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Andrzej Lepper: Der polnische Chavez

Für seine bisweilen sogar handgreiflichen Rüpeleien ist er berüchtigt: Andrzej Lepper, der populistische Bauernführer, der es bis zum Vizeregierungschef gebracht hat. Wegen eines Schmiergeld-Komplotts war seine Karriere nun fast zu Ende. Aber Lepper gibt nicht auf. Er schlägt zurück. Er will Präsident werden.

Von Rafal Wos, Warschau

Er ist ein polnischer Klon des Venezolaners Hugo Chavez oder des Bolivianers Evo Morales: Wie die beiden selbst ernannten lateinamerikanischen Revolutionäre predigt der 53-jährige Volkstribun eine populistische Mischung aus Sozialismus und Nationalismus. Dabei verwandelt der einfache, aber schlaue Bauernführer Andrzej Lepper seine vermeintliche Provinzialität in seine größte politische Stärke: Laut schreit er heraus, was die Armen und Frustrierten nur zu flüstern wagen. Diese Taktik hat ihm zuerst das Zuchthaus eingebracht, dann den Posten des Vize-Ministerpräsidenten.

Wie die beiden Latinos ist Lepper ein Polit-Macho, Widerstand duldet er keinen. Und dennoch ist derzeit offen, ob Leppers Risiko-Strategie aufgeht. Nachdem ihn Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski in der vergangenen Woche aus der Regierung geworfen hat, geht es für Lepper nun ums politische Überleben. Die kommenden Wochen und Monate könnten sein politisches Ende mit sich bringen - oder ihm die Tür zur Präsidentschaft im Jahr 2010 öffnen.

"Werdet reich!"

"Es war nicht leicht in Polen damals, Anfang der 90er Jahre", fängt Lepper gewöhnlich an, wenn er von seiner turbulenten Laufbahn erzählt. Der Sozialismus zerfiel, "Werdet reich!" wurde den orientierungslosen Bürgern schlicht empfohlen. Er selbst war ein junger Bauer aus Pommern. Und reich werden, das wollte er auch. Deshalb nahm er einen Kredit auf. Schnell. Doch dann kam die Wirtschaftskrise. Genauso schnell.

"Auch wenn ich 25 Stunden pro Tag arbeite, schaffe ich es nicht", dachte Lepper - und entschloss sich zu einer radikalen Haltung. Gemeinsam mit ein paar Kumpeln entschied er: Komme, was wolle, wir zahlen die Zinsen nicht. So entstand 1992 Leppers Partei "Samoobrona" (Selbstverteidigung), heute die drittgrößte politische Kraft in Polen.

Die Methoden der Neu-Politiker waren drastisch: Straßen blockierten sie mit Getreide, vor dem Regierungssitz in Warschau luden sie Mist ab. "Ich sollte einen Landwirtschafts-Betrieb übernehmen, der bankrott war. Aber die Bauern hatten ihn besetzt. Sie forderten mich auf, mit ihnen zu verhandeln. Und ich bin zu ihnen gegangen. Allein.", berichtete der Gerichtsvollzieher Antoni Chodorowski.

Kurze Zeit später musste der Gerichtsvollzieher fliehen. Blutend, das Haar wild gestutzt, mit Narben auf dem Hinterteil. "Was habt ihr ihm nur getan?", wurde Lepper, der die Bauern anführte, gefragt. "Wer kein Herz hat, kann nicht auf mein Mitleid hoffen", antwortete der unerbittlich. Das war das erste Mal, dass ganz Polen von dem charismatischen Bauernführer hörte.

Dieser Bauer hat kein Abitur, aber Talent

Seitdem geht es in Leppers Karriere aufwärts. Langsam, aber beständig. Mehr als hundert Mal sollte er wegen irgendwelcher Auswüchse vor Gericht. Gekommen ist er kein einziges Mal. Verhaftet, das ja, das wurde er, aber ebenso bald wieder entlassen. Die Regierenden wollten keine Probleme mit ihm, sie drückten ein Auge zu. Und Lepper punktete mit seiner Fundamentalkritik an dem Wandel in Polen, an dem Wandel der Eliten.

Dieser Bauer hat zwar kein Abitur, dafür aber Talent. Er ist ein einfacher Mann, aber ein schlauer. Vor den Parlamentswahlen im Jahr 2001 etwa sollte jeder Politiker sein Programm vor laufender Kamera auf den Punkt bringen, binnen zehn Sekunden. Geschafft hat das nur Lepper, der vermeintliche Hinterwäldler. 2001 zog seine Partei ins Parlament ein, den Sejm. Wer jedoch vermutete, das Abgeordnetenmandat würde Lepper zähmen, der täuschte sich gewaltig. Das Gegenteil war der Fall. Seine Parteigänger wies Lepper an, stets weiß-rote Krawatten zu tragen - als Ausdruck ihres Patriotismus. "Wir sind die erste Partei, die polnische Interessen verteidigen wird", polterte er.

