HOME

Afghanistan: Die Rückkehr der Taliban

Mit ihrem Turban und den Kajal umrandeten Augen sehen sie aus wie Freiheitskämpfer aus einem Hollywood-Film. In Wahrheit hatten sie in AFGHANISTAN ein islamistisches Terrorregime errichtet, bis vor fünf Jahren die US-Armee die Glaubenskrieger vertrieb. Nun greifen sie wieder nach der Macht.

Von Christoph Reuter

Rosinen. Kleine, zuckersüße, schrundige Rosinen, die erst etwas rau auf der Zunge liegen, bevor sie ein unerwartet kräftiges Aroma entfalten. Darf man einen Text über einen Krieg mit Rosinen beginnen?

Die Rosinen, die zu Mandeln, Kandis und grünem Tee im Versteck des örtlichen Taliban-Kommandeurs gereicht werden, sind die erste Waffe in diesem Krieg. Vorboten der Schüsse, Bomben und Mörsergranaten. Und sie sind noch mehr: ein kleiner Teil der Antwort, weshalb der Milliarden teure, von den USA angeführte Feldzug nach fünf Wochen Bombardement 2001 mit einem Sieg endete und sich fünf Jahre später schleichend zur Niederlage verkehrt. Deshalb beginnt diese Geschichte mit Rosinen.

Im Sommer war es noch so ruhig im Bezirk Andar, Provinz Ghazni, zwei Fahrt- stunden südlich von Kabul, dass man dort hinreisen konnte. Unser Mittelsmann war ein junger Mullah, der nach wochenlangen Verhandlungen bereit war, uns zu den Taliban zu bringen. Zu seinen ehemaligen Mitschülern aus der Koranschule. Kommandeur Mohammad Anis Sharif, Herr über 300 Kämpfer, war einverstanden, mit uns zu reden.

Im Süden und Osten Afghanistans keimte da bereits wieder der Krieg: Taliban hatten im Mai Polizeistationen in Kandahar und Helmand angegriffen. Aber als Nato-Truppen einrückten, waren sie nicht geflohen, sondern hatten weitergekämpft. Dorf um Dorf, Haus um Haus, aus anderen Provinzen und aus Pakistan sickerten Tausende weiterer Kämpfer ein. Das waren keine Guerilla-Attacken mehr, das waren Schlachten. Die Nato setzte Panzer, Jets, Kampfhubschrauber ein. Bis zu 1000 Taliban sollen umgekommen sein, aber auch Dutzende Kanadier, Amerikaner, Briten starben. "Im Irak laufen die weg, hier nicht", sagte US-Oberstleutnant Frank Sturek fast respektvoll über die Taliban. Und: "Ich habe in fünf Monaten noch keinen erlebt, der sich ergeben hat."

Im Sommer sprach niemand über Ghazni. Denn die Welt wird zwar nahezu in Echtzeit über jeden größeren Selbstmordanschlag informiert, bekommt aber nicht mit, wenn ein halbes Land davondriftet, Dutzende Polizeistationen kapitulieren, Soldaten tagsüber die Hauptstraße nicht mehr verlassen und sie nachts nicht mehr betreten. Wenn die Taliban zurückkehren. "Peyran", Geister, werden sie auch genannt, weil sie meist nachts auftauchen und wieder verschwinden.

Als wir auf der Fahrt durch die Steppe an einer Straßenbaustelle vorbeikamen, wo zwei amerikanische Ingenieure mit schusssicheren Westen den Fortgang inspizierten, gesichert von acht nepalesischen Söldnern, bewacht von 20 ziemlich nervös dreinschauenden afghanischen Soldaten, klingelte plötzlich das Mobiltelefon des jungen Mullahs. Kommandeur Sharif war dran: "Macht euch keine Sorgen! Ihr seid doch gerade an dieser Baustelle, für heute haben wir keine Operation geplant." Sie hatten uns die ganze Zeit schon beobachtet und wollten, dass wir es wissen. Aber von wo aus?

