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Vergiftung des Kreml-Gegners Das neue Kreml-Märchen: BND, CIA, MI6 – wer alles hinter der Causa Alexej Nawalny stecken soll

Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass Alexej Nawalny vergiftet wurde
Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass Alexej Nawalny durch eine "Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" vergiftet wurde 
© Sefa Karacan / Picture Alliance
Während Alexej Nawalny um sein Leben kämpft, setzt der Kreml eine Verschwörungstheorie nach der anderen in die Welt. Nun sollen westliche Geheimdienste hinter der mutmaßlichen Vergiftung stecken - mit dem Ziel Putin zu schaden. 

Um bei einem Verbrechen den Täter zu finden, hilft oft die Frage nach dem Motiv weiter. Wem nützt die Tat? Im Fall des vergifteten Politikers Alexej Nawalny hat der Kreml nun eine neue Antwort auf diese Frage entwickelt: Die Vergiftung des Galionsfigur der russischen Opposition könne nur dem Westen nutzen, so das neueste Narrativ der Putin-Getreuen. 

"Es besteht Grund zu der Annahme, dass das, was mit Nawalny passiert ist, ein Versuch einer ausländischen Einmischung gewesen sein könnte, um das Leben und die Gesundheit eines russischen Bürgers zu bedrohen und Spannungen in unserem Land zu verursachen", erklärte der Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Korruptionsbekämpfung Wassili Piskarew.

Der Vorsitzende der russischen Staatsduma, Wiacheslav Wolodin, hatte zuvor behauptet, dass die Äußerungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel und des Hohen Vertreters der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, zum Fall Nawalny den wahren Hintergrund des Vorfalls enthüllen könnten. Man müsse sich fragen, ob es sich nicht "um eine Provokation seitens Deutschlands und anderer EU-Länder handelt, um neue Anschuldigungen gegen unser Land zu formulieren", so seine Theorie. "Wir müssen umfassend untersuchen, was passiert ist. Der Ausschuss für Sicherheit und Korruptionsbekämpfung der Staatsduma wird beauftragt, zu analysieren, was passiert ist, um zu verstehen, ob dies ein Versuch ausländischer Staaten war, die Gesundheit eines russischen Bürgers zu schädigen, um Spannungen in Russland zu erzeugen", erklärte er.

Ausrechnet dieser Ausschuss will nun angeblich die Causa Nawalny untersuchen. Wie der Zufall es will, heißt eins der Mitglieder dieser Instanz Andrej Lugovoj. In Großbritannien geht man davon aus, dass er an der Ermordung des mit Polonium vergifteten ehemaligen FSB-Offiziers Alexander Litvinenko beteiligt war. Luguvoj hatte sich im Oktober 2006 zusammen mit dem Geschäftsmann Dmitrij Kowtun mit Litwinenko getroffen - woraufhin Litwinenko am 23. November verstarb. 

Vergiftung von Alexej Nawalny nur erfunden?

Großbritannien fordert die Auslieferung von Lugovoj. Doch die russische Generalstaatsanwaltschaft weigert sich, den Abgeordneten der Duma an die britischen Behörden zu überstellen und wirft Scotland Yard Mangel an Beweisen und politische Befangenheit vor.

Lugowoj selbst bestreitet die Vorwürfe und behauptet, britische Geheimdienste seien in den Fall verwickelt. Nun soll seiner Darstellung zufolge auch Nawalny den Machenschaften westlicher Geheimdienste zum Opfer gefallen sein. "Wenn wir jetzt überlegen, wer von der Situation um Nawalny profitiert hat, dann hat natürlich niemand Zweifel daran, dass sie vor allem dafür nützlich ist, um eine weitere Hysterie gegen Russland auszulösen", behauptete er in einem Interview mit dem unabhängigen Sender Dozhd. "Da ich selbst eine Person bin, die von amerikanischen Geheimdiensten verfolgt wurde und weiterhin verfolgt wird, glaube ich, dass alles, was mit Nawalny passiert ist, eine hervorragend vorbereitete, höchst geheime Spezialoperation ist. Eine Beteiligung britischer und amerikanischer Geheimdienste schließe ich nicht aus", so Lugowoj.

Dabei behauptet er, dass die Charité eine "zwielichtige" Klinik sein, die deutschen Ärzte seien von deutschen Geheimdiensten instruiert und generell gebe es gar keine Vergiftung - genauso wie im Fall von Litwinenko.

Staatsmedien verbreiten neue Kreml-Verschwörungstheorie 

Die Strategie, die der Kreml jetzt wählt, ist also keineswegs neu. Dem Narrativ der Kremlpropaganda zufolge, ist "der Westen" an allem schuld, was in Russland schiefläuft. Alles geschehe mit dem einzigen Ziel: Putin und somit Russland zu schwächen - wobei die Person mit dem Land de facto gleichgesetzt wird. Ganz getreu dem Motto: "Russland ist ohne Putin nicht überlebensfähig", wie es ein Duma-Abgeordneter mal ausdrückte.

Und so springen die Propagandisten des Kremls nur zu gern auf den neuen Zug auf. Moderator Wladimir Solowjow - Putins liebstes Sprachrohr - behauptet, der BND oder die CIA habe den Ärzten der Charité diktiert, was sie bei Nawalny finden sollen. Ganze zwei Stunden schwadronierte er über eine vermeintliche "deutsche Spezialoperation". Sein Kollege Dmitrij Kisselew, Moderator des Staatssenders Rossija 1, schlägt in dieselbe Kerbe. "Wenn es denn überhaupt eine Vergiftung gibt, dann nützt sie nur westlichen Akteuren. Sie sind die einzigen, die davon profitieren", erklärte er. 

Von einer Version zur nächsten 

Dabei ist es erstaunlich, wie viele verschiedene Versionen vom Kreml zum Zusammenbruch Nawalnys bereits gestreut wurden. Zunächst hieß es, der Oppositionspolitiker habe sich selbst mit selbst gebranntem Alkohol vergiftet. Später kamen Kokain oder psychotrope Medikament hinzu, die Nawalny mit "sibirischem Spiritus" gemischt haben soll. In Omsk wollen die Ärzte schließlich eine Stoffwechselstörung, die auf einen geringen Zuckergehalt im Blut zurückzuführen sei, diagnostiziert haben. Nun soll es eine Operation westlicher Geheimdienste gewesen sein. 

Aber egal wie der Kreml es dreht und wendet: Für Moskau ist keine dieser Versionen schmeichelhaft. Selbst wenn man annimmt, dass eine davon stimmt. War es eine Vergiftung mit Alkohol, Drogen, Medikamenten oder gar ein niedriger Blutzucker, die zum Zusammenbruch Nawalny geführt haben, so haben sich die russischen Ärzte als ausgesprochen unfähig erwiesen. In diesem Fall muss man davon ausgehen, dass sie weder in der Lage sind, solche elementaren Diagnosen zu stellen noch sie zu behandeln. 

Nimmt man hingegen an, dass das Ganze eine Operation ausländischer Geheimdienste gewesen war, so müssen sich russische Sicherheitsorgane ein komplettes Versagen vorwerfen lassen. Wie sonst wäre es sonst möglich, dass die CIA, der MI6 oder der BND mitten auf russischen Territorium den führenden russischen Oppositionspolitiker vergiften, obwohl dieser rund um die Uhr vom FSB überwacht wird, wie Berichte des russischen Inlandsgeheimdienstes belegen. 


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