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Pressestimmen

Tod von Danzigs Bürgermeister: "Hinter der brutalen Tat eines Psychopathen steht die polnische politische Psychose"

Ein Mann sticht bei einer Spendenveranstaltung auf Danzigs Bürgermeister ein. Stundenlang bemühen sich die Ärzte, sein Leben zu retten. Vergeblich. Polen ist erschüttert. Und internationale Medien fragen sich: Woher kommt der Hass?

Der tödliche Anschlag auf Danzigs Bürgermeister hat Polen geschockt und in tiefe Trauer gestürzt: Pawel Adamowicz erlag am Montag den Folgen eines Messerangriffs bei einer Spendenveranstaltung am Vorabend (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). 

Die "Schreckenstat" von Danzig sollte niemanden wundern, kommentiert etwa die "Frankfurter Rundschau": "Verbale Hassattacken gehören in Polen noch viel stärker zum politischen Alltag als in vielen anderen westlichen Demokratien." Die tschechische Zeitung "Hospodarske novinymeint, dass man die Verantwortung nicht nur beim Täter suchen sollte - hinter der "brutalen Tat eines Psychopathen" stehe auch eine "polnische politische Psychose". Die Pressestimmen.

Presse aus Deutschland zur "Schreckenstat" von Danzig

"Frankfurter Rundschau": "Auf der Bühne steht ein Politiker, der sich für die Hilfsbereitschaft seiner Mitbürger bei einer berühmten Spendengala bedanken will. Und dann stürmt ein Mann mit einem Messer auf die Bühne und sticht auf ihn ein. Politiker hätten ihn foltern lassen, ruft er von der Bühne. (...) Verbale Hassattacken gehören in Polen noch viel stärker zum politischen Alltag als in vielen anderen westlichen Demokratien. Es ist deshalb keineswegs übertrieben zu behaupten, dass eine Schreckenstat wie der Mord von Danzig in einem solchen Umfeld niemanden wundern sollte. Das aber heißt auch, dass die Stiche nicht nur den ebenso beliebten wie engagierten Bürgermeister ins Herz getroffen haben, sondern auch die Demokratie als solche."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): "Es ist deshalb keineswegs übertrieben zu behaupten, dass eine Schreckenstat wie der Messerangriff von Danzig in einem solchen Umfeld eine innere Logik hat und niemanden wirklich wundern sollte. Das aber heißt auch, dass die Stiche nicht nur den ebenso beliebten wie engagierten Bürgermeister der alten Hansestadt ins Herz getroffen haben, sondern die polnische Demokratie. Dass sich diese Demokratie in einem fragilen Zustand befindet, ist bekannt. Zum weiteren Umfeld des Mordversuchs gehört deshalb auch die Tatsache, dass die PiS-Regierung seit ihrem Wahlsieg 2015 alles daran setzt, die Gewaltenteilung im Land einzuschränken und ein autoritäres System zu installieren. Sie begründet dies mit 'kranken Strukturen' im Staat und lässt keine Gelegenheit aus, Träger dieses Staates wie Richter oder Lehrer zu diffamieren. Wer solchen Wind sät, könnte man sagen, wird am Ende immer Sturm ernten."

"Deutsche Welle": "Es ist ein schwarzer Tag in Polens Geschichte. (...) Auch wenn der Attentäter nachweislich eine kriminelle Vergangenheit hatte und dazu ein offenbar psychisch gestörter Mensch war: Sein Bekenntnis noch am Tatort lässt keinen Zweifel daran, dass der Mord einen politischen Hintergrund hatte. Die politische Verantwortung für diesen Tod liegt bei all denen, die in der Politik nicht auf Kompromisse und Dialog, sondern auf Spaltung und Konflikt setzen."

Italien

"La Repubblica" (Rom): "Es ist sicher kein einzelnes Ereignis - wir hoffen, dass es ein solches bleibt - , anhand dessen man das politische Klima in Polen definieren kann. Darüber hinaus haben alle politischen Kräfte und die Regierung die Tat sofort verurteilt. Dennoch: Der Mord an Adamowicz lädt uns dazu ein, über den Zustand eines großen europäischen Landes zu reflektieren."

Tschechien

"Hospodarske noviny" (Prag): "Die meisten Beobachter betonen, dass hinter dem Anschlag ein kranker Mensch, wahrscheinlich ein Psychopath, stand, der von Hirngespinsten und einem krankhaften Hass gelenkt wird. Das ist sicherlich so. Doch man sollte die Verantwortung nicht nur bei ihm suchen. Hinter der brutalen Tat eines Psychopathen steht die polnische politische Psychose: Flüsse negativer Emotionen, welche die politischen Akteure aufeinander loslassen; gegenseitiger Hass, Bissigkeiten und Hohn zwischen Regierungs- und Oppositionskämpfern; ein mediales Narrativ des Hasses, das sich nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch im extrem politisierten Fernsehen findet. Man sollte die Verantwortung nicht abschieben, denn genau solche Botschaften sind das Futter Verrückter, die sich an einem Feiertag der Humanität wie dem Spendentag des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe mit einem Messer auf unschuldige Menschen stürzen."

fs / DPA / AFP