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Mutmaßlicher Giftanschlag Thriller um Alexej Nawalny: Sechs Indizien, die für eine Beteiligung des Kremls sprechen

Alexej Nawalny ist für Wladimir Putin seit Jahren der Feind Nr. 1 in Russland
Die Bundesregierung sieht "eine gewisse Wahrscheinlichkeit" dafür, dass der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny vergiftet wurde
© Sergei Bobylev / Picture Alliance
Alexej Nawalny ist für Wladimir Putin seit Jahren Staatsfeind Nr. 1 in Russland. Nun verdichten sich die Hinweise darauf, dass der Oppositionspolitiker Opfer eines Giftanschlags geworden ist. Auch die Ärzte an der Charité sehen inzwischen Hinweise für eine Vergiftung.

Ob Alexander Litwinenko, Sergej Skripal oder Anna Politkowskaja: Die Liste der Menschen, die im Auftrag des Kremls Opfer von Giftanschlägen geworden sind, ist lang. Muss diese Liste nun um einen neuen Namen erweitert werden? Seit Donnerstag kämpft der führende russische Oppositionelle Alexej Nawalny um sein Leben. Seine Mitstreiter und Angehörige haben keine Zweifel daran, dass er vergiftet wurde. Auch die Bundesregierung sieht dafür "eine gewisse Wahrscheinlichkeit". Am Nachmittag äußerten sich auch die Ärzte der Berliner Charité in dieser Richtung. Klinische Befunde wiesen auf eine Vergiftung hin, hieß es in einer Erklärung. Vieles spricht inzwischen dafür, dass auf die Galionsfigur der Opposition ein verübt worden ist. Die wichtigsten Hinweise liefert der Kreml dabei selbst.

Indiz Nr. 1: 

Innerhalb weniger Minuten nach dem Bekanntwerden des Zusammenbruchs von Nawalny starteten die russischen Staatsmedien eine groß angelegte propagandistische Kampagne, um den Ruf des Oppositionspolitikers in den Schmutz zu ziehen. Er habe selbstgebrannten Alkohol oder gar Drogen konsumiert, lautet das Mantra der Kreml-Propagandisten. Diese Taktik kam auch schon bei anderen Opfern von Giftanschlägen zum Einsatz. 

Eine andere Version, die man zu platzieren versuchte, ist eine Verschwörung der Opposition. Diese habe eine Vergiftung Nawalnys inszeniert, um daraus politischen Profit zu schlagen, indem man dem Kreml und Wladimir Putin die Schuld zuweist. Dieses Narrativ wird vor allem über soziale Netzwerke verbreitet. Zahlreiche russische Blogger haben in den vergangenen Tagen berichtet, ihnen sei eine große Summe Geld geboten worden, damit sie diese Version über ihre Kanäle in die Massen tragen.

Indiz Nr. 2

Die russischen Behörden weigern sich, Ermittlungen wegen des Verdachts auf versuchten Mord aufzunehmen. Obwohl die Familie von Alexej Nawlny darauf besteht, will die russische Polizei partout nicht diese Möglichkeit untersuchen. Dabei gebieten es die Prinzipien guter Polizeiarbeit, alle möglichen Szenerien zu überprüfen. Die Frage, warum man ausgerechnet die Version eines Mordanschlags von Vornhinein ausschließt, lässt man im russischen Ermittlungskomitee, einer dem Präsidenten unterstellten Ermittlungsbehörde, jedoch unbeantwortet.

Indiz Nr. 3:

Schon kurz nach der Einlieferung Nawlanys in das Notfallkrankenhaus Nr. 1 in Omsk war das Gebäude von Spezialkräften, Polizisten und FSB-Einheiten umstellt. Dabei weigerten sich die Beamten, sich zu identifizieren, besetzten das Büro des Chefarztes und errichteten eine regelrechte Blockade um den prominenten Patienten. Selbst die Frau des Politikers musste darum kämpfen, zu ihm vorgelassen zu werden. Über die Befunde wurden sie und die Familie von Nawlany im Dunkeln gelassen.

Zudem fanden die russischen Ärzte immer wieder neue Gründe, warum Nawalny angeblich nicht ausgeflogen werden kann. Um mehr als zwölf Stunden verzögerten sie den Transport des Politikers nach Deutschland. Familie, Freunde und Mitstreiter gehen davon aus, dass die russischen Behörden so lange auf Zeit spielten, damit kein Giftstoff im Körper des Oppositionellen mehr nachgewiesen werden kann.