Kein Mensch war zu sehen, nur in der Ferne erkannte man fensterlose Lehmmauern in der flirrenden Mittagssonne. Auf Umwegen wurden wir zu einer Festung dirigiert: 40 mal 40 Meter groß, fünf Meter hohe Mauern und ein blaues Stahltor, das aufschwang und sich hinter uns sofort schloss. Bewaffnete warteten in einem kühlen Kuppelbau, dessen Wände über und über dekoriert waren mit Fotopostern von Obstschalen, Schmetterlingen und Cognacflaschen. Der Jüngste der Gruppe reichte grünen Tee, Mandeln und Rosinen. Bei Tee und Rosinen eben, erklärte Vizekommandeur Hadschi Baran, verhandelten sie seit Monaten mit einem Distriktpolizeichef nach dem anderen. "Ergibt er sich, dürfen alle abziehen, müssen aber Waffen und Autos zurücklassen. Ergibt er sich nicht, greifen wir nachts an." Woraufhin sich die meisten Polizisten ergeben; für 70 Dollar im Monat mag kaum einer sein Leben riskieren.

So haben die Taliban seit 2005 nach und nach die gesamte Provinz Ghazni übernommen mit Ausnahme der Provinzhauptstadt und der Überlandstraßen - ohne dass davon viel zu hören gewesen wäre. "Die ersten drei Jahre haben wir uns neu gruppiert", erzählte Hadschi Baran. "In der Zeit konnten die Leute selber sehen, wie die Marionettenregierung von Hamid Karzai und die Amerikaner das Land regieren. Nun merken sie, dass alles schlecht ist. Die Besatzer werden immer brutaler. Die Regierung schafft keine Entwicklung, sondern Kriminalität und Korruption."

Und ganz unrecht hatte er damit nicht: Für ein paar tausend Dollar Schmiergeld kann man bei der Regierung Karzai Unschuldige ins Gefängnis bringen oder Verbrecher aus selbigem herausholen. Nichts geht ohne Bakschisch. Als vor Monaten ein Trupp Soldaten nach Ghazni kam, offiziell, um nach Taliban zu fahnden, nutzte er die Gelegenheit zum Plündern. Die Taliban hatten seinerzeit Musik, Schachspiel und Bildung für Mädchen verbannt, aber zugleich eine rudimentäre Ordnung geschaffen. Eine barbarische nach westlichen Maßstäben, aber in den Augen vieler immer noch besser als die völlige Rechtlosigkeit unter den Warlords. Das ist ihr Trumpf, wieder mal.

Ghazni ist überall: Von den seit 2002 versprochenen Milliarden an Hilfsgeldern wurde nur ein Bruchteil in Afghanistan ausgezahlt. Von diesem wiederum wurden Firmen wie der US-Baukonzern Louis Berger Group bezahlt, der für den neuen Highway von Kabul über Ghazni nach Kandahar das Vierfache konkurrierender Angebote berechnete, aber gute Kontakte ins Weiße Haus besaß. Und für die Bauarbeiten wiederum türkische Subunternehmer anheuerte, die Billigarbeiter aus China und Bangladesch anheuerten, eine Straße zu bauen, die, kaum fertig, wieder zerfällt. Mädchenschulen sind eröffnet worden, aber nun bleiben die Lehrer weg, weil ihre Gehälter nicht eintreffen, weil Schulen von den Taliban niedergebrannt, Lehrer ermordet wurden. Und immer noch gibt es kaum Strom, sauberes Trinkwasser, Ärzte.

In Ghazni wie im ganzen Land hatten die meisten Menschen 2001 die amerikanischen und britischen Verbände willkommen geheißen. Lieber wollten sie fremde Truppen dulden, als abermals der Willkür und dem Terror konkurrierender Milizen ausgeliefert zu sein. Die hatten das Land bis 1996 in den Bürgerkrieg gestürzt und damit erst den Boden bereitet für den Aufstieg der Taliban. Dass aber selbst in deren Hochburgen ihre Vertreibung gefeiert wurde, lag an einem unerwarteten Nebeneffekt: "Alle waren froh, als die neue Regierung kam und sie wieder Opium anbauen konnten!", erinnert sich Manan Farahi, Chef der afghanischen Antiterroreinheiten. Im letzten Jahr ihrer Herrschaft hatten die Taliban den Opiumanbau fast vollkommen gestoppt - weniger aus grundsätzlichen Erwägungen als in der Hoffnung auf internationale Anerkennung. Und, angesichts übervoller Lager, auf steigende Preise.

