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Tweets an die Welt: Letzte Rufe aus den Trümmern Aleppos

Im Osten Aleppos schwindet die Hoffnung, den Vormarsch von Assads Truppen zu überleben. Via Twitter richten die verbliebenen Bewohner verzweifelte Appelle und Abschiedsworte an die Welt.

Twitter-User "Mr. Alhamdo" richtet aus Aleppo einen Appell an die Welt

Twitter-User "Mr. Alhamdo" richtet aus Aleppo einen Appell an die Welt

Tagelang versteckt ohne Wasser, Essen oder Strom. Draußen fallen pausenlos Bomben. So schildert das Internationale Rote Kreuz die Lage in Aleppo auf Twitter. Ein Krankenhaus für die Verletzten gibt es nicht mehr. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben seit Beginn der Offensive mehr als 40.000 Menschen ihre Häuser im Osten der Stadt verlassen und befinden sich seitdem auf der Flucht. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete am Montag, allein seit Sonntag seien rund 13.000 Zivilisten in die von der Regierung kontrollierten Gebiete geflohen.

Aus dem schwer umkämpften Ostteil der Stadt melden sich eingeschlossene Zivilisten via Twitter mit ihren womöglich letzten Tweets. "Mr.Alhamdo" nennt sich einer von ihnen. Auf seinem Twitter-Profil bezeichnet er sich als Lehrer, Aktivist und Reporter in Aleppo. Sein Video "Last call from Aleppo" (dt.: letzter Ruf aus Aleppo) ist Abschied und Anklage zugleich.

"Hallo, aus dem östlichen Teil von Aleppo oder dem, was davon übrig ist. Es regnet gerade und es ist ein wenig ruhiger. Die Assad-Milizen sind vielleicht 300 Meter entfernt", sagt Alhamdo und zeigt über seine rechte Schulter. "Wir können nirgendwo hin, das ist der letzte Ort. Ich hoffe, wir können wieder via Periscope sprechen. Wir haben viele Momente in Aleppo gemeinsam durchgestanden." Dann wird er emotional: "Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich hoffe, ihr könnte etwas für die Menschen aus Aleppo tun, für meine Tochter und die anderen Kinder." Seine Stimmt versagt, er stockt. "Ich hoffe, ihr könnt die erwarteten Massaker stoppen."

Viele Tote in den Straßen von Aleppo

Dann schildert er seine Erlebnisse des vorangegangenen Tages. "Gerade gestern ist das ganze Nachbargebäude eingestürzt. Viele Leute wurden getötet. Viele Menschen werden getötet. Sie bleiben in den Straßen oder unter Trümmern liegen, niemand kann ihnen helfen. Keine Chance. Es gibt keine Krankenhäuser, keine Heilung ... " Einen Moment kann er nicht weitersprechen. Dann sagt er: "Ihr versteht vielleicht nicht, was wir hier erleiden. Niemand hat hier letzte Nacht geschlafen, ich gerade mal eine Stunde. Meine Frau, meine Tochter ..." Dann bricht das Video ab.

مباشرعلى#Periscope thelast callfrom#Aleppo https://t.co/ifzUwupFK1

— @Mr.Alhamdo(@Mr_Alhamdo) 13. Dezember 2016

Kurz darauf startet Alhamdo ein neues Video und entschuldigt sich für den Stromausfall. Dann beginnt seine Anklage: "Glaubt nicht mehr an die Vereinten Nationen. Glaubt nicht mehr an die internationale Gemeinschaft. Denkt nicht, dass sie nicht damit einverstanden sind, was hier passiert. Sie sind damit einverstanden, dass wir getötet werden und uns das schrecklichste Massaker unserer Geschichte bevorsteht." Auch Russland kritisiert Alhamdo: "Russland will uns hier nicht lebend herauskommen lassen. Sie wollen uns tot sehen. Assad genauso. Heute gab es viele Feiern im anderen Teil von Aleppo. Sie feiern unsere Leichen," sagt Alhamdo. "Das ist okay. So ist das Leben."

Syrische Regierungstruppen und ihre Verbündeten haben nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen Tagen mindestens 82 Zivilisten im Ostteil Aleppos getötet. Darunter seien elf Frauen und 13 Kinder aus vier verschiedenen Bezirken des bisher von Rebellen gehaltenen Ostteils der Stadt, sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville, am Dienstag in Genf. Das UN-Büro könne sich auf glaubwürdige Informationen von vor Ort berufen, die meisten Opfer seien "wahrscheinlich in den vergangenen 48 Stunden" getötet worden.

Freudenschüsse im Westen der Stadt

Tatsächlich berichtet auch ein AFP-Reporter von Freudenschüssen am Montagabend im Westteil der Stadt. Das staatliche syrische Fernsehen zeigte feiernde Menschen, die Bilder von Staatschef Baschar al Assad und syrische Flaggen hochhielten.

"Zumindest wissen wir, dass wir freie Menschen waren und nichts als Freiheit wollten", fährt Alhamdo fort. "Aber es scheint, dass diese Welt keine Freiheit mag. Glaubt nicht mehr, dass ihr in euren Ländern freie Menschen seid."

Dann keimt bei Alhamdo doch Hoffnung auf: "Vielleicht kann doch etwas getan werden, vielleicht können wir raus und reden. Vielleicht könnt ihr etwas unternehmen, geht raus auf die Straße und verschafft euch Gehör. Stoppt diesen Wahnsinn." Vielleicht säßen ja Zuschauer des Videos später selbst einmal in einer Regierung. "Ich hoffe, ihr pflegt dann keinerlei Beziehungen zu Russland oder Assad. Ich hoffe, ihr erinnert euch an uns. Vielen Dank." Dann schwenkt die Kamera weg von Alhamdo und das Video endet.

Auch die siebenjährige Bana, die mit ihren Tweets aus Aleppo weltweit Beachtung findet, rechnet mit dem Schlimmsten: "Das ist mein letzter Moment, in dem ich entweder lebe oder sterbe", twittert sie am Morgen.

Twitter-Userin "Lina shamy" richtet einen verzweifelten Appell an die Welt: "Menschen in aller Welt, schlaft nicht! Ihr könnt etwas tun! Protestiert jetzt! Stoppt den Völkermord! #Rettet Aleppo #Rettet die Menschlichkeit."

Monther Etaky hat sich in Zynismus geflüchtet: "Ich bin noch immer da, blicke dem Völkermord mit meinen speziellen Freunden entgegen, ohne irgendwelche Kommentare von der Welt. Ich hoffe, ich kann unseren Tod live zu euch übertragen."

"Das ist wohl ein Abschied", twittert "Rami Zien", ein Fotograf aus Aleppo. "Dank an alle, die für uns einstehen und beten. Aber es ist beinahe vorbei und sie sind nur Stunden davon entfernt, uns zu töten." Der Tweet ist inzwischen mehr als 18 Stunden alt.

mit Agenturen
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