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Kriegsverbrechen in Sierra Leone: Sondergericht spricht Charles Taylor schuldig

Es ist die erste Verurteilung eines Ex-Staatschefs wegen Kriegsverbrechen seit den Nürnberger Prozessen: Charles Taylor, früherer Präsident Liberias, wurde von einem Sondergericht für schuldig befunden. Das Strafmaß steht noch aus.

Liberias früherer Präsident ist am Donnerstag als erstes Ex-Staatsoberhaupt seit den Nürnberger Prozessen von einem internationalen Tribunal wegen Kriegsverbrechen für schuldig befunden worden. Taylor musste sich als einer der Hauptverantwortlichen für Gräueltaten während des Bürgerkriegs im Nachbarland Sierra Leone (1991-2002) verantworten, denen nach Schätzungen mehr als 120.000 Menschen zum Opfer fielen.

Das Strafmaß muss der in Leidschendam bei Den Haag tätige Sondergerichtshof für Sierra Leone noch festlegen. Taylor droht eine lebenslange Haft. Die offizielle Anklage gegen den 64-Jährigen lautete auf Mord, Vergewaltigung, Rekrutierung von Kindersoldaten und sexuelle Ausbeutung. Taylor wurde allerdings nicht in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen.

Bezahlung mit Blutdiamanten

Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, als Präsident Liberias die äußerst brutale Rebellentruppe "Revolutionäre Vereinigte Front" (RUF) in Sierra Leone unterstützt und kontrolliert zu haben. Für Waffenlieferungen an die Rebellen, die tausenden Zivilisten Gliedmaßen abhackten, ließ er sich mit geraubten Edelsteinen bezahlen, den sogenannten Blutdiamanten, mit denen er bei prominenten Gästen prahlte.

In dem Kriegsverbrecher-Prozess, der im Juni 2007 begann und unter anderem durch Zeugenaussagen des britischen Models Naomi Campbell sowie der US-Schauspielerin Mia Farrow Aufsehen erregte, war Taylor in insgesamt elf Punkten angeklagt. Er hat stets alle Vorwürfe zurückgewiesen und sich als Opfer einer internationalen Intrige dargestellt.

Taylor studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA

Von 1997 bis 2003 war Taylor der 22. Präsident von Liberia. 1948 in den Nähe der liberianischen Hauptstadt Monrovia geboren, studierte er zunächst in den USA Wirtschaftswissenschaften. Ende der 1970er Jahre kehrte Taylor in seine Heimat zurück und wurde dort vom damaligen Präsidenten Samuel K. Doe mit einem wichtigen Regierungsposten betraut. Wenig später bereitete er - vermutlich in Libyen und in der Elfenbeinküste - den Aufstand gegen seinen Chef Doe vor.

Das Ende der Regierung Doe führte nicht etwa zu einer Zeit des Friedens in Liberia, sondern zu politischer Zersplitterung. Es folgte ein blutiger Bürgerkrieg, in dem verschiedene ethnische Gruppen versuchten, die Kontrolle über die Rohstoffe des Landes zu gewinnen. Als der Konflikt 2003 nach 14 Jahren zu Ende ging, waren mehr 200.000 Menschen ums Leben gekommen und über eine Million Liberianer auf der Flucht.

Taylor ging nach seinem Sturz ins Exil nach Nigeria. Bereits im Juni 2003 stellten die Vereinten Nationen einen Haftbefehl gegen ihn aus. Bei dem Versuch, die Grenze nach Kamerun zu überqueren, wurde Taylor im März 2006 festgenommen und an das UN-Sondertribunal zu Sierra Leone überstellt. Aus Sicherheitsgründen wurde entschieden, den Prozess nicht in Freetown, sondern in Den Haag zu führen. Für mögliche Kriegsverbrechen in Liberia muss sich Taylor bislang nicht verantworten.

jar/dho/DPA/Reuters/DPA/Reuters