Barack Obama Der Krönungstag des Superstars


Es war eine Zeremonie der Superlative: Zwei Millionen Menschen wollten in Washington trotz Eiseskälte die Vereidigung des ersten schwarzen Präsidenten sehen. Und der Auftritt von Barack Obama stellte tatsächlich alles in den Schatten. Nur ein Zwischenfall beim Festbankett störte die Euphorie eines historischen Tages.

Nachdem der historische Moment vorbei war, begaben sich das frisch gekürte Präsidentenpaar nebst Familie und rund 200 Kongressmitgliedern zu Tisch in die Statuary Hall zu Mittag. Auf der Speisekarte standen ein Meeresfrüchte-Stew und Gemüse unter einer Blätterteighaube, danach Ente und Fasan an Sauerkirsch-Chutney sowie Süßkartoffel-Melasse-Püree - und zum Nachtisch Apfelcharlotte mit Vanilleeis. Das Menü, so merkte die Gastgeberin und Abgeordnete vor dem Festbankett an, sei die meistgeklickte Seite auf der neuen Homepage des Weißen Hauses. Es ging ein befreiendes Lachen durch den Saal.

Nicht, dass die vorigen Stunden allzu angespannt verlaufen wären, aber immerhin wurde Geschichte geschrieben an diesem 20. Januar 2009. Der erste schwarze Präsident des Landes wurde vereidigt - da darf man schon etwas aufgeregt sein. Der Tag vor der bombastischen Inaugurationsfeier begann in der Hauptstadt bereits vor Sonnenaufgang, als Tausende von Schaulustigen nach Washington kamen - bei klirrender Kälte von deutlich weniger als minus zwei Grad.

Niemand störte sich an der Kälte

Doch die frostigen Temperaturen machten niemand etwas aus. Die Menschen kamen mit Decken und Schlafsäcken ins Stadtzentrum, viele trugen Obama-Mützen, Obama-Schals und Obama-Sweatshirts. An Kontrollposten zu den Zuschauerzonen rund um das Kapitol bildeten sich hunderte Meter lange Menschenschlangen. Das größte Spektakel, das die US-Hauptstadt je gesehen hat, sicherten mehr als 40.000 Soldaten und Polizisten. Vor Ausschankstellen für Kaffee bilden sich lange Warteschlagen, an einer Bude stehen 150 Menschen für ein wärmendes Getränk an, der Geruch von gegrillten Würstchen mischt sich mit dem von chinesischen Gerichten.

Durch den Massenansturm auf Washington waren die U-Bahnen völlig überfüllt. Ebenso wie die Zufahrtsstraßen, so sie denn nicht aus Sicherheitsgründen gesperrt waren. Die National Mall, die drei Kilometer lange Parkanlage zwischen Capitol und Lincoln-Denkmal, war voller Menschen. Es herrschte Volksfeststimmung, immer wieder brach Jubel aus. Denn die Menge war erfüllt von der historischen Dimension der Amtseinführung Barack Obamas, vom Gefühl, dass jetzt wirklich die alten Rassengrenzen überwunden sind.

"Meine Großmutter wäre so stolz"

"Den ganzen Morgen denke ich an meine Großmutter und an die Helden, auf deren Schultern wir stehen", sagte die 34-jährige Lyshundria Houston aus Memphis, Tennessee, nach einer Anreise von mehr als 20 Stunden. "Sie wären so stolz", so die Schwarze aus der Stadt, in der Martin Luther King ermordet wurde. "Das lässt auch die Kälte verschwinden."

Um neun Uhr morgens begann der offizielle Tag für den neuen Präsidenten. Zusammen mit seiner Ehefrau Michelle und dem Vizepräsidenten Joe Biden und seiner Frau Jill nahm er an einem Gottesdienst in der St. John's Episcopal Church teil, auch bekannt als "Gotteshaus der Präsidenten". Danach traf er mit dem scheidenden Präsidenten George W. Bush im Weißen Haus zu einer traditionelle Kaffeestunde zusammen. Anderthalb Stunden später: das große Schaulaufen auf den Stufen des Kongresses, wo Barack Obama vereidigt werden soll: Steven Spielberg kam, die ganze Familie Bush, der schwerkranke Ted Kennedy, der später beim Mittag zusammenbricht und behandelt werden musste. Dazu die Spitze des US-Senats und die Ex-Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton.

Kurz vor zwölf Uhr dann beginnt die eigentliche Vereidigung. Soul-Legende Aretha Franklin sang, es wurde gebetet, danach stand die Inauguration von Joe Biden auf der Tagesordnung. Um Punkt zwölf, Obama hatte seinen Eid noch nicht abgelegt, war aus dem Senator von Illinois offiziell der Präsident der Vereinigten Staaten geworden - so steht es in der Verfassung. Unmittelbar danach schwor er seinen Amtseid auf die Bibel seines politischen Idols und Vorgängers Abraham Lincoln, der 1863 die Abschaffung der Sklaverei verkündet hatte. Obama hob die rechte Hand zum Schwur und sprach die Eidesformel: "Ich, Barack Hussein Obama, schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich verwalten und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen will. So wahr mir Gott helfe."

