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Nach Politiker-Mord: Polen ist erschüttert: Tausende Menschen gedenken Danzigs ermordeten Bürgermeister

Der Mord an Danzigs Bürgermeister stürzt Polen in tiefe Trauer. Landesweit strömen die Menschen zu den Gedenkmärschen. Die Sorge wächst, dass der Konflikt zwischen Regierung und Opposition eskalieren könnte.

Das Ärzteteam rang vergeblich um sein Leben. Am späten Montagnachmittag trat Chirurg Tomasz Stefaniak vor die Presse und gab den Tod von Danzigs Bürgermeister bekannt. "Trotz all unserer Bemühungen haben wir ihn nicht retten können", sagte Stefaniak. Während einer Benefiz-Veranstaltung am Sonntag hatte ein Angreifer Pawel Adamowicz auf offener Bühne niedergestochen. Das Stadtoberhaupt erlitt Verletzungen an Herz, Zwerchfell und Organen im Bauchraum und verlor viel Blut. Den Ärzten gelang es in einer fünfstündigen Notoperation nicht, das Leben des Bürgermeisters zu retten.

Laut Polizei handelt es sich bei dem Angreifer, der von Sicherheitsleuten rasch überwältigt wurde, um einen 27-jährigen Danziger. Ein Video der Attacke zeigt, wie der Mann nach der Messerattacke ein Mikrofon an sich reißt und ruft, die ehemalige Regierung der Bürgerplattform (PO) habe ihn unschuldig ins Gefängnis gebracht. "Deshalb stirbt Adamowicz!"

Medienberichten zufolge war der Täter in der Vergangenheit wegen bewaffneter Banküberfälle zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt worden. Demnach litt er im Gefängnis zunehmend unter psychischen Problemen. Gegen den Täter wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes eingeleitet. Zugleich wurde eine psychologische Untersuchung angeordnet.

Tausende gedenken Danzigs Bürgermeister

Der Angriff auf Adamowicz löste in Polen eine politische Debatte über Hassreden aus. Der heftige Streit zwischen Opposition und der Regierungspartei PiS könne zur Eskalation der Gewalt beigetragen haben, meinten Kritiker. Anhänger verschiedener Parteien mahnten, das Attentat auf Adamowicz nicht zu politisieren.

Die liberal-konservative PO hatte Adamowicz bei seiner Wiederwahl im Herbst unterstützt. Der 53-Jährige war seit 1998 Bürgermeister der nordpolnischen Hafenstadt. Er war für seine liberalen Ansichten und seine Opposition zur rechtskonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) bekannt. Die Bürgerplattform PO stellte von 2007 bis 2015 die Regierung, Parteigründer Tusk war bis zu seiner Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2014 Ministerpräsident.

Als Reaktion auf Adamowicz' Tod wurden in Warschau, Danzig und mehreren anderen Städten Trauermärsche organisiert. In Danzig gingen am Montagabend tausende Menschen auf die Straße, unter ihnen EU-Ratspräsident Donald Tusk. Der aus Danzig stammende Ex-Regierungschef lobte seinen verstorbenen Freund als "mutigen" Politiker, der stets "gegen das Böse Stellung bezog".

Polens Präsident kündigt Staatstrauer an

Auch der frühere Solidarnosc-Chef und Staatspräsident Lech Walesa, Regierungschef Mateusz Morawiecki und zahlreiche Politiker aus Regierung und Opposition äußerten sich betroffen über Adamowicz' Tod. Präsident Andrzej Duda würdigte Adamowicz als "großen Politiker".

Von einem staatlich organisierten Trauermarsch sah Präsident Andrzej Duda auf Wunsch der Angehörigen ab. Die Familie habe sich eine weitestgehende Zurückhaltung der Politik gewünscht, sagte er und kündigte stattdessen für den Tag der Beerdigung des 53-Jährigen Staatstrauer an. Ein Termin stand zunächst nicht fest. Der Politiker hinterlässt eine Frau und zwei acht- und 15-jährige Töchter.

sos / AFP / DPA