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Deng Xiaoping: Ein Leben nach dem Tod

Im Alter von 92 Jahren war Deng Xiaoping, nach dem Tode Mao Tse-tungs zum politischen Führer Chinas aufgestiegen, 1997 verstorben. Jetzt schlachtet Chinas Propaganda seinen 100. Geburtstag für eine Kampagne aus.

Zu Lebzeiten war Deng Xiaoping gegen Personenkult. Doch sieben Jahre nach seinem Tod schlachtet Chinas Propaganda seinen 100. Geburtstag an diesem Sonntag für eine landesweite Kampagne aus. Zeitungen, Staatsfernsehen, Buchläden und Ausstellungen huldigen dem "Chefarchitekten der Reform, Öffnung und Modernisierung". Seinen kapitalistischen Experimenten in Wirtschaftssonderzonen, die zur heutigen "sozialistischen Marktwirtschaft" führten, verdankt China seinen Aufstieg zur wirtschaftlich erstarkten Weltmacht. Doch in der Kampagne bricht ungewollt der schwelende Konflikt zwischen den neuen Führern und den Altpolitikern aus, die ihre Macht trotz des Generationswechsels vor zwei Jahren immer noch nicht abgeben wollen.

Wie ein "Kaiser" geherrscht

Der frühere Staats- und Parteichef Jiang Zemin denkt nicht daran, den Vorsitz in der mächtigen Militärkommission zu räumen. Der 77-Jährige lässt sich jetzt selbst mit veralteten öffentlichen Auftritten in den Abendnachrichten präsentieren. Seine Kalligrafien schmücken eine neu eingeweihte Bronzestatue Deng Xiaopings in dessen Geburtsort Guangan in der Provinz Sichuan und eine neue Buchausgabe des Patriarchen, der die Politik Chinas von den 70er bis 90er Jahren bestimmt und zuletzt wie ein "Kaiser" geherrscht hatte. Jiang Zemin macht damit deutlich, dass er auf dem Plenum des Zentralkomitees im Herbst den Oberbefehl über die Streitkräfte keineswegs aufgeben wird.

Obwohl der alte Parteichef Anfang der 90er Jahre die von den orthodoxen Linken massiv bekämpften Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings keineswegs mit Beifall bedacht hatte, gibt er sich heute als dessen ideologischer Erbe aus. Dabei hatte ihn Deng nur als Übergangsfigur betrachtet und den heutigen Parteichef Hu Jintao für die neue Führungsgeneration ausgesucht. Nicht zufällig mahnte Deng Xiaopings älteste Tochter Deng Lin in einem Interview, dass sich ihr Vater 1989 von dem Militärposten zurückgezogen hat, nachdem Jiang Zemin Parteichef geworden war. Ihr Vater habe die Arbeit gänzlich und "ohne unnötige Beeinflussung" seinem Nachfolger überlassen.

Die neuen Führer haben es nicht leicht mit den verschiedenen Machtzentren und ringen mit der Schanghai-Seilschaft Jiang Zemins. Diese Fraktion pflegt enge Beziehungen zur gut verdienenden Geschäftswelt der Hafenmetropole und fürchtet, Regierungschef Wen Jiabao könnte die teilweise überhitzte Wirtschaft zu stark bremsen. Ferner erteilen die alten Führer politischen Reformen eine Absage, nachdem Wen Jiabao laut über neue Entscheidungsprozesse durch stärkere Beteiligung von Fachleuten und Bürgern nachdenkt. Ausgerechnet der im Volk verhasste Altpolitiker Li Peng durfte im wichtigen Parteimagazin "Qiu Shi" daran erinnern, wie Deng Xiaoping gegen "politischen Liberalismus" gewettert und die Alleinherrschaft der Partei verteidigt hatte.

Markige Worte nach dem Massaker von 1989

Der als "Schlächter von Tiananmen" (wegen blutig unterdrückter Massendemonstrationen auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens) verrufene Li Peng, der in der Demokratiebewegung 1989 den Ausnahmezustand verhängt hatte, schob die oberste Verantwortung seinem "am stärksten verehrten Lehrmeister" zu. "Genosse Deng Xiaoping hat mit der Kraft eines großen Revolutionärs und Politikers entschlossen gehandelt." Damit wirft Li Peng ein Licht auf die dunkle Seite des pragmatischen Wirtschaftsreformers, der schon in den 50er Jahren die Rechten verfolgt und 1979 die "Mauer der Demokratie" eingerissen hatte. Nach dem Massaker 1989 wurde Deng Xiaoping mit den Worten zitiert: "Wie hätten wir es denn zulassen können, dass diese Studenten und Rotznasen uns stürzen?"

Andreas Landwehr/DPA / DPA