Kraftvolle und mitreißende Rede

In einer kraftvollen und mitreißenden Rede auf den Stufen des Kapitols stimmte der selbstbewusst auftretende 47-Jährige anschließend seine Landsleute auf schwere Zeiten ein. Ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner unter seiner Führung die Herausforderungen meistern werden. "Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind ernsthaft und sie sind zahlreich", sagte Obama. "Sie werden nicht leicht oder kurzfristig zu meistern sein. Aber wisse, Amerika: Wir werden sie meistern."

Zudem appellierte er an die Werte der Gründerväter der Vereinigten Staaten. "Die Werte, auf denen unser Erfolg fußt - harte Arbeit und Ehrlichkeit, Mut und Fair Play, Toleranz und Neugier, Loyalität und Patriotismus - diese Werte sind alt. Diese Werte sind wahr." Obama kündigte an, die USA in eine neue Ära des Friedens zu führen. "Und so sage ich zu allen Völkern und Regierungen, die heute hier zusehen: Amerika ist ein Freund jeder Nation und jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die nach einer Zukunft in Frieden und Würde suchen - wir sind wieder bereit zu führen".

George W. Bush wurde nach der ersten Ansprache Obamas als US-Präsident zusammen mit seiner Frau Laura von einem Regierungshubschrauber aus Washington ausgeflogen. Obama, seine Ehefrau Michelle, Vizepräsident Joe Biden und dessen Frau Jill winkten ihnen zum Abschied zu. Bush legte noch einen Zwischenstopp auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington ein und flog dann ins heimatliche Texas weiter. Die erste Nacht nach dem Ende seiner Amtszeit wollten die Bushs auf ihrer Ranch in Crawford verbringen.

Zum Mittag eine Gala

Nach so einem anstrengenden Vormittag gab es erstmals seit mehr als 100 Jahren wieder ein Mittagsbankett in der Statuary Hall des Kongresses. Beim Meeresfrüchte-Stew dann brachen die beiden US-Senatoren Edward Kennedy und Robert Byrd zusammen. Kennedy leidet seit geraumer Zeit unter einem schweren Krebsleiden und war erst im Sommer operiert worden. Beide demokratischen Politiker seien in ärztlicher Behandlung, hieß es. "Meine Gebete sind mit ihm und seiner Familie", sagte Obama in einer weiteren Rede. Der an einem Gehirntumor erkrankte Kennedy ist inzwischen wieder auf dem Weg der Besserung und kann die Klinik an diesem Mittwoch wieder verlassen. Der kurze Schockmoment rüttelte nicht einen Augenblick an dem straff geplanten Programm des neuen Staatsoberhaupts. Nach der Abnahme einer Parade, legte das Führungsteam Obama/Biden die nicht ganz drei Kilometer lange Strecke vom Kongress ins Weiße Haus unter ekstatischem Jubel der Massen am Straßenrand zurück. Sie ließen es sich auch nicht nehmen ein paar Blocks zu Fuß zu gehen.

In der Zwischenzeit trafen Glückwunschtelegramme aus der ganzen Welt ein: Bundespräsident Horst Köhler gratulierte Obama zum Amtsantritt. Zuvor hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre besten Wünsche übermittelt. "Ich hoffe, dass unsere Zusammenarbeit dadurch geprägt ist, dass man einander zuhört, Entscheidungen auf der Grundlage trifft, dass nur ein Land alleine die Probleme der Welt nicht lösen kann, sondern dass wir das nur gemeinsam miteinander schaffen", sagte die Kanzlerin.

Sarkozy will mit Obama die Welt verändern

Große Worte auch aus Frankreich: Präsident Nicolas Sarkozy erklärte, er wolle mit Obama "die Welt ändern". Der britische Premierminister Gordon Brown sagte, "die ganze Welt ist Zeuge eines neuen Kapitels in der amerikanischen Geschichte und der Geschichte der Welt." Mit der guten Laune in Washington ist es aber noch lange nicht vorbei. Den ganzen Abend wird gefeiert, neben zahllosen Partys, werden fast 100 mehr oder weniger offizielle Inaugurationsbälle veranstaltet. Auf zehn von ihnen, so wurde bereits angekündigt, will sich Barack Obama sehen lassen. Bevor es für Obama dann ins neue Zuhause an der Pennsylvania Avenue 1600 geht - dem Weißen Haus. Die erste Nacht als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten.

Niels Kruse mit DPA/AP/Reuters AP Reuters

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