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Deutsch-Afghane unter Terrorverdacht: Der mysteriöse Fall Haddid N.

Weil er unter Terrorverdacht steht, haben US-Truppen in Afghanistan einen Deutschen festgenommen. Die Bundesregierung sagt, sie bemühe sich intensiv um den 23-Jährigen. Doch stimmt das wirklich?

Von Manuela Pfohl

Eigentlich wollte er nur zu seinem Vater nach Kabul, sagte Haddid N. seiner Schwester. Ein Besuch über den Jahreswechsel, bei dem ihn ein Freund nach Afghanistan begleitet. Doch nun sitzt der Deutsche mit afghanischen Wurzeln im berüchtigten Foltergefängnis in Baghram und ist zum Fall Haddid N. geworden. Noch ist nicht ganz klar, was die Amerikaner dem 23-Jährigen eigentlich konkret vorwerfen. Die Bundesregierung bedauert, sie könne im Moment nicht viel mehr tun, als sich bei den amerikanischen Behörden um einen Zugang zu Haddid N. zu bemühen.

Grund genug für die Familie des Frankfurter Studenten, sich Sorgen zu machen. Schon kurz nach Bekanntwerden der Inhaftierung schießen die Mutmaßungen gegen den angehenden Bauingenieur ins Kraut. Er soll ein Terrorverdächtiger sein. Es gebe da einige Hinweise, heißt es.

Anlass könnte nach stern.de-Informationen sein abgelaufener Personalausweis sein, den Haddid N. dem Freund in die Hand drückt, als der nach Deutschland zurückfliegt. Er ahnt nicht, dass der Deutsch-Marokkaner bei der Einreise nach Deutschland gefilzt wird, dass man den Ausweis findet und dass man sofort Nachforschungen über ihn anstellt.

Haddid N. ist den Sicherheitsbehörden bekannt

Tatsächlich ist der Student Haddid N. bei den Sicherheitsbehörden in Deutschland kein Unbekannter. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigt, dass er im Visier der deutschen Justiz war. Der Anlass für das Misstrauen liegt weiter zurück und steht wiederum im Zusammenhang mit einem Familienbesuch. Nach stern.de-Informationen buchte Haddid N. ausgerechnet für den 11. September 2009 einen Flug zu seinem Onkel nach Pakistan. Ein neuralgisches Datum, das die Beamten am Frankfurter Flughafen wohl im Blick hatten, als sie ihn damals festnahmen.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft habe bis Mitte 2010 gegen Haddid N. ermittelt. "Wir hatten Hinweise darauf, dass er möglicherweise ausreisen wollte, um in den Heiligen Krieg zu gehen", sagt Sprecherin Doris Möller-Scheu. Daraufhin sei ihm vorübergehend der Pass abgenommen worden. Allerdings seien die Ermittlungen wieder eingestellt worden, weil ihm keine konkreten Kontakte zu Terroristen nachgewiesen werden konnten. Als Haddid N. schließlich gegen die Wegnahme seines Passes klagte, habe er vor dem Verwaltungsgericht Recht bekommen.

Deutsche Botschaft: Kontakt zu ihm schwierig

Nun allerdings scheint die Sache komplizierter zu werden. Denn die US-Truppen sind offenbar nicht bereit, mehr zum Fall Haddid N. zu erklären, als dass die Unterbringung und Behandlung des jungen Mannes in Baghram im Einklang mit der Genfer Konvention ist. Die Deutsche Botschaft in Kabul wiederum sagt, sie habe bis Mittwochnachmittag keinen Kontakt zu dem Festgenommenen bekommen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will zum Stand der Bemühungen keine nähere Auskunft geben. "Das Ergebnis zählt und nicht die öffentliche Intonierung", lässt der Minister mitteilen.

Die Bundestagsfraktion der Partei "Die Linke" fuchst das ziemlich. "Wir wären ja schon froh, wenn wir als Parlamentarier mal eine Auskunft bekämen", heißt es aus dem Büro der friedenspolitischen Sprecherin der Fraktion. Tatsächlich erfährt Christine Buchholz bereits am 11. Januar durch Haddid N.s Schwester von der Festnahme. Die Frankfurter Anwältin schildert, dass ihr Bruder im Gewahrsam der Amerikaner ist und dass sie sich deswegen an das Auswärtige Amt (AA) gewandt habe. Allerdings habe ihr das AA keine befriedigende Antwort zur Situation und den Umständen der Festnahme geben können. Einen Tag später, am 12. Januar, bittet Christine Buchholz den zuständigen Referenten im Amt um Auskunft. Als auch sie keine Antwort bekommt, bittet sie am 14. Januar den Außenminister in einem Schreiben, das stern.de vorliegt, um Aufklärung und darum, "auf Seiten unserer Verbündeten darauf zu drängen, keine Zivilpersonen ohne richterliche Verfügung festzuhalten". Doch bislang hat sie auch auf dieses offizielle Schreiben keine Antwort bekommen.

Der Verdacht, dass die Bemühungen der Bundesregierung um Haddid N. und seine Inhaftierung weit weniger intensiv seien, als offiziell behauptet wird, liege nahe, meint Christine Buchholz. Und auch der Grünen-Abgeordnete Hans Christian Ströbele ist skeptisch. Er fordert die Regierung auf, bei Isaf und US-Amerikanern nachdrücklich auf die unverzügliche Freilassung des Mannes zu dringen. Und äußert sogar noch einen weiteren Verdacht: Die deutschen Sicherheitsbehörden könnten die Festnahme dadurch forciert haben, dass sie die US-Amerikaner mit Daten und Foto auf den Betroffenen hinwiesen.

  • Manuela Pfohl