Nun kamen die Amerikaner. Mit ihnen kamen die Milizführer der Nordallianz, kamen von den Taliban vertriebene Warlords aus dem Süden, kurz: jene, die das Land schon einmal in den Bürgerkrieg getrieben hatten. Männer wie Amir Dado, der Gefangene mit heißem Plastik übergießen ließ und nach seiner Absetzung als Geheimdienstchef von Helmand unlängst versuchte, als Polizeichef dorthin zurückzukehren - mit dem Empfehlungsschreiben eines US-Offiziers.

Hamid Karzai wurde zum Feigenblatt des Regimes. Sein Vorteil: Er war nie ein Warlord. Sein Nachteil: derselbe. Er war und ist ein schwacher Präsident. Den Ton geben weiterhin die mächtigen Milizführer an, die den Opiumanbau fördern, Ministerien mit ihren Günstlingen besetzen, Hilfsgelder unterschlagen und ihre Feinde bei den Amerikanern als Terroristen anschwärzen. Woraufhin die US-Luftwaffe erst bombardiert und hinterher fragt, wer da gerade eingeäschert wurde.

An die Stelle derjenigen, die gegen Amerikas Truppen kämpften, traten jene, die die US-Truppen benutzen. Das gilt für die Warlords. Und es gilt fürs Opiumgeschäft: Washington versprach, den - 2001 kaum noch existenten - Anbau zu bekämpfen. Woraufhin die Erntemengen auf 3000, auf 4000 und dieses Jahr auf 6100 Tonnen stiegen, 90 Prozent des weltweiten Ertrags. Zwar gab es durchaus Versuche, andere Pflanzen einzuführen, etwa Weizen. Der bringt 20 Cent pro Kilo, Opium 110 bis 150 US-Dollar pro Kilo. Auf Parzellen von der Größe eines deutschen Wohnzimmers ist so die Frage meist rasch geklärt, was angebaut wird.

Zwar haben US-Truppen Mohnfelder vernichtet. Und im Januar 2006 verkündete General Mohammad Daud, für die Drogenbekämpfung verantwortlicher Vizeinnenminister: "Wir haben die Anbaufläche 2005 um 40 Prozent reduziert, 2006 wollen wir sie sogar um 80 reduzieren!" Allerdings nicht seine eigene, vergaß er hinzuzufügen. Von einer geheimen Fahndungsliste der 14 größten Drogenhändler des Landes verschwanden in Absprache der US-Regierung mit Hamid Karzai zwei Namen: der seines Bruder Ahmed Wali - und der von General Mohammad Daud (stern Nr. 38/2006).

In Ghazni erzählte ein deprimierter Polizeioffizier, wie er einen Pick-up voller Rohopium aus Kandahar angehalten hatte: "Erst rief das Büro des Gouverneurs an, ich soll den Wagen sofort fahren lassen. Als ich denen sagte, ich befolge nur Befehle aus Kabul, rief Ahmed Wali Karzai persönlich an: Wenn ich den Wagen nicht sofort freigäbe, rufe er die Amerikaner an und sage denen, ich sei ein Al-Qaeda-Agent." Er ließ den Pick-up fahren und verfluchte seine Dummheit, ihn nicht gleich für ein paar Kilo Wegezoll durchgewinkt zu haben.

Niemand glaubt mehr den öffentlichen Beschwörungen der Regierung, sie meine es ernst mit ihrem Kampf gegen die Drogen. Von der Angst vor der Zerstörung der Opiumfelder profitieren heute die Taliban. Sie bieten Bauern, deren Felder sie damals zerstören ließen, Entschädigung und Schutz. Um den Preis der Gefolgschaft.

Jahr um Jahr ist zu wenig besser, zu vieles schlechter geworden in Afghanistan. Leise, kaum bemerkt vom Ausland, kippt die Lage. Nichts, wofür die Bundeswehr, stationiert an vier Orten im Norden, verantwortlich wäre. Aber auch nichts, woran sie viel ändern könnte.

