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Asyl in Nigeria: Villa mit Ausblick und kritische Nachbarn

Mancher würde Charles Taylor lieber als Kriegsverbrecher vor Gericht sehen anstatt ihn zum Nachbarn zu haben. Die Nigerianer sind keineswegs begeistert von dem Angebot, das Präsident Olusegun Obasanjo seinem geschassten Amtskollegen gemacht hat.

Die nigerianische Küstenstadt Calabar ist berühmt für ihre Küche. Es heißt, wer von einer Frau aus Calabar bekocht wurde, wird die Stadt nie verlassen. Stadtgespräch in diesen Tagen ist die Ankunft eines außergewöhnlichen Gastes. Mancher Nigerianer würde ihn lieber als Kriegsverbrecher vor Gericht sehen anstatt ihn zum Nachbarn zu haben.

Der liberianische Ex-Präsident Charles Taylor hielt sein Versprechen, übergab die Macht an seinen Vizepräsidenten Moses Blah und reiste anschließend ins Exil. In Calabar erwartete ihn eine säulengeschmückte Villa mit Ausblick auf den Fluss.

Tiefe Kriegswunden

Taylor hinterlässt ein Land mit tiefen Kriegswunden. Fast 14 Jahre litten die Menschen unter dem Bürgerkrieg, den Taylor zunächst als Rebellenführer und in den vergangenen sechs Jahren als Staatschef immer wieder neu entfacht hat. Eine Viertelmillion Menschen haben dabei ihr Leben gelassen.

Auch in den Nachbarstaaten Guinea und Sierra Leone soll Taylor als Kriegstreiber gewirkt und nebenbei kräftig vom Diamantenhandel profitiert haben. Ein von den Vereinten Nationen unterstütztes Gericht erließ deswegen einen internationalen Haftbefehl gegen ihn.

Destabilisierender Faktor für ganz Westafrika

In den vergangenen Wochen kam es in der Hauptstadt Monrovia zu heftigen Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Auf beiden Seiten kämpften mit Drogen aufgeputschte Jugendliche und Kinder. Die USA verlangten Taylors Abgang. Er gilt inzwischen als destabilisierender Faktor für ganz Westafrika.

Doch ob sich die Lage nach seinem Abgang verbessert, ist nach Ansicht von Beobachtern ungewiss. Vertreter der Rebellen haben bereits gegen den Nachfolger Blah protestiert. "Er ist nur ein zweiter Taylor", sagte ein Sprecher. In der Tat ist Blah ein alter Kampfgefährte Taylors. Mit ihm zusammen zettelte er 1989 die Rebellion gegen den damaligen Präsidenten Samuel Doe an. Später wurde er Liberias Botschafter in Libyen und Tunesien.

Übergangsregierung soll Blah ablösen

In der ghanaischen Hauptstadt Akkra liegen längst Pläne auf dem Tisch, die über Blah hinaus gehen. Seit Juni bemüht sich die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS dort, Vertreter beider Seiten zu einem Friedensabkommen zu bewegen. Demnach wird Blah schon nach kurzer Zeit von einer Übergangsregierung abgelöst. Daran soll niemand aus der Führungsriege der kriegstreibenden Parteien beteiligt sein. Wer die Aufgabe übernehmen soll, die notleidende Bevölkerung zu retten und das Land wieder aufzubauen, ist jedoch offen.

Ebenso offen ist die Frage, ob sich Taylor tatsächlich als Kriegsverbrecher vor Gericht verantworten wird. Nach unbestätigten Berichten hat er sich von Nigeria zusichern lassen, dass er nicht ausgeliefert wird. Ob das Land dazu verpflichtet ist, ist jedoch Auslegungssache, da das Sondergericht für Sierra Leone kein UN-Tribunal ist.

Kaum Begeisterung

Taylors künftige Nachbarn sind keineswegs begeistert von dem Angebot, das Präsident Olusegun Obasanjo seinem geschassten Amtskollegen gemacht hat. Ein Leserbriefschreiber einer nigerianischen Zeitung lässt seinem Ärger freien Lauf: "Obasanjo sollte lieber nicht unser Geld dafür verwenden, für einen Diktator aufzukommen, der als Kriegsverbrecher vor Gericht gehört. Wenn ihm so viel daran liegt, dann soll er ihn doch auf seiner eigenen Farm unterbringen!"

Ulrike Koltermann / DPA