HOME

Amazonas-Katastrophe: Regenwald in Flammen: Warum Brasiliens Umweltminister das Feuer wohl nicht löschen wird

Riesige Flächen des Regenwaldes am Amazonas werden derzeit ein Raub der Flammen. Brasiliens Umweltminister müsste schlaflose Nächte haben. Doch die Unterstützung von Ricardo Salles gilt eher jenen, die am Amazonas eigene Interessen verfolgen.

Amazonas in Flammen: Bolsonaro verdächtigt NGOs Brände im Regenwald gelegt zu haben – ohne Beweise zu haben

Es hat einige Zeit gedauert, doch inzwischen weiß die Welt, dass sich am Amazonas in Brasilien eine Katastrophe globalen Ausmaßes abspielt. Die grüne Lunge der Welt steht in Flammen. Der rechtspopulistischen Regierung von Jair Bolsonaro aber scheint die Aufmerksamkeit gar nicht recht zu sein. Sie will vielmehr das Amazonasbecken industriell erschließen, hat Strafen für den Kahlschlag zurückgeschraubt und steht auf der Seite der Bauern und Holzfäller, die mit sogenannten "Feuertagen" Brandrodungen für ihre Rinderfarmen und Sojafelder durchführen. Ausgerechnet Bolsonaros Umweltminister Ricardo Salles, dessen vornehmste Aufgabe der Schutz des Regenwaldes sein sollte, hat es in dieser Hinsicht wohl schon zu trauriger Berühmtheit gebracht.

Wie die brasilianische Ausgabe der US-Webseite "The Intercept" berichtete, wurde der 44-Jährige dabei ertappt, wie er Umweltkarten zugunsten von Minenbetreibern verändert hat - und das als staatlicher Umweltbeauftragter. Salles wurde dem Bericht zufolge am 18. Dezember verurteilt; ihm wurden für drei Jahre die politischen Rechte aberkannt. Wählbar war er damit zuletzt nicht, doch das störte Bolsonaro kein bisschen, als er nach gewonnener Wahl sein Kabinett zusammenstellte. Nur zwei Wochen nach seiner Verurteilung, so der Bericht weiter, wurde Salles zum Umweltminister der rechtspopulistischen Regierung Bolsonaros.

News im Video: Regenwaldbrände in Südamerika: Macron ruft "Notfall" aus

Ricardo Salles: "Wir geben uns Mühe"

Dass sich der zuständige Minister bei der Bekämpfung der Amazonas-Brände daher allem Anschein nicht allzu viel Mühe geben mag, kann kaum überraschen. "Wir geben unser Bestes", kommentierte Salles die verheerenden Feuer zuletzt eher lakonisch. "Es kommt im Moment häufiger zu Bränden, weil es zuletzt sehr trocken war." "Häufiger" bedeutet nach Angaben des INPE, dem brasilianischen Nationalen Institut für Weltraumforschung, eine Steigerung der Feuer um 84 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf die angesehene Einrichtung, die das Ausmaß der Regenwald-Zerstörung dokumentiert, ist die Bolsonaro-Regierung aber nicht gut zu sprechen. Der Leiter des Instituts wurde unlängst gefeuert.

Auf Erkenntnisse des INPE beruft sich Umweltminister Salles trotzdem - wenn sie denn in die eigene Sichtweise passen. Schon 2010 und 2017 habe es über Sao Paulo jene schwarzen Wolken durch Brände gegeben, die auch in den vergangenen Tagen in der Millionenmetropole den Tag zur Nacht gemacht haben, twitterte er. Der Grund sei das Auftreten einer Kaltfront und Rauch aus Bolivien (aktuell dürfte allerdings auch dieser Rauch von Waldbränden stammen). Man mache sich halt Sorgen und unterstütze die Feuerwehr.

#SomosTodosRicardoSalles

Daneben retweetete Salles den Post eines Journalisten, der die Ansicht von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die wohl schlimmsten Amazonas-Brände seit Jahren seien eine "internationale Krise" als "Halluzination" bezeichnet. Dahinter stecke die Freude des "Anti-Bolsonaro-Widerstands", der in den Bränden eine Chance wittere. Salles quittierte den Tweet mit dem Hashtag #SomosTodosRicardoSalles (Wir sind alle Ricardo Salles), der seit Macrons Äußerungen und dessen Absicht, die Amazonas-Brände zum Thema des G7-Gipfels am Wochenende in Biarritz zu machen, die Runde durch die sozialen Medien macht. Der Hashtag ist angelehnt an den Slogan "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie), mit dem nach dem Islamisten-Anschlag auf die franzöische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar 2015 Solidarität mit den Todesopfern bekundet wurde.

Allzu große Skrupel, sich über diese Analogie mit Terroropfern gleichzusetzen, dürfte der Minister kaum haben. Schon in der Vergangenheit ist der Politiker der libertären Partido Novo mit radikalen Slogans aufgefallen. Im vergangenen Jahr, so berichtet "Intercept", kandidierte Salles für den Nationalkongress. Sein Wahlplakat war mit dem Slogan "Vote .30-06" (Stimme für .30-06!) überschrieben. Bei .30-06 handelt es sich um Munition für Springfield-Gewehre, die auf dem Plakat auch zentral abgebildet war - sozusagen als Basis seiner Politik. Daneben vier Beispiele, in denen man die Munition als Problemlöser einsetzen könnte (im Uhrzeigersinn): gegen Wildschweine, gegen die Linken und die Landlosen-Organisation der Bauern ohne Grundbesitz, gegen wie auch immer geartete Banditen und gegen Räuber von Rindern und Landmaschinen. Das alles versehen mit dem Versprechen: "Tolerancia zero" (Null Toleranz). Der kaum verhohlene Aufruf zu Verbrechen war der Partido Novo aber zu verstörend, so dass sie sich von den Kandidaten distanzierte. Salles zog nicht in den Kongress ein.

Wahlplakat Ricardo Salles

Auf dem Wahlplakat zeigte Salles Probleme, die .30-06-Munition "lösen" sollte

Internationaler Druck zeigt Wirkung

Mit Waffengewalt lässt sich die Brandkatastrophe am Amazonas sicherlich nicht lösen. Immerhin hat der internationale Druck der vergangenen Tage und die am Freitag verkündete Blockade des EU-Handelsabkommens mit dem südamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur durch Frankreichs Präsident Macron Jair Bolsonaro dazu veranlasst, etwas gegen die Brände zu unternehmen. Brasiliens Regierungschef kündigte an, die Streitkräfte zur Brandbekämpfung zu entsenden - wenngleich die meisten Brandgebiete praktisch nicht zugänglich sind. Zudem unterzeichnete er eine Anordnung, die alle Minister dazu auffordert, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um Brände im Amazonasgebiet zu überwachen und zu bekämpfen. Dem wird auch Umweltminister Salles Folge leisten müssen. Inwieweit das die Flammen wirklich eindämmen wird, muss sich zeigen. Wie kommentierte Salles doch die Bekämpfung der schlimmsten Brände am Amazonas seit Jahren? "Wir geben uns Mühe."

Quellen: "The Intercept", Nachrichtenagenturen DPA und AFP, Twitter/Ricardo Salles, Twitter/Partido Novo, INPE

dho