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Peru, Argentinien, Ecuador Wie sich korrupte Politiker in Südamerika beim Impfen vordrängeln

Peru, Argentinien, Ecuador: Wie sich korrupte Politiker in Südamerika beim Impfen vordrängeln
Im Video: Argentinischer Minister tritt zurück








In Argentinien hat die Impfkampagne gegen Covid-19 einen politischen Skandal verursacht. Der Gesundheitsminister Gines Gonzalez Garcia soll Insidern zufolge dafür gesorgt haben, dass einige ausgewählte Personen den Impfstoff bekommen hätten, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe waren. Nachdem der Minister von Staatspräsident Fernandez zum Rücktritt aufgefordert wurde, legte Gonzalez Garcia nun sein Amt nieder. Auf Twitter teilte er mit, es habe Personen gegeben, die das ordnungsgemäße Vergabe-Verfahren umgangen hätten. Er selber sei aber zu dieser Zeit nicht im Büro gewesen. Seit Dezember impft Argentinien mit dem russischen Impfstoff Sputnik V. Allerdings sind die Termine rar, und wer einen sich impfen lassen will, muss sich zuerst einem Registrierungsverfahren unterziehen.
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In mehreren südamerikanischen Ländern wird gegen ranghohe Politiker ermittelt, weil sie sich beim Impfen vorgedrängelt haben. Da die Vakzine auf dem Kontinent ohnehin schon knapp bemessen sind, droht die Stimmung nun zu kippen.

Bestechungen, Erpressungen und Mauscheleien stehen in der Politik in vielen Ländern Südamerikas an der Tagesordnung. Doch die Coronakrise und die sich drastisch verschlechterte Wirtschaftslage haben die Korruption auf ein ganz neues Level gehoben. 

So hat sich der stellvertretende Gesundheitsminister in Peru mit zusätzlichen Dosen aus einer klinischen Studie impfen lassen – gemeinsam mit seiner Frau, seiner Schwester, zwei Kindern, einem Neffen und einer Nichte. Keiner von ihnen wäre so früh an der Reihe gewesen. Auch in Suriname ließ sich der 38-jährige Gesundheitsminister als erster selbst pieksen, um "ein Vorbild zu sein".

Bereits vergangene Woche wurde bekannt, dass der argentinische Gesundheitsminister ebenfalls ausgewählten Personen Impfstoff hat zukommen lassen. Seitdem wird das Gesundheitsministerium unter Einheimischen nur noch "V.I.P. Impfklinik für Regierungsfreunde" genannt.

Als in Ecuador die erste Impfstoff-Lieferung eintraf, die eigentlich für den öffentlichen Sektor bestimmt war, schickte der Gesundheitsminister kurzerhand ein paar Dosen an ein luxuriöses privates Pflegeheim – in dem zufälligerweise seine Mutter lebt. In der besonders hart von der Pandemie getroffenen brasilianischen Stadt Manaus steht nun der Bürgermeister unter Verdacht, mehrere Verbündete bei der Impfstoffverteilung bevorzugt zu haben. Staatsanwälte fordern daher seine Festnahme.

Knapp 250 Impfvordrängler allein in Peru

Je mehr Skandale bekannt werden, desto größer wird der Frust bei den Bürgerinnen und Bürger. Viele nutzen die Sozialen Medien, um die Impfvordrängler zu enttarnen und deren Machtmissbrauch öffentlich zu machen. Inzwischen sind die Gesundheitsminister in Peru und in Argentinien zurückgetreten – beide sind wegen Machtmissbrauchs angeklagt. Auch der ecuadorianische Gesundheitsminister steht vor einem Amtsenthebungsverfahren sowie einer strafrechtlichen Untersuchung.

In Peru haben die Impfstoffskandale eine besonders massive Welle an Empörung und Protesten ausgelöst. Anfang Februar gestand der Arzt, der die erste Impfstoffstudie durchgeführt hatte, knapp 250 ranghohe Personen mit nicht gemeldeten zusätzlichen Dosen geimpft zu haben - darunter Politiker, Prominente und ihre Angehörigen sowie Universitätsleiter. Laut Dr. Germán Málaga, dem Leiter der Studie, hätten einige sogar drei Dosen erhalten, um ihre Immunität zu maximieren.

Laut offiziellen Angaben sind in dem 31-Millionen-Einwohner-Land bereits mehr als 45.000 Menschen infolge der Pandemie gestorben. Die tatsächliche Zahl wird sogar mehr als doppelt so hoch geschätzt. "Sie alle wussten, dass Patienten sterben", sagte Robert Campos, Arzt in der Hauptstadt Lima, der "New York Times". "Und sie haben all ihre kleinen Freunde geimpft." Der 67-Jährige hat – wie viele andere –selbst noch keine Dosis bekommen.

Vergangene Woche protestierten in Peru Ärzte und Krankenpfleger vor den Krankenhäusern und forderten die Politik auf, mehr Impfstoffe zu beschaffen. Der Skandal könnte auch die im April anstehenden Präsidentschaftswahlen beeinflussen.

Impfstoffe sind in Südamerika knapp 

Die Wut der Menschen in Südamerika auf die, sich selbst bereichernden Machthaber wird durch die allgemeine Knappheit der Impfstoffe noch verstärkt. "Den Menschen fällt es viel schwerer, Korruption zu tolerieren, wenn es um Gesundheit geht", sagte Mariel Fornoni, eine Meinungsforscherin in Buenos Aires der "New York Times". Da die reichen Nationen den Großteil des verfügbaren Angebots aufgekauft haben, hatte der Kontinent Schwierigkeiten, genügend Dosen zu beschaffen.

Insgesamt wurde Südamerika besonders schwer von der Pandemie getroffen. Obwohl auf dem Kontinent nur rund fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, verzeichnet er fast ein Fünftel aller Corona-Toten weltweit – laut offiziellen Zahlen 450.000. Die Dunkelziffer wird von Experten jedoch auf mindestens doppelt so hoch geschätzt.

Corona hat nicht nur viele nationale Gesundheitssysteme zusammenbrechen lassen, es hat die Region auch in die schlimmste Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts gestürzt. Gleichzeitig aber nahm in einigen Ländern die öffentliche Unterstützung für Regierungen zu, die die Bevölkerung finanziell unterstützten und zur Einheit aufriefen. Experten warnen nun, dass die Impfstoff-Skandale diesen positiven Trend beenden und eine neue Welle der Instabilität einleiten könnten.

Weitere Quellen: "The New York Times", "Salud con Lupa", France24


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