Bolivien Sie bleiben trotz der Gewalt


Auch wenn die Ausreise aus dem von gewalttätigen Unruhen erschütterten Land im Moment sowieso nicht möglich ist, haben viele Deutsche in Bolivien erklärt, dass sie aus Solidarität bleiben wollen.

Trotz der blutigen Unruhen in Bolivien ziehen deutsche Hilfs- und Kultur-Organisationen ihre Mitarbeiter nicht ab. "Es ist ein Zeichen von Solidarität, die Menschen in Bolivien nicht allein zu lassen, wenn es gefährlich wird", sagt die Sprecherin der Arbeitgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), Katharina Engels, in Köln. Deshalb seien ihre 13 aus Deutschland entsandten Helfer nicht zurückgeholt worden. "Wir haben ihnen aber empfohlen, die Wohnungen nicht zu verlassen."

Rund 1200 Deutsche in Bolivien

Die Entwicklungshelfer der AGEH gehören zu den rund 1200 Deutschen, die nach Schätzungen des Auswärtigen Amtes (AA) noch in Bolivien sind. Angesichts der Ausschreitungen mit mehr als 70 Toten und hunderten Verletzten in La Paz, dem Regierungssitz und Wirtschaftszentrum, hat das AA eine Reisewarnung für das südamerikanische Land ausgesprochen. Solche Warnungen sind relativ selten. Der Andenstaat ist das zehnte Land, für das derzeit die höchste Sicherheitsstufe gilt. Damit steht Bolivien in einer Reihe mit Irak oder Afghanistan.

Bolivien mit rund acht Millionen Einwohnern ist ein Schwerpunkt deutscher Entwicklungshilfe. Mit 51 Millionen Euro unterstützt die Bundesregierung nach Angaben des Entwicklungsministeriums die Armutsbekämpfung in den Jahren 2003 und 2004. Auch von Hilfswerken wie Misereor und Adveniat fließen Millionen nach Bolivien. Die Organisationen fördern damit Ausbildungskurse, Programme für Straßenkinder, Medienprojekte, Pfarrarbeit und Kirchenbauten. "Gerade in der derzeitigen Situation ist es wichtig, die Kirche vor Ort zu unterstützen", sagt Margit Wichelmann von Adveniat.

"Sie sind alle wohlauf"

Geblieben sind auch die Mitarbeiter des Goethe-Instituts in La Paz. Die Kurse aber wurden abgesagt: "Das Haus ist derzeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich", berichtet ein Sprecher in München. Auch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) will abwarten, wie sich die Lage weiterentwickelt, bevor sie ihre 19 Mitarbeiter und deren Angehörige abzieht. "Sie sind alle wohlauf. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt", berichtet GTZ-Sprecher Jens Heine.

Doch selbst wer ausreisen will, hat zur Zeit kaum eine Möglichkeit. Die Straßen zum Flughafen von La Paz/El Alto sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes wegen Straßenblockaden und Protesten unpassierbar. Auf den Verbindungsstraßen soll es zu Schießereien gekommen seien. Rund 100 Deutsche, unter ihnen 32 Touristen, die den gewalttätigen Unruhen entkommen wollen, sitzen laut AA in La Paz fest. "Eine Evakuierung würde derzeit eher eine zusätzliche Gefährdung bedeuten", sagt eine Sprecherin. Ausländische Fluglinien hätten ihren Flugverkehr eingestellt. Anrufe besorgter Reisewilliger und Tourismusagenturen erreichen die Botschaft Boliviens in Berlin.

Bereits seit Wochen wird Bolivien von Demonstrationen und Straßenblockaden gelähmt. Sie richten sich gegen den Gasexport über einen Hafen des ungeliebten Nachbarn Chile in Richtung Mexiko und die USA. "Die Gasexporte waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein", meint Margit Wichelmann von Adveniat. Seine Wurzeln habe der Konflikt in der sozialen Not und Perspektivlosigkeit der Menschen.

Stephanie Lettgen DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker