HOME

Anna Politkowskaja: Tod am Nachmittag

Sie war Russlands mutigste Journalistin. Das wurde Anna Politkowskaja zum Verhängnis.

ahrscheinlich hatte sie selbst immer damit gerechnet. Spätestens seit einem Giftanschlag vor zwei Jahren wusste Anna Politkowskaja, dass ihr Leute, die im Töten Profis waren, nach dem Leben trachteten. Damals, im September 2004, befand sie sich auf dem Weg nach Beslan, wo tschetschenische Rebellen Hunderte Schulkinder als Geisel genommen hatten. In der Abflughalle in Moskau sprach sie ein Mann an. Er sagte, er sei Flughafenmitarbeiter und ein großer Bewunderer ihrer Arbeit. Wenn sie wolle, würde er sie persönlich zur Maschine bringen. Die beiden stiegen in einen Kleinbus, in dem noch drei Männer des Geheimdienstes FSB saßen. An Bord der Maschine trank Anna Politkowskaja Tee. Wenig später brach sie zusammen. Mehrere Wochen lag sie im Krankenhaus, schwebte in Lebensgefahr. Die Ärzte vermuteten eine Vergiftung, konnten aber nichts nachweisen.

Schon davor waren ihr Männer im Dienste des Staates auf den Fersen gewesen. In Tschetschenien etwa, in jenem Krieg, ohne den Präsident Putin wohl nie an die Macht gekommen wäre und in dem die russische Armee sich über jedes Recht hinwegsetzte. Niemand hatte darüber so schonungslos geschrieben wie Anna Politkowskaja. Damit war sie zu Russlands kritischster Journalistin geworden. Und zur Zielscheibe für alle, die von neosowjetischen Zeiten träumen.

Vergangenen Samstag lauerte ein Mann vor dem Lift zu Anna Politkowskajas Wohnung. Mit einer Makarow-Pistole feuerte er viermal auf sie, erst in die Brust, dann in den Kopf. Die Überwachungskamera im Eingang hielt fest, wie der Täter das Haus betrat. Er war jung, schlank und trug eine schwarze Kappe. Die Waffe ließ er am Tatort zurück.

Anna Politkowskaja wurde 48 Jahre alt. Mit ihren Artikeln in der Tageszeitung "Nowaja Gaseta" kämpfte sie vor allem dafür, die Verbrechen in Tschetschenien bekannt zu machen, die Putins Soldaten seit 1999 begingen. Sie berichtete von Folter, Mord, Entführung und Korruption im Verteidigungsministerium.

Die Journalistin machte kein Geheimnis daraus, dass sie Putin für einen schlechten Präsidenten hielt. Ramsan Kadyrow, Tschetscheniens Premierminister und Herrscher über eine skrupellose, 12 000 Mann starke Schutztruppe, bezeichnete sie als "Dummkopf und bösen Mann, der voller Kindheitskomplexe steckt". Erst im März setzten die Nationalisten von der Liberaldemokratischen Partei ihren Namen auf eine "Liste der Feinde des russischen Volkes und der russischen Regierung". Politkowskaja hatte sich alle zu Gegnern gemacht, die man in Russland nicht zu Gegnern haben sollte.

Natürlich war die Journalistin nicht ohne Furcht, aber sie ließ sich von ihr nicht lähmen. Auch als ihre erwachsenen Kinder sie drängten, den gefährlichen Job aufzugeben, hat sie weitergearbeitet. Sie hoffte, als öffentliche Person vor den Killern und ihren Auftraggebern geschützt zu sein. Und sie glaubte, jede Reise ins Ausland, jede internationale Auszeichnung würde wirken wie eine weitere Bleiplatte in einer schusssicheren Weste. Stets fühlte sie sich als Mittlerin zwischen verfeindeten Welten. Als tschetschenische Terroristen vor vier Jahren in Moskau die Zuschauer des Musicals "Nord-Ost" als Geiseln nahmen, ging sie in das Theater, um zu verhandeln. Niemand anderen hätten die Terroristen damals akzeptiert.

Anna Politkowskaja ist das 246. Todesopfer unter Russlands Journalisten seit Ende der Sowjetunion. Die wichtigsten Medien werden längst wieder vom Kreml kontrolliert oder vom Staatskonzern Gasprom. Beim Weltkongress der Zeitungen in Moskau im Sommer 2006 sagte der Vorsitzende Gavin O'Reilly in seiner Eröffnungsrede, er mache sich ernste Sorgen um die Pressefreiheit. Präsident Putin hörte entspannt zu und erwiderte, es gebe 53 000 Publikationen, die könne man gar nicht alle kontrollieren. Anna Politkowskaja wusste, dass das nicht stimmt. Für sie fand Zensur bei vielen Kollegen längst im Kopf statt - sie hatten Angst vor Repressalien oder um ihre Karriere. "Bei uns sind alle nur noch verrückt nach Macht und Geld", sagte sie mit einem Anflug von Resignation. Sie wollte ein Gegenbeispiel dazu sein. Obwohl sie ihre weltweite Prominenz hätte vermarkten können, blieb sie bescheiden, zurückhaltend, geradezu unscheinbar.

Und sie scheute nicht davor zurück, selbst jene zu kritisieren, die ihr im Ausland Unterstützung zusicherten. Über das Verhältnis des Westens zu den neuen Herrschern in Moskau schrieb sie voller Wut in ihrem Buch "In Putins Russland": "Europa gewährt uns das Recht, unter Putin allein vor uns hin zu sterben. Wir wollen aber nicht sterben. Wir versuchen zu überleben, unsere neu gewonnene Demokratie zu retten É Wir wollen nicht länger Sklaven sein."

Andreas Albes / print