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Chodorkowski-Verhaftung: Beben rund um den Kreml

Wie ein Beben drang die Chodorkowski-Affäre durch die Kreml-Mauern. Die spektakuläre Verhaftung des Erdöl-Magnaten hat das russische Machtgefüge nachhaltig erschüttert. Schon ist die Rede von einer "Putinisierung" des Landes im Vorfeld der Wahlen.

Die spektakuläre Verhaftung des Erdöl-Magnaten Michail Chodorkowski hat das russische Machtgefüge nachhaltig erschüttert. Wie ein Beben drang die Affäre durch die Kreml-Mauern. Dahinter zeichnete sich am Donnerstag der Abgang des leitenden Stabschefs Alexander Woloschin ab, des mächtigsten Mannes im Schatten von Präsident Wladimir Putin.

Mit dem von Medien schon gemeldeten Rücktritt des Mannes, der bereits zu Zeiten von Präsident Boris Jelzin die Fäden gezogen hatte, wuchsen jedoch die Befürchtungen der politischen Linken und Rechten vor einer totalen Machtübernahme der Petersburger Seilschaft Putins. Schon ist die Rede von einer "Putinisierung" des Landes im Vorfeld der Parlamentswahlen im Dezember. Die Opposition forderte gar ein Treffen mit Putin zur Klärung der "ernsten Lage".

"Kapitalismus mit stalinistischem Gesicht"

Für russische Zeitungskommentatoren ist schon klar: die "Silowiki" (Machtministerien) haben den jahrelangen Kampf zwischen privater Wirtschaft und den Eigeninteressen der politischen Machthaber für sich entschieden. "Wechsel der Elite - was ersetzt jetzt den oligarchischen Kapitalismus", fragte die "Iswestija" am Donnerstag. Grigori Jawlinski, Vorsitzender der liberalen Jabloko-Partei, meinte die Antwort darauf zu wissen. "Es kommt der Kapitalismus mit stalinistischem Gesicht."

Der Vorstandsvorsitzende von Yukos, des zweitgrößten Erdölkonzerns Russlands, hatte erst wenige Stunden hinter Gittern in der Haftanstalt "Matrosenruh’" in Moskau verbracht, als sich die russische Geschäftswelt gegen Putin stellte. Für sie war klar, dass die Ermittlungen gegen Chodorkowski und Yukos nur mit dem Segen des Kremls begannen. Putins Distanzierung von der Aktion und Hinweise auf die Unabhängigkeit der Justiz wirkten auf sie wenig überzeugend. "Die Aktion hat klaren politischen Charakter", hieß es.

Warnung vor "Bürgerkrieg"

Der von Putin entmachtete und im britischen Exil lebende Oligarch Boris Beresowski meldete sich am Donnerstag mit einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitung "Kommersant" zu Wort. Der Milliardär, der 1996 die Wiederwahl Jelzins konzertiert hatte, forderte darin eine Vereinigung der rechten und linken Kräfte des Landes. "Der Kreml stürzt das Land in einen riesigen Bürgerkrieg", warnte er. Denn seiner Ansicht nach hat "Putins Regime" das Prinzip der Aufteilung der Macht zerstört. "Der Föderationsrat ist vernichtet, während die Duma als Abstempler der vom Kreml eingebrachten Gesetze zur juristischen Abteilung des Präsidialverwaltung geworden ist", teilte er seinen Landsleuten mit.

Russlands Linke versucht Kapital aus der Entwicklung zu schlagen. Bei einer Vorstandssitzung der Kommunistischen Partei schlug ihr Chef Gennadi Sjuganow ausgerechnet den Kapitalisten Michail Chodorkowski für die Präsidentenwahlen im kommenden März vor. Dieser war vor seinem Aufstieg zum Oligarchen KP-Mitglied und Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes gewesen. Zuletzt hatte er die Kreml-Gegner - Kommunisten, Jabloko und Union Rechter Kräfte - finanziell unterstützt, und letzten Endes damit das Beben rund um den Kreml ausgelöst.

Düstere Vorzeichen

Eine zu Wochenbeginn aufgekommene Idee einer eigenen politischen Partei der Wirtschaft, um dem Kreml die Stirn zu bieten, machte unterdessen die Runde in Moskau. "Eine Warnung und zugleich eine Chance", kommentiert am Donnerstag die englischsprachige "Moscow Times". "Und was wäre, wenn (Kreml-Stabschef) Woloschin mit seinem Insiderwissen der "gelenkten Demokratie" da noch mithelfen würde?", malte das Blatt düstere Vorzeichen für den Kreml an die Wand.

Günther Chalupa / DPA