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Razzien in Belgien: Ein Land unter der Knute des Terroralarms

Seit mehr als einer Woche befindet sich Belgien im Ausnahmezustand, täglich werden Häuser und Wohnungen gefilzt - nicht immer erfolgreich. Ein Überblick über die Ereignisse der vergangenen Tage.

Sicherheit in Brüssel

Patrouille auf fast leeren Straßen: Die höchste Terrorwarnstufe legt Brüssel lahm

Brüssel steht still. Den vierten Tag in Folge herrscht in der Hauptstadt heute die höchste Terrorwarnstufe. Folge: Die U-Bahnen fahren nicht, Schulen und Universitäten bleiben geschlossen, die Behörden empfehlen, belebte Orte wie Bahnhöfe und Flughäfen zu meiden sowie Konzerte und Großereignisse abzusagen. Bereits einen Tag nach den Anschlägen von Paris mit mehr als 130 Toten rückte das Land in den Mittelpunkt der Ermittlungen - und dort vor allem der Brüsseler Stadtteil Molenbeek, wo die islamistische Szene besonders stark ist. Seit rund einer Woche filzen Polizei und andere Sicherheitsbehörden beinahe täglich mutmaßliche Aufenthaltsorte möglicher Terroristen – das Land kommt nicht zur Ruhe.

Eine Übersicht

Montag, 23. November

  • Vor allem ein Mann ist für diesen Stillstand verantwortlich. Ein Mann, den die Polizei seit einer Woche im Visier hat - Salah Abdeslam. Der 26-Jährige gilt als Staatsfeind Nummer eins  und soll an den Pariser Anschlägen beteiligt gewesen sein. Auf die Frage, wie es sein könne, dass ein Mann mehr als tausend Polizisten, Soldaten und Spezialeinsatzkräften immer wieder entkommt, antwortete Innenminister Jan Jambon nüchtern: "Er muss sehr viel Unterstützung auf unserem Gebiet haben."
  • Bei den landesweiten Fahndungen werden fünf Verdächtige gefasst. Zudem werden fünf Hausdurchsuchungen im Raum Brüssel und im Bereich der ostbelgischen Stadt Lüttich durchgeführt.
  • Den dritten Tag in Folge gilt die Terrorwarnstufe 4, im Rest des Landes weiter Stufe 3. Grund: Es soll konkrete Hinweise auf ein geplantes Attentat von Terroristen in Brüssel geben - ähnlich den Anschlägen in Frankreich. In Brüssel sollen sich zwei Terroristen aufhalten, darunter der seit einer Woche gesuchte Salah Abdeslam.
  • Bestehen bleiben ebenfalls die schärferen Kontrollen in den rheinland-pfälzischen Grenzgebieten zu Belgien, Luxemburg und Frankreich. Nach den Anschlägen in Paris war das Personal der Bundespolizei und der rheinland-pfälzischen Polizei in diesen Regionen aufgestockt worden.
  • Die belgische Polizei hat sich bei Nutzern sozialer Netzwerke dafür bedankt, dass diese am Sonntagabend weitgehend "Funkstille" über laufende Antiterror-Razzien in Brüssel hielten und stattdessen eine Flut von Katzenbildern und -videos verbreiteten. "Für die Katzen, die uns gestern Abend geholfen haben... bedient Euch!", schrieb die belgische Polizei am Montag auf Twitter. Dazu stellte sie ein Foto mit einem gefüllten silbernen Futternapf mit der Aufschrift "Polizei" auf Flämisch und Französisch.
  • Die Polizei dankt Nutzern sozialer Netzwerke mit einem Katzenfutter-Bild, dass sie nicht über den großräumigen Einsatz am Sonntag getwittert haben. Der Dankes-Tweet löst eine neue Katzenwelle aus.

Sonntag, 22. November 

  • Beim großangelegten Anti-Terror-Einsatz nimmt die Polizei 16 Personen vorläufig fest. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Salah Abdeslam ist jedoch nicht unter den Festgenommenen. Insgesamt werden 19 Häuser und Wohnungen durchsucht, dabei zwar 26.000 Euro aber weder Waffen noch Explosivstoffe gefunden In der Gemeinde Molenbeek kommt es auf der Straße zu einem Schusswechsel.
  • Beim Medienhaus der flämischen Gruppe Medialaan in Vilvoorde bei Brüssel geht eine Bombendrohung ein, das Gebäude wird evakuiert.
  • Die Polizei bittet die Nutzer sozialer Netzwerke, keine Informationen über die Einsätze zu verbreiten, bei denen auch ein mutmaßlicher Mittäter der Anschläge von Paris gesucht wird. Unter dem Stichwort #BrusselsLockdown (Brüssel-Sperrung) beginnen Twitter-Nutzer, unzählige Fotos und Videos von Katzen zu veröffentlichen. Offenbar ist es ein Kameramann des niederländischen Fernsehens NOS, der am Abend die erste Katze tweetet.

Samstag, 21. November

  • Wegen Hinweisen auf geplante Terror-Attentate ruft Belgien die höchste Sicherheitswarnstufe für Brüssel aus. Viele Geschäfte schließen, die U-Bahnen stehen ab nachmittags still, auch zahlreiche Fußballspiele, darunter das Erstliga-Topspiel zwischen dem KSC Lokeren und dem RSC Anderlecht wird abgesagt.
  • Drei Personen werden in Brüssel wegen dringenden Terrorverdachts festgenommen, einer davon soll eine Schlüsselfigur der Pariser Anschläge sein.

Freitag, 20. November

  • Die belgische Justiz klagt einen weiteren Verdächtigen an. Er wurde am Tag zuvor bei einer Razzia festgenommen. Der Vorwurf lautet: Beteiligung an Terroranschlägen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
  • Vorerst in Haft bleiben Mohammed Amri und Hamza Attou. Sie sollen den flüchtigen Attentäter Salah Abdeslam nach den Anschlägen mit dem Auto von Paris nach Brüssel gebracht haben.
  • Sieben der am Donnerstag Festgenommenen sind wieder auf freiem Fuß

Donnerstag, 19. November

  • Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge von Paris ist tot. Der 28-jährige, belgische Islamist Abdelhamid Abaaoud wird bei der dramatischen Polizeiaktion vom Mittwoch in Saint-Denis im Norden von Paris getötet.
  • Bei erneuten Razzien werden in Brüssel neun Verdächtige im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen festgenommen. Sieben Festnahmen stünden in direkter Verbindung mit dem Selbstmordattentat des Franzosen Bilal Hadfi, erklärt die belgische Staatsanwaltschaft.
  • Im Fokus der Anti-Terror-Einsätze steht der Brüsseler Stadtteil Molenbeek, aber auch in den gutbürgerlichen Vierteln Uccle und Laeken sowie im Zentrum der belgischen Hauptstadt werden mögliche Unterschlüpfe durchsucht.
  • Belgien will mit zusätzlichen 400 Millionen Euro den Kampf gegen islamistische Gewalttäter verstärken. Zu den zusätzlichen Maßnahmen, die Ministerpräsident Charles Michel verkündet, gehören die Inhaftierung von Anhängern der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS), die von Syrien nach Belgien zurückkehren. Darüber hinaus sollen Gesetze gegen Hassprediger verschärft und nicht anerkannte Gebetsstätten geschlossen werden. Außerdem soll der anonyme Kauf von SIM-Karten für Handys unterbunden werden.

Mittwoch, 18. November

  • In Saint-Denis bei Paris zerschlägt die Polizei nach eigenen Angaben ein "terroristisches Kommando", das einen weiteren Anschlag geplant haben soll. Bei einer Großrazzia, die sich über Stunden hinzieht und bei der mehrere Menschen ums Leben kommen, werden sieben Verdächtige festgenommen. Die Sondereinheiten hätten Polizeiangaben zufolge "Sturmgewehre, Scharfschützen, Offensivgrananten, Sprengstoff" eingesetzt. Bei dem "extrem schwierigen" Einsatz werden fünf Polizisten verletzt.

Dienstag, 17. November

  • Das Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande wird kurz vor Anpfiff aus Angst vor einem islamistischen Sprengstoffanschlag abgesagt. Festnahmen gibt es nicht, auch Sprengstoff wird nicht gefunden. Später wird in einem IC in Hannover eine Sprengstoff-Attrappe gefunden.
  • In Alsdorf, an der deutsch-belgischen Grenze, werden sieben Personen festgenommen, kurz darauf aber wieder freigelassen. Eine Frau will Salah Abdeslam, den Drahtzieher der Anschläge erkannt haben.
  • In Belgien werden Strafverfahren gegen zwei Verdächtige wegen Beteiligung an den Anschlägen von Paris eingeleitet, die Abdeslam in der Nacht zum Samstag in Paris abgeholt und nach Brüssel gebracht haben sollen.
  • Der belgische Fußballverband verschiebt aus Sicherheitsgründen das Freundschaftsspiel Belgien gegen Spanien, weil die Regierung des Landes dazu rät.
  • Im ganzen Land werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. An sicherheitsrelevanten Plätzen vor allem in großen Städten würden zusätzliche Soldaten stationiert, kündigt Ministerpräsident Charles Michel an. Demnach sollen bis zu 300 Soldaten zusätzlich zu den derzeit 220 zum Einsatz kommen.

Montag, 16. November

  • Bei einem Großeinsatz der niederländischen Polizei unweit der Grenze zu Belgien werden zwei Menschen festgenommen.
  • Ein vierstündiger Anti-Terror-Einsatz im Brüsseler Stadtteil Molenbeek endet ergebnislos.
  • Die belgische Justiz eröffnet Strafverfahren gegen zwei Verdächtige wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Attentaten.
  • Fünf weitere festgenommene Verdächtige werden ohne weitere Beschuldigungen auf freien Fuß gesetzt. Unter ihnen ist auch Mohamed Abdeslam, dessen Bruder Brahim sich in Paris bei einem der Anschläge in die Luft gesprengt hatte. Nach dem dritten Bruder Salah wird noch gefahndet.

Sonntag, 15. November

  • Die französische Staatsanwaltschaft identifiziert zwei weitere der Angreifer, die bei den Anschlägen von Paris ums Leben kamen. Es handle sich um Franzosen, die in Belgien lebten. Die Polizei sucht nun nach einem weiteren Verdächtigen, der in Belgien geboren sei
  • Nach den Terroranschlägen ist ein Verdächtiger auf der Flucht. Die belgische Justiz schreibt im Zusammenhang mit den Ermittlungen eine Person international zur Fahndung aus
  • Bei der Anti-Terror-Razzia im Brüsseler Stadtteil Molenbeek werden fünf Personen festgenommen.

Samstag, 14. November

  • Die erste heiße Spur nach den Pariser Anschlägen führt nach Belgien. Dort nimmt die Polizei mehrere Verdächtige fest. Nach Angaben aus belgischen Ermittlungskreisen sei ein Teil der Pariser Attentäter aus Belgien eingereist und dort von Mittätern unterstützt worden.
Niels Kruse mit DPA/Reuters/AFP