Das mit rund 2800 Soldaten größte Kontingent deutscher Soldaten im Ausland sitzt in der Klemme: Entsandt unter UN-Mandat zur Friedenssicherung, besteht ihre Haupttätigkeit darin, Stabilität durch Anwesenheit zu schaffen. Deutsche Truppen haben Straßen und Brunnen gebaut, Bäckereien mit feuerfesten Handschuhen und Waisenhäuser mit Brennholz versorgt. Werden sie eines Mohnfeldes ansichtig, haben sie Befehl zum Wegschauen. Als Teil der Isaf (International Security Assistance Force) sollten sich die Deutschen ausdrücklich nicht an der US-geführten Operation "Enduring Freedom" beteiligen, die seit 2001 Jagd auf Taliban und Al-Qaeda-Überbleibsel macht.

Doch beide Einsätze verschmelzen immer mehr. Das Isaf-Mandat ist auf ganz Afghanistan ausgedehnt worden. Und was macht eine "Friedensmission", wenn der Krieg demnächst zu ihr kommt? Dem Pentagon war immer die Jagd das Wichtigste: auf bin Laden, auf die letzten Taliban, auf alte Gegner und neue Feinde. Immer mehr Afghanen fühlen sich jedoch nicht befreit, sondern besetzt. Alle paar Tage kommen die Siegesmeldungen des US-Militärs, wie viele Kämpfer schon wieder getötet worden seien. Selten ist zu hören, wie viele Zivilisten getötet, verletzt, grundlos eingesperrt, wie viele Häuser demoliert wurden. Dass allein in diesem Sommer beim Bombardement von fünf Dörfern 200 Zivilisten zu Tode kamen. So entsteht ein Klima der Gewalt - genau das, was gerade verhindert werden sollte.

Im Frühherbst kam der Krieg schließlich auch nach Ghazni: mit schweren Regenfällen, mit Schlammlawinen und der Idee, eines der amerikanischen PRTs, der "Provincial Reconstruction Teams", nach Ghazni zu schicken. Ein Zehntel Ingenieure, neun Zehntel Soldaten. Taliban schossen, US-Truppen schossen zurück, Mitte September bombardierten Hubschrauber ein Wohnviertel in Andar, 35 Menschen starben, darunter mindestens eine Mutter mit ihren Kindern. "Wir haben die Leute gewarnt", erläuterte hinterher US-Oberstleutnant Steven Gilbert: "Ich sagen denen immer, das ist der Preis für Frieden und Freiheit."

Tausende sind mittlerweile aus der Kampfzone in der Provinz geflohen. Niemand hat mehr die Kontrolle. Der britische Oberbefehlshaber in Afghanistan, David Richards, sieht "70 Prozent der Menschen nächstes Jahr zu den Taliban überlaufen, wenn die Nato sie nicht zufriedenstellen kann". Selbst Hunderte zu töten schwächt die Taliban als Bewegung nicht. Es macht sie stärker.

Im Sommer in Andar war es die Ruhe vor dem Sturm. Zu ruhig für Leute wie Hadschi Baran: "Wir sind doch bereit! Wenn die Amerikaner kommen, kämpfen wir!" Sie hätten sogar schon Selbstmordattentäter rekrutiert, sagte er mit der enttäuschten Miene eines Jungen, der "Stille Nacht" auswendig gelernt hat und fürchten muss, dass Weihnachten abgesagt wird. Doch von den damals 200 US-Soldaten in der ganzen Provinz gelangte einfach keiner bis Andar.

Solange es ruhig blieb, gab es Rosinen, grünen Tee und Kompromisse in Andar, galten Regeln und Respektspflichten. Auswärtige Polizisten ließen sich bedrohen, nicht aber die Stammesältesten. Wenn die Dörfler die neue Straße der Regierung partout haben wollten, waren auch die Taliban dafür.

Sie warteten. Auf den echten Krieg gegen die Ungläubigen. Nun haben sie ihn bekommen. "Viele von damals sind tot", sagte der junge Mullah, der uns im Sommer nach Andar gebracht hatte, jetzt am Telefon. "Aber die übrigen sind glücklich. Jetzt müsse jeder auf ihrer Seite sein, sagen sie, und irgendwann würden sie siegen. Egal, wie viele sterben."

print