Clinton gegen Obama Rassenunruhen im US-Wahlkampf


Kann mit Barack Obama zum ersten Mal ein Schwarzer US-Präsident werden? Bisher war Rasse kein Thema im US-Wahlkampf. Doch seit Tagen liefern sich Obama und seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton einen erbitterten Schlagabtausch in Sachen Hautfarbe. Mitten drin: Ex-Präsident Bill Clinton.
Von Malte Arnsperger

Es ist eine besondere, eine historische Situation: Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat ein Schwarzer eine echte Chance, ins Weiße Haus einzuziehen. Barack Obama ist es, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, dem diese Sensation gelingen könnte. Dabei wurde das sensible Thema Rasse im Wahlkampf bislang ausgespart. Obama stritt sich mit seinen demokratischen Mitbewerbern vielmehr um Gesundheitspolitik, Umweltschutz oder die Wirtschaft. Obama hat es so bislang verstanden, sich als wählbarer Kandidat sowohl für Schwarze als auch für Weiße darzustellen. Hautfarbe, so schien es, ist kein Thema im Amerika des 21. Jahrhunderts.

Wer instrumentalisiert die Rassenfrage?

Doch seit der Vorwahl im US-Bundesstaat New Hampshire in der vergangenen Woche hat sich einiges geändert. Der Wahlzirkus zieht zunehmend gen Süden, dorthin, wo die Schwarzen einen größeren Wähleranteil ausmachen, und das Duell zwischen Obama und Hillary Clinton wird mit immer härteren Mitteln ausgefochten. Am vergangenen Wochenende ist zwischen beiden ein offener Streit um Rasse und Hautfarbe ausgebrochen. Beide werfen sich gegenseitig vor, die Rassenfrage zu instrumentalisieren und damit beim Wähler punkten zu wollen.

Auslöser der Auseinandersetzung sind Aussagen von Hillary und deren Ehemann Bill, dem Ex-Präsidenten. Zunächst hatte sich der abwertend über den gefährlichsten Konkurrenten seiner Frau geäußert. Bei einer Rede hatte Bill Clinton gesagt: "Diese ganze Sache ist das größte Märchen, das ich jemals gesehen habe." Gemeint war scheinbar Obamas Bewerbung, obgleich das Clinton-Lager schnell versicherte, die Aussage sei nur auf Obamas Position zum Irak-Krieg gemünzt gewesen. Der Hintergrund: Obama hat seinen Wahlkampf bisher vor allem drauf aufgebaut, dass er schon immer gegen den Irak-Krieg gewesen sei. Allerdings war er zum Zeitpunkt der Abstimmung im Jahr 2002 noch nicht Mitglied des US-Senats. Hillary Clinton hatte dagegen als Senatorin für den Krieg gestimmt.

Obamas Frau rügt die Clintons

Doch um die Haltung der beiden Kandidaten zum Irak-Krieg ging es in den Tagen nach Bill Clintons Rede nicht mehr. Vielmehr warfen Kolumnisten, die es gemeinhin eher mit Obama halten, und Politiker den Clintons indirekt Rassismus vor. So sagte der wichtigste schwarze Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus, James E. Clyburn: "Diesen Traum ein Märchen zu nennen, was Bill Clinton anscheinend beabsichtigte, könnte sehr wohl beleidigend für einige von uns sein." Auch Obamas Frau Michelle mischte sich mit deutlichen Worten in die Auseinandersetzung ein. Bei einer Veranstaltung, bei der Leistungen von Afro-Amerikanern gefeiert wurden, kritisierte sie alle, die in der Kampagne ihre Mannes "eine Illusion, ein Märchen" sehen würden. Denn ihr Gatte sei der richtige Kandidat "nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern wegen seiner Qualität und der Beständigkeit seines Charakters."

Bill Clinton betrieb in den Tagen danach Schadensbegrenzung. In einigen Radiosendungen schwarzer Moderatoren behauptete er, dass er Obama nur wegen dessen Irak-Position kritisiert habe. Ein möglicher Triumph Obamas sei überhaupt keine Fiktion: "Es ist kein Märchen, er könnte gewinnen. Ich glaube, dass er sein sehr beeindruckender Mann ist, der einen großartigen Wahlkampf macht."

In South Carolina könnten die Schwarzen entscheiden

Aber gerade Bill Clinton muss sich wie in einem schlechten Film vorkommen. Denn schließlich wird er von einem Großteil der schwarzen Bevölkerung seit seiner Präsidentschaft als Idol angesehen und wird sogar als der "erste schwarze Präsident" bezeichnet. In jedem anderen Wahljahr würden die Schwarzen deshalb wohl begeistert seine Frau unterstützen. Doch da sich nun mit Barack Obama einer von ihnen in aussichtsreicher Position befindet, wollen einer neuen Umfrage zufolge fast doppelt so viele Schwarze für den Senator aus Illinois wie für Hillary Clinton stimmen.

Trotzdem - und gerade deswegen - ist es für Hillary Clinton wichtig, die schwarze Bevölkerung von ihrer Kandidatur zu überzeugen. Denn am 26. Januar steht die wichtige Vorwahl in South Carolina an, einem Staat mit großem schwarzem Bevölkerungsanteil. Und auch am sogenannten "Super-Duper-Tuesday", bei dem mehr als 20 Staaten ihre Vorwahlen abhalten, sind die Schwarzen eine enorm wichtige Bevölkerungsgruppe, etwa in Kalifornien.

Hillary vergreift sich im Ton

Es geht also für die Kandidaten darum, bei diesen Menschen ein positives Bild von sich zu erzeugen. Doch kurz nachdem ihr Mann mit seiner "Märchen"-Aussage negative Schlagzeilen produziert hatte, stand Hillary Clinton selber im Fokus der schwarzen Kritik. In einer unvorsichtigen Äußerung Clintons sahen viele Schwarze einen Angriff auf den größten Helden der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King. US-Medien hatten Hillary Clinton mit der Aussage zitiert, Kings Traum von der Rassengleichheit sei erst erreicht worden, als der damalige Präsident Lyndon B Johnson 1964 den "Civil Rights Act" unterzeichnet hatte.

Ein Aufschrei ging durch die schwarze Gemeinde. Der Abgeordnete James Clyburn sagte: "Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir über diese Ära in der amerikanischen Politik sprechen. Es ist eine Sache, einen Wahlkampf zu führen und dabei die Motive der anderen Seite zu akzeptiere. Es ist aber etwas anderes, diese zu verunglimpfen. Das verstört mich sehr." Obama selber nannte die Bemerkungen Clintons "unglücklich" und "unklug". "Ich glaube, dass sich einige Leute beleidigt gefühlt haben, die fühlen, dass sie damit Kings Rolle herunterspielte." Und auch Obamas innerparteilicher Konkurrent um die Kandidatur, John Edwards, reihte sich in die Clinton-Kritiker ein: "Ich muss sagen, es hat mich verstört, als ich eine Andeutung gehört habe, dass wirklicher Wandel nicht durch Martin Luther King, sondern durch einen Politiker aus Washington gebracht wurde. Ich stimme dem überhaupt nicht zu", sagte Edwards. Und mit einem Seitenhieb auf Bill Clinton sagte er. "Diejenigen, die glauben, dass wirklicher Wandel mit Politikern aus Washington beginnt, sind schon zu lange in Washington und leben in einem Märchen."

Lob für Martin Luther King Jr.

Nun war es an Hillary, den Schwelbrand auszutreten. In der wichtigen Talksendung "Meet the Press" des TV-Senders NBC lobte sie Martin Luther King als Person, den sie wie kaum jemanden anderen bewundere. Doch Hillary wäre nicht Hillary, wenn sie diese für sie missliche Situation nicht für sich nutzen würde. Denn nach dieser Klarstellung ging sie in die Offensive: Mit Blick auf Obama, der sich als Personifizierung des Wandels verkauft, sagte sie. "Dr. King hat nicht nur Reden gehalten. Er ist marschiert, er hat organisiert, er hat protestiert, er wurde geschlagen und eingesperrt." Dieses Leben voller Aktivismus stehe im krassen Gegensatz zu den bisherigen Leistungen Obamas. Diesem warf Clinton vor, er habe ihre Aussagen zu King bewusst verdreht. "Dies ist eine unglückliche Geschichte, welche die Obama-Kampagne sehr erfolgreich verkauft. Aber ich glaube nicht, dass es in diesem Wahlkampf ums Geschlecht geht. Und ich hoffe natürlich, dass es nicht um Rasse geht."

Darüber wiederum scheint sie sich mit Obama einig zu sein. Denn der sagte bei einem Wahlkampfauftritt in Las Vegas: "Wir sind kurz davor, etwas Wichtiges zu tun, wir können Geschichte schreiben. Ich weiß, dass sich jeder auf das Rassenthema konzentriert. Aber das ist nicht das, was ich meine. Wir können Geschichte schreiben damit, zum ersten Mal in einer sehr langen Zeit eine Basisbewegung von Menschen aller Farben zu sein."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker