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Coronavirus China verliert die Kontrolle über die Pandemie – und auch zunehmend über die Bevölkerung

Ein chinesischer Militärangehöriger steht auf einem Platz in Peking. Drei Jahre lang hatte China die Corona-Pandemie unter Kontrolle, jetzt türmen sich die Fälle.
Ein chinesischer Militärangehöriger steht auf einem Platz in Peking. Drei Jahre lang hatte China die Corona-Pandemie unter Kontrolle, jetzt türmen sich die Fälle.
© Imago Images
China hatte die Pandemie im Griff – bis jetzt. Plötzlich türmen sich die Corona-Fälle in den Statistiken. Dabei hatte die chinesische Regierung erst Lockerungen angekündigt. Die Bevölkerung ist verwirrt, verärgert und die Regierung ratlos.

Es sind Bilder, wie man sie aus Asien eigentlich kaum kennt: In China gehen die Menschen wegen der strikten Null-Covid-Strategie der Regierung auf die Straßen. Videos dokumentieren teils gewaltsame Proteste, bei denen Bürger trotz auferlegter Quarantäne aus ihren Wohnungen ausbrechen. So geschehen etwa in der südchinsischen Metropole Guangzhou. Wegen steigender Corona-Fallzahlen hatte die Regierung für die zweitgrößte Stadt des Landes weitere Einschränkungen angekündigt – sehr zum Missfallen der Menschen.

3,7 Millionen Bewohner aus dem Stadtbezirk Baiyun durften ihre Wohnungen nur mit negativem Corona-Test verlassen. Aus Protest missachteten die Menschen die Regeln, Wanderarbeiter rissen Barrikaden nieder. Ähnliches ereignete sich weiter nördlich in Zhengzhou. Dort gingen Mitarbeiter des größten iPhone-Werks wegen der rigiden Corona-Maßnahmen auf die Straßen. Videos in sozialen Netzwerken zeigen mehr als hundert Menschen, die mit Personen in Schutzanzügen aneinandergeraten.

"Die Situation in China ist derzeit sehr angespannt – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich", fasst Vincent Brussee, Datenanalyst und Experte für chinesische Innenpolitik am Mercator Institute für Chinese Studies (Merics), die aktuelle Lage für den stern zusammen.

Von Lockdown zu Lockdown: So hangelte sich China, das Geburtsland von SARS-CoV-2, aus westlicher Sicht durch die nun fast vier Jahre dauernde Pandemie. Dafür erntete die Volksrepublik verwunderte bis entsetzte Blicke. Während im Westen wieder vermehrt Bedenken über einen wachsenden Überwachungsstaat die Runde machten, wies China den Erreger mit rigiden Maßnahmen in seine Schranken. Im Frühjahr 2020 gelang es etwa mit einem zweimonatigen Lockdown die Fallzahlen zu drücken. Das sollte auch in den kommenden zwei Jahren so bleiben: Während über die USA und Europa eine Pandemiewelle nach der anderen rollte, blieb die Lage in China verhältnismäßig ruhig.

Auch im letzten halben Jahr war es China gelungen, das Virus in Schach zu halten. Stiegen die Infektionszahlen um, aus deutscher Sicht, lächerliche 100 Fälle, reagierte die Regierung resolut. So kommt es, dass die Milliardenvolkswirtschaft bis heute 1,32 Millionen Corona-Fälle und 5231 Corona-Tote zählt. Zum Vergleich: Das gerade mal 80 Millionen große Deutschland zählt 36,3 Millionen Corona-Fälle und 157.000 Corona-Tote seit Pandemiebeginn. "Chinas Null-Covid-Strategie hat Millionen Bürgern das Leben gerettet", resümiert Merics-Analyst Brussee.

Lockern oder schließen? Das chinesische Dilemma

Doch plötzlich geht die Rechnung nicht mehr auf. China vermeldete Inzidenzen, wie sie zuletzt im Frühjahr 2020 herrschten. Die Nationale Gesundheitskommission registrierte zuletzt binnen 24 Stunden fast 28.000 Neuinfektionen. Und auch Todesfälle kommen hinzu – die ersten seit sechs Monaten. In zwei Fällen handelte es sich um Personen um die 90 mit Vorerkrankungen. Trotzdem erschüttert diese Entwicklung das Land, das sich gerade an einem Scheideweg wähnte.

Jetzt hat das Land einen Rekordanstieg bei den Corona-Fällen registriert: 31.444 Neuinfektionen am Mittwoch. Die von der Regierung angekündigten Lockerungen kommen damit zur Unzeit. Wobei die Lockerungen nicht mit denen in Deutschland oder Europa zu vergleichen sind. Während hierzulande die Maskenpflicht fast gänzlich gefallen ist und einige Bundesländer bereits die Quarantänepflicht als überholt behandeln, wagt sich China nur zaghaft an seine rigiden Maßnahmen. "Wo Corona-Fälle registriert werden, werden die Menschen weiterhin sofort unter Quarantäne gestellt und die Türen ihrer Wohnungen von Polizisten verriegelt", sagt China-Experte Brussee. In der weiteren Nachbarschaft müssen sich die Menschen alle zwei Tage testen und von zuhause aus arbeiten. Geschäfte wurden geschlossen, ebenso Restaurants, mancherorts gab es immerhin noch Essen zum Mitnehmen.

Aus deutscher Sicht also alles beim Alten im Reich der Mitte. Nachlässigkeit in Sachen Pandemiebekämpfung muss sich Peking jedenfalls nicht vorwerfen lassen. Doch ein U-Turn im Pandemiemanagement sieht anders aus. Merics-Analyst Brussee spricht deshalb lieber von einem "Software Update, das darauf abzielt, die übermäßigen Auswirkungen zu reduzieren und gleichzeitig den Kern der Strategie intakt zu halten". Etwa indem die Quarantänezeiten verkürzt oder eingegrenzt werden.

Dabei weiß niemand so genau, wie Tausende von neuen Infektionen mit diesen Lockerungen eingedämmt werden sollen – noch nicht einmal in Peking ist man sich darüber im Klaren. "Lokale Behörden und die Zentralregierung blicken aufeinander, ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu wollen", erklärt Brussee das Dilemma. Städte wie Peking würden angesichts der steigenden Inzidenzen wieder neue Beschränkungen einführen, um das Virus einzudämmen.

Bevölkerung zwischen Wut und Angst

Im Land herrscht deshalb große Unsicherheit, vor allem bei der Bevölkerung. Viele fragen sich, wie die Regierung das Virus noch bändigen möchte. Weitere Lockdowns wollen sie aber auch nicht mehr einfach so hinnehmen. Vor allem in großen Städten wie Shanghai stehen viele Bürger vor einem vierten oder fünften Lockdown. "Diese Unsicherheit ist besonders deprimierend, weil ein einziger Fall in der Nachbarschaft dazu führen kann, dass alle anderen für Wochen eingeschlossen werden." Das verärgert, wie die Videos über die gewaltsamen Proteste zeigen.

Das Problem sieht Brussee darin, dass die Regierung keinen klaren Fahrplan zu haben scheint. Zudem fehle es an eindeutiger und wissenschaftlicher Kommunikation. "Das System hat sich darauf versteift, Infektionen zu verhindern, objektive Gesundheitskommunikation blieb damit auf der Strecke." Auch die Propaganda trug das Ihre dazu bei. "Chinas Regierung hat Länder wie die USA immer wieder für ihren falschen Umgang mit dem Virus kritisiert und die lähmenden Auswirkungen von Long Covid betont – selbst als andere Staaten zur 'Normalität' zurückgekehrt waren", sagt Brussee.

Lockern macht den Chinesen Angst

Letztendlich hat China damit aber vor allem eines bewiesen: Nämlich dass das Land nicht bereit ist, die Pandemie langsam hinter sich zu lassen. Das passende Zeitfenster dafür, nämlich als die Inzidenzen dank der Maßnahmen niedrig waren, hat die Regierung nach Einschätzung von Brussee versäumt.

Das hat unter anderem das Wirtschaftswachstum gebremst und Peking international weitgehend isoliert. 20 Prozent aller Bürger unter 25 sind arbeitslos.

Lockerungen könnten allerdings das ohnehin bereits fragile Gesundheitssystem belasten. Die Ressourcen sind laut Brussee nur sehr begrenzt. Deutschlandweit stehen derzeit 2410 Intensivbetten zur Verfügung (Stand 23. November 2022). Mit Notfallreserve sind es 10.359 Intensivbetten. In China sollen es acht mal weniger sein, sagt Brussee. Also ungefähr 4,5 Betten pro 100.000 Einwohner. "Wenn China seine Covid-Restriktionen auf einmal von heute auf morgen aufheben würde, gebe es wahrscheinlich über eine Million Tote", bilanziert der Merics-Experte. Das könnte nicht nur die Corona-Politik der Regierung, sondern konkret Staatschef Xi Jinping in Bedrängnis bringen, der sich als unfehlbare Staatsmacht inszeniert.

Problematisch ist auch die Impfquote. 40 Prozent der über 80-Jährigen sind bisher geboostert worden. Zudem gibt es in China keinen Impfstoff, der an die neue Omikron-Variante angepasst wurde. In China steht den Menschen bisher nur der eigens produzierte Impfstoff zur Verfügung. Zwar hatte die chinesische Regierung zuletzt zugesichert, den Wirkstoff von Biontech zuzulassen – das erste ausländische Vakzin. Aber das ist nicht für chinesische Staatsbürger gedacht, sondern nur für Ausländer, die in China leben.

Lockdown in Zhengzhou verhängt

Statt am Scheideweg befindet sich China nun in einem Schwebezustand, wohl wissend, dass wiederholte Verschärfungen der Pandemiemaßnahmen weitere Proteste nach sich ziehen, Lockerungen dem Land aber genauso schaden können. Zu ersterem hat sich die Regierung in Peking aber nun dennoch durchgerungen. Nach dem Anstieg in der Stadt Zhengzhou wurde dort ein Lockdown verhängt – den Protesten zum Trotz.

Einwohner des Stadtzentrums dürfen das Gebiet vorerst nur noch mit einem negativen Corona-Test und einer behördlichen Erlaubnis verlassen. Sie sollen nur noch in dringenden Fällen vor die Tür gehen. In acht Stadtbezirken müssen sich die Bewohner zudem fünf Tage lang täglich auf das Coronavirus testen lassen. Von dem Lockdown, der von Freitag an zunächst fünf Tage dauern soll, sind mehr als sechs Millionen Menschen betroffen. Das betrifft die Hälfte der Stadtbewohner. Es wird sich zeigen, wie streng sie sich an die Vorgaben halten – oder ob Peking damit nur die Vorlage für weitere Proteste geliefert hat.

Quellen: Stiftung Wissenschaft und Politik, Statistisches Bundesamt, Divi Intensivregister, ZDF.de, Welt.de, mit Material von DPA und AFP

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