnte die Zivilbevölkerung in Afghanistan - theoretisch - etwas durchatmen. Seit mehreren Monaten haben die Taliban keine Selbstmordattentate in Städten mehr für sich beansprucht. Der letzte von ihnen reklamierte war im Mai, als Attentäter eine Polizeistation in Kabul angriffen. Die Attentate auf eine Hebammenschule in Dschalalabad, eine schiitische Moschee in Gardes oder das Bildungszentrum in Kabul gehen alle auf das Konto des IS. 

Sicherheitskräfte statt Zivilisten im Visier der Taliban

Dahinter stehe die Strategie der Taliban, Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen und ihren Kampf gegen ausländische Truppen und ihre afghanischen Verbündete als legitim darzustellen, sagt Thomas Ruttig vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network. "Es scheint in der Tat, dass die Taliban seit dem Waffenstillstand und ihrer Erklärung, stärker auf den Schutz von Zivilisten achten zu wollen, keine Selbstmordanschläge in Städten mehr durchgeführt haben", sagt Ruttig. Es sei es aber noch zu früh, dies abschließend zu bewerten. 

Der afghanische Ex-General Sahir Asimi sieht hinter diesem Strategiewechsel ein Ergebnis direkter Gespräche der Aufständischen mit den USA. Ende Juni soll die US-Südasiengesandte Alice Wells eine Taliban-Delegation in Doha, Katar, getroffen haben. Asimi vermutet, ein Zurückfahren der Angriffe auf Zivilisten war Teil einer Abmachung oder Vorbedingung für Gespräche zwischen den USA und den Taliban gewesen.

Das heißt aber nicht, dass die Taliban ihre Waffen niedergelegt hätten. Vielmehr zielen sie aktuell noch stärker auf Sicherheitskräfte ab. Kaum eine Nacht vergeht, in der nicht mehrere, wenn nicht Dutzende Polizisten oder Militärs bei Angriffen quer übers Land getötet und ihre Kontrollposten abgefackelt werden. Die Taliban überrannten in diesem Jahr bereits mehrere Militärbasen. Durch diese Angriffe würden sie strategisch an Boden gewinnen, sagt Asimi. Desto mehr die Sicherheitskräfte unter Druck stehen, je mehr Bezirke sie erobern oder Provinzhauptstädte sie angreifen, desto mächtiger sei ihre Verhandlungsposition bei Friedensverhandlungen.

Geisterpolizisten in Afghanistan

Viele wundern sich über die Stärke, die die Taliban an den Tag legen. Afghanische Experten sehen darin vielmehr Schwächen bei den Sicherheitskräften. Die obersten Militärs und Polizisten werden geradeaus als Diebe bezeichnet, ihre Kompetenz sei schlecht, sie würden ihre Leute nicht oder nicht rechtzeitig mit dem Notwendigsten versorgen, heißt es. Die Qualität der Geheimdienstinformationen sei schwach oder die Informationen würden bei bevorstehenden Angriffen zu langsam oder gar nicht unter den Einheiten geteilt.

Die Korruption aber sabotiere alles. Auch der Polizeichef von Gasni, Farid Maschall, hatte im Juni öffentlich beklagt, er habe bei Amtsantritt 1100 Geisterpolizisten - fiktive Beamte auf den Gehaltslisten - in seiner Einheit entdeckt. Auch deswegen habe sich die Sicherheit in der Provinz zunehmend verschlechtert, sagte Maschall. Kontrollposten waren mit viel weniger Polizisten besetzt und konnten leichter erobert werden. Provinzräte von Gasni beklagten, Ausrüstung würde einfach gestohlen und verkauft.

Dass die Taliban wirklich die Zivilbevölkerung verschonen wollen, bleibt abzuwarten. Aus Gasni kamen Berichte über beides - dass sie Zivilisten zurück in ihre Häuser schickten, damit sie nicht ins Kreuzfeuer gerieten. Aber auch darüber, dass sie Zivilisten töteten und drangsalierten. Experte Ruttig erinnert an einen Anschlag auf einen Geheimdienst-Konvoi in Kabul im Juli, bei dem auch Passanten betroffen gewesen sein sollen. "Das zeigt, dass sie wie in der Vergangenheit auch zivile Opfer in Kauf nehmen, wenn sie eine militärische Notwendigkeit sehen", sagt Ruttig.

ivi / Veronika Eschbacher DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker