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Ausnahmezustand: Das Inferno in New York

"Da steckt was im World Trade Center" - der 11. September war der Tag, an sich die Wolken des Terrors über Manhattan legten und die Stadt am hellichten Tag in Finsternis und Schrecken stürzten.

Von Michael Streck

Der Tag, als der Krieg nach New York kam, beginnt mit viel Sonne. Das Radio meldet das Übliche. Gutes Wetter und Stau Richtung Manhattan. Außerdem, dies ist ein entscheidender Tag für New York: Vorwahlen für die Nachfolge von Bürgermeister Rudy Giuliani. Irgendwann meldet sich der Helicopterpilot von CBS-Radio und sagt: "Da ist irgendwas im World Trade Center. Das sieht aus wie ein Loch. Das sieht aus wie Feuer. Mein Gott, das ist Feuer."

Es ist kurz vor neun, an einem Dienstag, der New York City und die Vereinigten Staaten für immer verändern wird. Die Maschine der American Airlines, Flug 11, auf dem Weg von Boston nach Los Angeles, hat sich mit 81 Passagieren und elf Crewmitgliedern in das World Trade Center gebohrt.

Kaum 20 Minuten später steht der zweite Turm in Flammen: United Airlines Flug 175 von Boston nach Los Angeles, 65 Menschen an Bord. Flammen züngeln aus den Towers, Menschen springen panisch aus beschädigten Fenstern in den sicheren Tod. Fontänenhaft regnen eineinhalb Stunden später die gesamten 110 Stockwerke auf die Straßen. Der Süden Manhattans sieht aus wie nach einem Schneesturm, nur ist das kein Schnee, sondern Staub.

Wahrheit, die keiner glauben kann

Der internationale Terror hat die USA erreicht. Das ist die Wahrheit, die zunächst keiner glauben kann.

In den Vorortzügen sitzen an diesem Morgen noch viele Geschäftsleute, nippen ihren Kaffee aus Pappbechern und blättern gelangweilt durch das "Wall Street Journal" und den Sportteil der "New York Times". Mobiltelefone klingeln, besorgte Ehefrauen fragen "Are you okay?" Die Frage zurück: "Why?" Und dann schauen sie zunächst verblüfft und danach entsetzt und fassen sich an die Stirn, und die junge Anwältin Janet A. Brody sagt: "Das ist Pearl Harbor. Wir erleben ein zweites Pearl Harbor.

Ein Anschlag auf das Herz Amerikas

Der Tag, als der Krieg in die Stadt kam, beginnt für den Börsenmakler Jeff Angione wie jeder Tag. Er verabschiedet sich von seiner Frau Melinda und den Töchtern Jenny, 8, und Christina, 10. Er betritt sein Büro im fünften Stock der New Yorker Börse. Es ist kurz vor neun. "Plötzlich kamen Leute auf uns zugelaufen und sagten: Eine Bombe da drüben im World Trade Center. Und wir gucken aus dem Fenster und sehen ein zweites Flugzeug." Aber Börsenchef Richard Grasso kann oder will das Unfassbare nicht wahrhaben. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein Anschlag auf das Herz Amerikas? Bomben, entführte Flugzeuge, Terroristen? Unmöglich. "Vielleicht", sagt Grasso noch zu seinen Mitarbeitern, "werden wir zehn Minuten später aufmachen." Dann tut es einen mächtigen Knall, und Grasso spricht: "Okay, wir machen zu. Alle Leute raus."

Jeff Angione packt seine Sachen und rennt los Richtung Hudson River. Nur weg, die Liberty Street hinunter. Jeff wundert sich über den Staub in der Luft, der aussieht wie Konfetti. Er schaut nach oben. Er sieht die brennenden Zwillingstürme, er sieht Menschen aus den Fenstern springen. Dann schaut er auf den Boden, und sein Magen und seine Sinne spielen verrückt. "Ich sah einen zerfetzten Fuß, ein abgerissenes Bein und einen Arm." Jeff Angione nimmt seine Krawatte ab und bindet sie sich um die Augen, weil er den Anblick nicht erträgt. Der Börsianer kennt diese Bilder nur aus dem Fernsehen. Aus dem Nahen Osten, Israel und Palästina. Aber das hier ist real, das ist kein Film. Es sind keine Fernsehnachrichten. Jeff tastet sich an Häuserwänden entlang und schafft es irgendwann in die letzte U-Bahn. Er sagt. "Wenn ich die Augen schließe, sehe ich den blutigen Fuß vor mir."

"Die fliegt ja völlig falsch"

Nichts wird mehr so sein in New York wie vor diesem Tag, der auch für Rolf Schmidt-Holtz begann wie einer von vielen. Der ehemalige stern-Chefredakteur, heute Bertelsmann-Manager, sitzt im 24. Stock des Bertelsmann-Gebäudes am Times Square. Ein Turm des World Trade Centers brennt bereits. In dem Moment sieht er die zweite Maschine. Aber etwas stimmt nicht. Er ruft: "Die fliegt ja völlig falsch. Die fliegt ja viel zu tief." Sekunden später kracht das Flugzeug in den zweiten Turm. Die Bertelsmann-Angestellten, größtenteils Amerikaner, sind geschockt, fassungslos, ratlos. Schmidt-Holtz sieht in leere und verheulte Gesichter. "Die Leute haben den Traum von der Unverletzlichkeit Amerikas sterben sehen."

Der Tod ist nicht abstrakt. Noch kann niemand sagen, wie viele Menschen in dem Inferno ums Leben kamen. 50.000 Leute haben bis zu diesem Tag in den Türmen gearbeitet. Eine ist die 33 Jahre alte Iris von der renommierten Kanzlei "Brown & Woods": "Ich wollte gerade ins Büro gehen, als mich ein Kollege anrief, und mir sagte, dass ein Flugzeug in mein Büro geflogen sei. Zuerst dachte ich an einen Witz, aber wäre ich eher ins Büro gegangen, wäre ich heute tot."

Irgendwann ist eine merkwürdige Ruhe

Die Stadt reagiert schnell. Vor dem St. Vincent's Hospital stehen Sanitäter und bitten Passanten um Blutspenden. Im Radio laufen Durchsagen, Chirurgen und Brandwundenspezialisten sollen sich dringend melden. Panik schüttelt Downtown. "Norden, Norden, alles Richtung Norden", brüllen die Polizisten. Feuerwehrwagen rasen durch die Straßen auf denen fingerdicker Staub liegt und sich die Menschen feuchte Taschentücher vor die Gesichter pressen. Aber irgendwann ist eine merkwürdige Ruhe. New York City weint still. Jeder kennt jemanden aus dem World Trade Center. Die Menschen erobern sich die Straßen zurück. Die Karawane zieht nordwärts. Tausende, Zehntausende verlassen Manhattan zu Fuß. Nach New Jersey, über die Brücken nach Brooklyn und Queens.

Abends fahren die Züge wieder in die Vororte. Bürgermeister Giuliani hat die Vorwahlen verschoben und den Menschen geraten, "Ruhe zu bewahren". Am blauen Himmel über Manhattan kreisen Militärjets. Bereit, jeden weiteren Selbstmordbomber abzuschießen.

Mitarbeit: Michael Saur, Fatima Parsons / print