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Anschlag auf Kreml-Gegner Geheimdienstexperte: "Ich bin sicher, Putin hat die Vergiftung von Nawalny persönlich befohlen"

Ohne eine Anweisung von Wladimir Putin würden seine Geheimdienste keinen Giftanschlag auf Alexej Nawalny verüben
Ohne eine Anweisung von Wladimir Putin würden seine Geheimdienste keinen Giftanschlag auf Alexej Nawalny verüben. Davon ist der Geheimdienstexperte Wolfgang Krieger überzeugt. 
© Kremlin Pool / Picture Alliance
Alexej Nawalny, Galionsfigur der russischen Opposition ist mutmaßlich Opfer eines Giftanschlags geworden. Wolfgang Krieger, einer der führenden deutschen Geheimdienstexperten, erklärt im Interview, wer den Befehl dazu gegeben haben könnte und welche Strategie dahinter steckt.

Alexej Nawalny liegt im Koma. Seine Anhänger und die russische Opposition sind davon überzeugt, dass auf ihn ein Giftanschlag verübt worden ist - angeordnet vom Kreml. Auch die Berliner Klinik Charité, wo der prominente Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin behandelt wird, geht nach eingehender Untersuchung von einer Vergiftung des 44-Jährigen aus.

Der deutsche Historiker und Professor für Neuere Geschichte und Geschichte der internationalen Beziehungen an der Philipps-Universität Marburg, Wolfgang Krieger, ist von einem Giftanschlag überzeugt. Krieger gilt als einer der führenden deutschen Experten für die Arbeit von Geheimdiensten und beschäftigt sich seit Jahren mit aktuellen Fragen der Geheimdienstpolitik und der internationalen Sicherheitspolitik.

stern: Herr Krieger, denken Sie, Alexej Nawalny ist Opfer eines Giftanschlags geworden?

Krieger: Ja, auf jeden Fall. Und ich bin sicher, das Putin persönlich den Befehl zu diesem Anschlag erteilt hat. Es ist völlig undenkbar, dass so etwas ohne seine Autorisierung durchgeführt wird. 

Ansonsten würde das bedeuten, dass Putin seine Geheimdienste nicht im Griff hat. Dann müsste er sich selbst vor seinen Agenten fürchten und könnte keine einzige Nacht mehr ruhig schlafen. Putin ist selbst ein Geheimdienstprofi und würde solch ein eigenmächtiges Handelns niemals zulassen. Die Vorstellung, dass seine Geheimdienste auf eigene Faust operieren könnten, ist in diesem Fall völlig abwegig.

Diese Vorstellung wird oft von denen bedient, die keine direkte Schuldzuweisung in Richtung Putins aussprechen wollen. Nawalny hätte viele Feinde, lautet dann das Argument.

Ich muss sagen: Die Hypothese einer selbstständigen Aktion der russischen Geheimdienste ist abstrus. 

Warum erfolgte der Anschlag gerade jetzt? Nawalny ist bereits seit Jahren ein erbitterter Feind Putins.

Belarus lieferte hier den ausschlaggebenden Impuls. Nawalny hat öffentlich erklärt, dass die Proteste in Belarus auch für Russland ein Hoffnungsschimmer sind. Er forderte die Russen auf, sich ein Beispiel an ihren Nachbarn zu nehmen, auf die Straße zu gehen und das Regime in Frage zu stellen. Davor hat Putin Angst. Das will er unter keinen Umständen zulassen. 

Die Unruhen in Belarus sind für Putin sehr gefährlich. Wenn die Proteste auf Russland übergreifen, wäre das ein ungeheurer Prestigeverlust für Putin, den er möglicherweise in seinem Amt selbst nicht überleben würde. 

Zudem stehen in Russland im September Regionalwahlen an. Die Vergiftung Nawalnys ist eine Kampagne der Einschüchterung. 

Der Anschlag war also eine Warnung an die gesamte Opposition?

Nawalny ist nur ein - auch wenn ein ganz wichtiger - Baustein in diesem ganzen Spiel. Denn so eine Art Anschlag auf einen Oppositionellen ist immer ein Signal. Wenn man den Mann einfach nur beseitigen wollen würde, dann hätte man ihn einfach erschießen können. Aber das hat man nicht getan. Stattdessen wählt man eine Methode, mit der man der ganzen Welt demonstrieren kann: Der Kreml ist überall. Der Kreml beobachtet jeden. Und Menschen, dies sich gegen den Kreml stellen, führen ein gefährliches Leben. Das ist die Botschaft dieses Anschlags.

Schon allein die Wahl der Waffe und des Tatorts spricht Bände: Vergiftung auf einem Flughafen. Wo man davon ausgehen muss, dass es viele Zeugen geben wird, die sofort die Smartphones zücken. Man suchte also die Öffentlichkeit. 

Wollte man Nawalny gar nicht töten?

Den Tod Nawalnys hätte man zwar billigend in Kauf genommen. Aber er war nicht das primäre Ziel. Der Wunsch nach einer Machtdemonstration war hier das Entscheidende. Dafür spricht auch etwa die Veröffentlichung des Überwachungsberichts des FSB, der eine minutiöse Beschattung von Nawalny beschreibt. Auch damit wird der Opposition signalisiert: Ihr werden alle überwacht. Keiner von euch ist sicher. 

Man inszeniert also alles so, dass einerseits allen klar ist, wer für den Anschlag verantwortlich ist. Andererseits es aber keine eindeutigen Beweise gibt, die zu Putin führen.

Ja, Giftanschläge haben in Russland eine traurige Tradition. Ob im Fall des Doppelagenten Skripal oder der Journalistin Anna Politkowskaja, die ja auch einst mit einem Tee auf einem Flug vergiftet worden war, bevor sie zwei Jahre später erschossen wurde. Es ist leider nichts neues, dass Putin mit Gift gegen Oppositionelle vorgeht. Dennoch wird man im Ausland niemals sagen können: Putin ist der Schuldige. Weil eben der unzweifelhafte schriftliche Beweis fehlt. Dieser existiert wahrscheinlich gar nicht, weil solche Befehle in der Regel mündlich erteilt werden.

Aus diesem Grund hat Putin auch den Transport Nawalnys nach Deutschland in dieser spektakulären Form zugelassen. Es ist eine Botschaft an den Westen: Seht her, ich bin so mächtig und stark, dass ich mir sogar erlauben kann, dass eine Vergiftung nachgewiesen wird. Das ist Teil seiner Strategie. Mein Regime ist so stabil, dass ich mir selbst eine Ausreise eines Nawalany leisten kann. Das ist Putins Botschaft an uns. 


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