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Trump in Texas: Ein Krisenmanager trägt Khaki: Donald Trump und die fast perfekte Show

Als "Harvey" bei Texas auf Land trifft, ist Donald Trump nicht mehr zu halten. Er will da hin, sofort. Trump will den "riesigen Fehler", den George W. Bush bei Hurrikan "Katrina" beging, vermeiden. Sein Plan geht auf, aber eben nur fast.

George W. Bush ist ein Mann, der sich für nichts entschuldigen will. Nicht für den Irak-Krieg, nicht für die angeblichen Massenvernichtungsmassen, die am Ende niemand finden konnte. "Entschuldigen würde bedeuten, dass die Entscheidung eine falsche war", erklärte der 43. Präsident der Vereinigten Staaten in einem Interview 2010. Ein Bush zweifelt nicht, ein Bush entscheidet, ein Bush tut einfach das Richtige. Und dennoch gibt es diesen Moment in seiner zweiten Amtszeit, den Bush einen "riesigen Fehler" nennt. Es ist der Moment, den Kritiker den Anfang seines Endes nennen.

Bei seinem riesigen Fehler sitzt George W. Bush, seit sieben Monaten zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, an Bord der Air Force One. Er trägt eine blaue Jacke, eine rote Krawatte blitzt darunter hervor, die Unterarme bettet der Präsident auf die glänzend glatte Holzverkleidung an den Flugzeugfenstern. Bush blickt nach draußen, die Augen verkniffen. Man kann kaum erkennen, was der Präsident so angespannt anschaut, dazu ist das Licht, das durch die Fenster fällt, zu hell. Es ist der 31. August 2005. Irgendwo unter der Air Force One liegt eine Stadt, die in den Fluten versinkt: New Orleans. Vor zwei Tagen traf Hurrikan Katrina auf die US-Ostküste, Menschen verloren ihr Heim, Menschen verloren ihr Leben. Bush fliegt über sie hinweg. Der Präsident, der bis eben noch in Texas im Urlaub war, stoppt nicht in Louisiana, er schaut nur runter, von ganz weit oben. In dem Interview 2010 sagt der Ex-Präsident: "Das war mein Fehler. Ich hätte in Baton Rouge landen sollen, mit dem Gouverneur reden und zeigen: 'Ich höre euch.' […] Das habe ich nicht getan und den Preis dafür bezahlt." 

George W. Bush schaut aus seiner Air Force One. Darunter liegt das überflutete New Orleans. Es ist der 31. August 2005.

George W. Bush schaut aus seiner Air Force One. Darunter liegt das überflutete New Orleans. Es ist der 31. August 2005.


Harvey: Donald Trump will George Bushs Fehler nicht wiederholen

Donald Trump ist kein Mann, der für irgendetwas bezahlen will. Mit "Harvey" vor seinen Pforten sah der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika seine Chance gekommen: Trump wollte Stärke, Kompetenz, Führungsqualität beweisen, am besten alles zugleich. Also twitterte Trump wie verrückt, noch mehr als sonst und klang dabei manchmal eher wie ein hibbeliger Zuschauer vor einem TV-Bildschirm als der Präsident, der sein Land durch eine der ganz großen Naturkatastrophen leiten soll. "Der Sturm wird viel größer und stärker als vorhergesagt. Die Bundesregierung steht an eurer Seite und ist bereit zu antworten. Bringt euch in Sicherheit!" "Amerika ist bei euch!" "Wir haben großartige Leute vor Ort, die sind schon lange vor 'Harvey' eingetroffen. So weit, so gut!"


Als "Harvey" in der Nacht auf Samstag in Texas auf Land traf, war Bush-Nachfolger Donald Trump nicht mehr zu halten: Er wollte da runter, unbedingt, sofort. Wie die "New York Times" erfuhr, soll Trump seine Berater dazu gedrängt haben, so schnell wie irgendwie möglich einen Trip zu organisieren. "Harvey" durfte nicht sein "Katrina" werden. Der Sturm konnte vielleicht Texas überrollen oder Louisiana. Aber nicht ihn, den Präsidenten Donald J. Trump.

Donald Trump: Ein Krisenmanager trägt Khaki

Am Dienstag setzte Trumps Präsidentenmaschine in Texas auf. Der ersten großen Naturkatastrophe seiner Amtszeit trat Präsident Donald Trump in Khaki entgegen, er trug eine Hose, die er auch beim Golfen tragen könnte oder Angela Merkel beim Wandern in Südtirol. Auf Trumps Baseballkappe prangte in fetten Lettern "USA" und erinnerte ein wenig an das "USA! USA!", das der Wahlkämpfer Trump vergangenen Herbst wiederholt in irgendwelche Mikrophone gerufen hatte. In der texanischen Küstenstadt Corpus Christi schrie Trump nicht. Die Sucht nach Zustimmung und Selbstdarstellung aber war offenbar geblieben. 

