Bagdad Ausgangssperre nach Anschlagsserie


Nach einer blutigen Anschlagsserie in Bagdad mit mehr als 200 Toten gilt in der irakischen Hauptstadt eine Ausgangssperre; auch der Flughafen wurde gesperrt. Mehrere Autobomben waren im Schiiten-Viertel Sadr City explodiert.

Bei der schwersten Anschlagsserie in Bagdad seit der US-Invasion sind im Schiiten-Viertel Sadr City 202 Menschen getötet worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 252 Bewohner bei der Explosion von fünf Autobomben verletzt. Zur gleichen Zeit griffen Bewaffnete das von Schiiten geführte Gesundheitsministerium mit Granaten und Raketen sowie Maschinengewehren an.

Die Regierung reagierte mit einer Ausgangssperre für Bagdad und rief zur Ruhe auf. Gleichwohl waren nach Einbruch der Dunkelheit einzelne Schusswechsel zu hören. Sadr City ist eine Hochburg des radikalen Schiiten-Geistlichen Moktada al-Sadr und seiner Mehdi-Armee, die sowohl gegen die sunnitische Minderheit als auch gegen die USA kämpft.

Gegenanschläge auf Sunniten

Am Freitag begann die Beisetzung der Toten. Rund 300 Männer, Frauen und Kinder begleiteten die ersten 16 Särge von Opfern, die auf Autos geladen und an den Stadtrand gefahren wurden. Dort begann eine 160 Kilometer weite Fahrt nach Nadschaf. In der Heiligen Stadt der Schiiten sollen die Opfer ihre letzte Ruhe finden.

Ministerpräsident Nuri al-Maliki wies die Polizei an, den Trauerzug vor Anschlägen zu sichern. Für ganz Bagdad wurde ein 24-stündiges Ausgehverbot verhängt, um weitere Anschläge oder Racheakte zu verhindern. Als Reaktion auf die Anschläge in Sadr City griffen schiitische Extremisten die Abu-Hanifa-Moschee in Bagdad an, das höchste Heiligtum der Sunniten in der Hauptstadt. Außerdem wurden Granaten auf das Büro der sunnitischen Vereinigung Muslimischer Geistlicher und auf ein sunnitisches Wohnviertel abgeschossen. Mindestens zehn Menschen kamen ums Leben.

"Wir rufen die Menschen auf, verantwortungsvoll zu handeln und miteinander auf eine Beruhigung der Lage hinzuwirken", hieß es in der gemeinsamen Erklärung aller größeren Fraktionen. Zu den Unterzeichnern zählten Ministerpräsident Nuri al-Maliki, ein Schiit, und der sunnitische Vize-Präsident. Einen derartigen Schulterschluss gab es seit der Anschlagsserie vom Februar nicht mehr, als die Bombardierung eines schiitischen Schreins eine Welle von religiös motivierten Gewalttaten auslöste.

Eine davon waren die Attentate vom 2. März 2004, als in Bagdad und dem Schiiten heiligen Kerbela 171 Menschen zu Tode kamen. Es war die schwerste Anschlagsserie seit dem Einmarsch der US-Truppen 2003 landesweit.

Opfer bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt

Gesundheitsminister Ali Al-Schemari sagte, viele Opfer vom Donnerstag seien bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Ein General des Innenministeriums berichtete im staatlichen Fernsehen, sechs jeweils mit einer halben Tonne Sprengstoff beladene Autos seien fast zeitgleich in dem Gebiet explodiert, das zusätzlich mit Granatwerfern beschossen wurde. Ganze Straßen und Märkte in dem von zwei Millionen Menschen bewohnten Armenviertel wurden zerstört. Leichenteile lagen in Autowracks.

Der stellvertretende Gesundheitsminister Hakim al-Samilj hatte in dieser Woche einen Mordanschlag nur knapp überlebt. Bewaffnete griffen seinen Fahrzeugkonvoi an und töteten zwei seiner Leibwächter. Einen Tag zuvor wurde der andere Ministerstellvertreter Ammar al-Saffar aus seinem Haus entführt. Über sein Schicksal ist nichts bekannt. Beide gehören der Mehrheit der schiitischen Moslems an. Die Sunniten werfen der Mehdi-Armee Al-Sadrs vor, für den Tod Hunderter Sunniten in Bagdad verantwortlich zu sein, die verschleppt, gefoltert und getötet wurden.

In der Hochburg der Miliz suchen derzeit mehr als 3000 Soldaten nach einem Kameraden, der am 23. Oktober entführt wurde. Dabei kamen laut Polizei vier Menschen ums Leben. Der US-Soldat, ein gebürtiger Iraker, hatte die gesicherte Grüne Zone in Bagdad verlassen, um seine Frau und seine Familie zu besuchen.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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