Der Umstand, dass der Chefarzt des Krankenhauses, Alexej Murakhowsky, Mitglied von Putins Partei "Einiges Russland" ist, lässt seine Glaubwürdigkeit noch fraglicher erscheinen. Er ist Teil des Machtsystems des Landes und gehört jener Partei an, die Nawalny immer wieder scharf kritisiert.

Auch die behandelnde Ärztin von Nawalny wurde nicht zu Rate gezogen, obwohl sie ihn seit Jahren betreut und wahrscheinlich wie niemand sonst, über seinen Gesundheitszustand im Bilde ist. Mit den deutschen Ärzten durften die Angehörigen des Kreml-Gegners nicht reden. Sie wurden im geheimen ins Krankenhaus gebracht und anschließend herausgeschleust, ohne dass sie jemand zu Gesicht bekam. 

Es drängt sich die Frage auf: Wozu dienst die ganze Geheimhaltung, wenn es nichts zu verbergen gibt? 

Indiz Nr. 4

Giftanschläge haben in Russland eine traurige Tradition. Und im Fall von Nawlany lässt sich die Handschrift der russischen Geheimdienste erkennen. Bei der Journalistin Anna Politkowskaja versagten 2004 auf einem Flug mehrere Organe. Sie wurde aller Wahrscheinlichkeit nach an Bord vergiftet - mit einem Tee. Zwei Jahre später wurde sie erschossen. 

Der ehemalige KGB-Agent und Kremlkritiker Alexander Litwinenko starb 2006 einen qualvollen Tod, nachdem er mit Plutonium vergiftet worden war. Sein Tee war mit radioaktivem Material versetzt worden.

Die Parallelen zu Nawalny sich offensichtlich. Auch er bricht während eines Flugs zusammen, nachdem er am Flughafen von Tomsk nur einen Tee zu sich genommen hat.

Indiz Nr. 5

Der Ort der mutmaßlichen Vergiftung ist ein Indiz an sich. Der Flughafen von Tomsk steht unter der Kontrolle des Milliardärs Roman Trozenko, seines Zeichens Berater von Igor Setschin, Vorstandsvorsitzender von Rosneft, der russischen staatlichen Ölgesellschaft. Der Flughafen wird also de facto vom Kreml kontrolliert. Hier einen Anschlag zu verüben, wäre für die Geheimdienste leicht. 

Nun weigert sich der Betreiber des Flughafens, jegliche Informationen zu dem Geschehen am 20. August der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Diese würde man nur den Ermittlungsbehörden auf Anfrage übermitteln. Doch diese haben bislang keine Anfrage gestellt. 

Indiz Nr. 6

Am Wochenende veröffentlichte die Boulevard-Zeitung "Moskowski Komsomolez" einen ausführlichen Bericht über Nawalny Reise durch Sibirien. Zugespielt wurden die Informationen dem kremltreuen Medium vom FSB selbst. Spaziergänge an der Uferstraße in Tomsk, Schwimmrunden im Fluss Tom im Dorf Kaftantschikowo, Sushi vom Lieferdienst, Säfte und Wasser aus einem Laden, der vor allem Alkohol verkauft: Die Geheimdienstler geben unumwunden bekannt, dass sie über jeden Schritt, jeden Kontakt, jeden Bissen und jeden Schluck von Nawalny informiert sind. Warum und mit welcher Berechtigung man den Politiker überhaupt überwacht hat, verraten die Geheimdienstler nicht. Als wäre es selbstverständlich, dass man Oppositionelle beschattet. 

Doch ausrechnet in dem Augenblick, als Nawalny vergiftet worden sein könnte, wollen die russischen Behörden ihn nicht im Blick gehabt haben. Dabei würden die Sicherheitskräfte zu der Annahme neigen, "dass wenn es zu einer Vergiftung gekommen sein sollte, sie höchstwahrscheinlich am Flughafen oder im Flugzeug stattgefunden hat", schreibt die Zeitung. Ausgerechnet an einem Flughafen, der von Kremlgetreuen kontrolliert wird, wo an jeder Ecke eine Überwachungskamera hängt und sich zur Not das gesamte Sicherheitspersonal durch Agenten austauschen lässt - ausgerechnet dort will man Nawalny aus dem Blick verloren haben. 

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch reagierte bei Twitter auf den Artikel: "Das Ausmaß der Überwachung überrascht mich überhaupt nicht, wir waren uns dessen bereits bewusst", schrieb sie. "Aber es ist erstaunlich, dass sie nicht gezögert haben, allen davon zu erzählen." 


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