Eine Krise in Khaki: Donald und Melania Trump treffen im Firehouse 5 in Corpus Christi ein

Eine Krise in Khaki: Donald und Melania Trump treffen im Firehouse 5 in Corpus Christi ein


Donald Trump wollte als Krisenmanager nach Texas kommen. Als Mann, der das Unkontrollierbare im Griff hat, als der, auf den man sich verlassen kann, als einer, der da ist. "Der Präsident wollte hierher kommen, nicht nur, um seine Solidarität mit den Familien, die unter dem Sturm leiden, auszudrücken, sondern auch, um sicher zu gehen, dass die Bundesbehörden alles tun, um Menschen zu retten und ein Fundament für vollkommene Erholung zu legen", sagte Trumps Vize Mike Pence laut einem Bericht von "Politico". "Wir wollen es besser machen, als jemals zuvor", sagte der Präsident selbst.

"Harvey" war Trumps Chance nach Wochen voller innenpolitischer - Charlottesville - und außenpolitischer - Nordkorea - Turbulenzen wieder zu punkten. Mit Präsenz, mit Entschlossenheit, mit Kompetenz. Aufnahmen von einem Kontrollflug an Bord der Air Force One gibt es von diesem Präsidenten nicht. Stattdessen sieht man Trump mit Outdoorjacke vor bunt angezeichneten Karten sitzen oder wie er in einem Kontrollzentrum applaudiert. Die Botschaft: Dieser Präsident ist nicht abgehoben, er sitzt in keinem Regierungsflieger und blickt auf das Elend herab, dieser Präsident ist ganz nah beim Volk. "Wir lieben euch, ihr seid besonders. Wir sind hier, wir kümmern uns. Es läuft gut", sagte Trump, als er im Wind von Corpus Christi zu einer jubelnden Menschenmenge sprach. "Was für eine Menschenmenge! Was für eine Teilnahme!" Dann wedelte er mit einer texanischen Flagge. 

Die Show stimmt, die Empathie fehlt

Trump konnte sich seinen Wunsch, als Krisenmanager so schnell wie möglich nach Texas zu kommen, erfüllen. In seinen Augen war er sicher ein besserer Präsident als George W. Bush in seiner Air Force One und er war besser als Barack Obama, dem er wiederholt vorgeworfen hatte, nicht schnell genug in Katastrophengebiete gereist zu sein. Donald Trump kam, er sah und wurde nicht müde zu betonen, dass er, und nur er, der richtige Mann für diese Katastrophe sei. Auch in Texas blieb Trump ein Kerl, der mit Superlativen um sich wirft - ein historischer Sturm sei das, episch, ein Ereignis, das in 500 Jahren einmal vorkomme, wow! -, einer, der gerne mal angibt, auch in höchst unpassenden Momenten: "In fünf oder zehn Jahren soll auf uns geschaut werden - im Sinne von: So macht man das." Doch tatsächlich meisterte Trump seinen ersten Auftritt als Krisenmanager besser, als viele das erwartet hatten. Zu seiner Performance, schreibt selbst der Trump-kritische Nachrichtensender CNN, habe es keine größere politische Meinungsverschiedenheit gegeben. Die Show in Texas war perfekt. 

Maschinen, Technik, Grafiken: Donald Trump präsentiert sich als Krisenmanager

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Doch Texas ist riesig. Trumps Katastrophen-Bühne Corpus Christi liegt eine dreistündige Autofahrt vom überfluteten Houston entfernt. Man habe die Rettungsaktionen in der viertgrößten Stadt der USA mit dem Präsidententross nicht behindern wollen, wurde erklärt, deshalb sei man ausgewichen, unter anderem in die Küstenstadt, die laut CNN-Bericht von der Wucht "Harveys" mehr oder weniger verschont geblieben war.

Trump habe an diesem Tag in Texas kein einziges Sturmopfer, keinen Tropfen Regen und keine überflutete Straße gesehen, schreibt "Politico". Er habe nur wenige Menschen getroffen, die vorher nicht gecheckt worden waren. Und er habe weit mehr Zeit im Flugzeug verbracht - rund acht Stunden - als "on the ground" - rund drei Stunden. CNN berichtet von einem Trip ohne Empathie: kein Treffen mit Opfern, keine aufmunternden Worte, keine Umarmung.

Trump habe den Eindruck vermittelt, er würde sich für die Katastrophe interessieren. Doch er "schien losgelöst von Emotion". "Der Präsident schien vorbeizukommen, um mal eben den Sieg über Harvey zu erklären", schreibt "Politico" an anderer Stelle. "Dieser von der Optik besessene Präsident blieb bei seinem Besuch in Texas dem Katastrophengebiet fern. Doch der Besuch bot ihm die Bildersymbolik, die er wollte." Die Show war perfekt. Fast.