Einmal besetzten Leppers Anhänger die Tribüne des Parlaments, die Szene mutete an wie ein Staatsstreich. Wer nicht mitmachen wollte, musste die Partei verlassen. "Zehn Jahre herrschten hier Zustände wie in Versailles: Die Politiker haben Polen ausgeraubt, und die einfachen Leute verhungerten. Aber jetzt ist Schluss damit. Basta!", brüllte er im Dezember 2001 im Parlament - und schockierte die ganze politische Klasse. Präsident Alexander Kwasniewski? Für Lepper "ein Schwachkopf!" Der zeitweilige Außenminister und Präsidentschaftskandidat Włodzimierz Cimoszewicz? "Ein Schwindler!", Lech Wałęsa? "Ein Hochstapler!". Lepper war nicht zimperlich. Die Politikwissenschaftler schüttelten die Köpfe, die Zeitungskommentatoren machten sich lustig. Aber Leppers Popularität wuchs.

Lepper ebnete den Weg für die Kaczynskis

So kann Donald Tusk, der Vorsitzende der liberalen Bürger-Plattform (PO) davon erzählen, wie Lepper bei seinem ersten Auftritt im Parlament von den Putzfrauen und Pförtnern des Hohen Hauses mit Applaus begrüßt wurde. Bei den Präsidentschaftswahlen konnte er stets zulegen: 1995 kam er noch auf 1,25 Prozent der Stimmen, 2000 auf drei Prozent, 2005 schon auf 15. Und noch etwas darf nicht unterschätzt werden: Lepper hat Polen schon jetzt verändert. Mit seinen Tabubrüchen, mit seinen kompromisslosen Angriff auf staatliche Obrigkeiten, öffnete er den Gebrüdern Lech und Jaroslaw Kaczynski die Tür zur Macht. Die Kaczynskis und Lepper führten in Polen das herbei, was auch die 68er in Deutschland herbeigeführt hatten - wenn auch mit mehr Sex-Appeal: Ein totales Desaster für die herrschende politische Klasse.

Über die Jahre ist Lepper seiner politischen Strategie treu geblieben, sein Auftreten aber, das hat er drastisch verändert. Im Jahr 1995 trug er die Haare noch lang, das Gesicht war rot, die Jacke wattiert und die Fingernägel schmutzig. Im Jahr 2007 bevorzugt er Anzüge von Ermengildo Zegna, schlüpft in edle Schuhe, das weiße Haar verleiht ihm eine gewisse Eleganz, er ist um würdevolle Bewegungen bemüht. Zwei Jahre lang war er Vize-Regierungschef und Landwirtschaftminister. Letzteres machte er sogar ziemlich gut - auch deshalb, weil er EU-Hilfen in erklecklicher Höhe an die Bauern verteilen konnte.

Ein fingierter Schmiergeldskandal

Nun aber steht Leppers Karriere auf des Messers Schneide. In der vergangenen Woche sollte er nach einer fingierten Schmiergeld-Aktion als vermeintlich korrupter Minister verhaftet werden. Aber das Komplott, das über Monate von dem Zentralen Antikorruptionsbüro geplant worden war, flog auf. Lepper verlor zwar seine Regierungsämter, aber nun wird in Warschau über die Strippenzieher der Intrige heiß diskutiert. Etwas Genaues weiß man nicht. Aber man weiß, dass der Kampf gegen den Missbrauch politischer Macht immer der wichtigste Bestandteil der politischen Identität der Kaczynskis war.

Lepper hat seine Ämter verloren, aber den Angriff überlebt, den Versuch, ihn politisch mundtot zu machen. Stattdessen holte er zum Gegenschlag aus. Nachdem er tagelang damit gedroht hatte, die Koalition mit der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) der Kaczynskis platzen zu lassen, bekannte er sich doch noch zu dem Bündnis. Gleichzeitig kündigte er jedoch an, mit einer kleinen, rechten Splittergruppe, der "Liga Polnischer Familien" (LPR), zu fusionieren und eine neue Partei namens "Liga und Samoobrona" (LiS) zu gründen. Mit diesem Schritt verschafft sich Lepper strategischen Spielraum: Sobald sich die Parlamentswahlen nähern, könnte er einen dramatischen Bruch mit den Kaczyinskis vollziehen und sich als Rebell inszenieren. Die nächste Präsidentschaftswahl, Leppers großes Ziel, stünde dann auch schon unmittelbar bevor.