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US-Wahlkampf: Wie ausgerechnet Trump mit rassistischen Tweets den Demokraten aus der Patsche hilft

Mit seinem Twitter-Angriff auf vier junge Demokratinnen hat sich US-Präsident Donald Trump vehement in den parteiinternen Zoff seiner politischen Gegner eingemischt. Dafür müssten sie ihm eigentlich dankbar sein.

Donald Trump sagt Demokratinnen, sie sollten in ihre Heimat zurückkehren

Spätestens seit Alexandria Ocasio-Cortez Nancy Pelosi gezieltes "Herausgreifen neu gewählter, farbiger Frauen" vorgeworfen hat, steckten die Demokraten in einer Sackgasse. Nur mühsam konnte die streitbare New Yorkerin mit puerto-ricanischen Wurzeln im parteiinternen Zwist über die Migrationspolitik den expliziten Vorwurf des Rassismus gegen die renommierte Sprecherin des Repräsentantenhauses verschleiern. Für so manchen politischen Beobachter in Washington war zuletzt klar: Wenn sich die Demokraten weiter so entzweien, hat Donald Trump im Kampf um seine zweite Amtszeit im Weißen Haus leichtes Spiel. Der amtierende US-Präsident bräuchte nur zuzuschauen, wie sich seine Herausforderer gegenseitig zerlegten. Doch Trump wäre nicht Trump, hätte er sich nicht doch noch eingemischt - und zwar mit all' seiner Twitter-Kraft. Wie sich zeigt, sollten ihm die Demokraten dafür regelrecht dankbar sein.

Denn zum einen lieferte Trump den jungen Progressiven Anschauungsunterricht, wie sich Ausgrenzung und Rassismus tatsächlich anhört ("Warum gehen die nicht zurück und helfen, die total kaputten und von Kriminalität befallenen Länder besser zu machen, aus denen sie gekommen sind?") und zum anderen bot er die Gelegenheit, sich gegen ihn neu zu formieren. Eine Chance, die Polit-Profi Nancy Pelosi sofort erkannte und ergriff. "Wenn Donald Trump vier amerikanischen Kongressfrauen sagt, sie sollen zurück in ihre Länder gehen", twitterte die 79-Jährige, "bekräftigt er, dass sein 'Make America Great Again' immer bedeutet hat: 'Make America White Again'". Und weiter: "Unsere Vielfalt ist unsere Stärke und unsere Einheit ist unsere Kraft."

Nancy Pelosi ergreift die Chance

Vor allem der letzte Satz wirkt, als sei er direkt an Ocasio-Cortez und Co. gerichtet - ebenso wie an alle gemäßigten und progressiven Kräfte in der eigenen Partei. Zuletzt hatte Pelosi jeden weiteren Kommentar zum Zwist mit der "The Squad" genannten Abgeordnetengruppe abgelehnt; und aus der Partei wurden Rufe laut, die ein klärendes Gespräch zwischen Pelosi und Ocasio-Cortez für unausweichlich hielten, um endlich die Wogen zu glätten. Dass ausgerechnet Trump ihnen schon so bald die Chance liefern würde, sich wieder gemeinsam gegen den eigentlichen Gegner im Wahlkampf zu formieren, wird selbst Pelosi kaum zu hoffen gewagt haben.

Jedenfalls schob die Top-Demokratin gleich einen Tweet hinterher, der auch den "jungen Wilden" in ihrer Partei gefallen haben dürfte: "Ich lehne Donald Trumps fremdenfeindliche Äußerungen ab, die unser Land spalten sollen. Statt Mitglieder des Kongresses zu attackieren, sollte er mit uns für eine humane Einwanderungspolitik arbeiten, die die amerikanischen Werte widerspiegeln." Eine klare Absage auch an Trumps Vermutung, dass Pelosi sicher glücklich wäre, für ihre vier jungen Kritikerinnen die schnelle Ausreise organisieren zu können.

Biden, Sanders und Warren gegen Donald Trump

Neben Pelosi und den direkt attackierten Abgeordneten - allen voran die in Somalia geborene Ilhan Omar, die das Land vor dem "schlechtesten, korruptesten und ungeschickesten Präsidenten, den wir je gesehen haben" schützen will - ergriffen auch die möglichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten die Gelegenheit, sich über den Rassismus-Vorwurf gegen Trump zu formieren - allen voran Ex-Vizepräsident Joe Biden, Bernie Sanders und Elizabeth Warren, die laut einer aktuellen Umfrage für NBC News und das "Wall Street Journal" alle drei Trump 2020 in einer Direktwahl schlagen würden (allerdings wird wegen des an den Bundesstaaten orientierten Wahlverfahrens längst nicht immer der US-Präsident, der landesweit die meisten Stimmen erhalten hat). Biden twitterte: "Die Stärke Amerikas hat und hatte ihre Wurzeln immer in unserer Vielfalt. Aber Präsident Trump spuckt weiterhin hasserfüllte Rhetorik aus, sät Spaltung und schürt Rassenspannungen für seinen eigenen politischen Nutzen."

Warren, die zuletzt bei Umfragen zur Nummer 2 der aussichtsreichen Kandidatinnen hinter Joe Biden avanciert war, sprang Ocasio-Cortez und ihren drei Mitstreiterinnen direkt bei: "Das [die USA, Anm. d. Red.] 'ist' ihr Land, unabhängig davon, ob Trump das erkennt oder nicht. Sie sollten mit Respekt behandelt werden. Als Präsident werde ich dafür sorgen." Und die als Geheimtipp der Demokraten gehandelte Kamala Harris stellte fest: "Lasst uns die rassistische Attacke des Präsidenten als genau das bezeichnen, was sie ist: un-amerikanisch." Weitgehend ohne Zutun der Politiker entwickelte sich im Netz auch noch der Hashtag #RacistInChief (übersetzt in etwa: Chef-Rassist) zum Trend.

Trump hat wohl nichts zu befürchten

So hat ausgerechnet Trump die Fronten für die Demokraten geklärt. Dass ihm durch die neuen Rassismusvorwürfe größerer Ärger droht oder er seine Wahlchancen verschlechtert hätte, braucht der twitternde Mann im Weißen Haus dennoch nicht zu fürchten. Trotz aller Aufregung dürfte er mit seiner Rhetorik niemanden mehr überrascht haben. Jede andere Regierung vor Trump hätte der Vorfall erschüttert, heißt es bei CNN, doch dieser Präsident werde nicht dafür bezahlen müssen, weil seine Basis fest zu ihm stehe. Mehr noch: "Viele Wähler und Abgeordnete der Republikaner fühlen sich mit Trumps Verhalten und Ansichten nicht wohl. Die meisten sind jedoch mit der ideologischen Ausrichtung seiner Präsidentschaft so zufrieden, dass sie bereit sind, ein Auge zuzudrücken", analysiert CNN-Autor Stephen Collinson. Dementsprechend war von republikanischer Seite kaum ein Kommentar zu Trumps "unamerikanischem Ausbruch" zu hören und zu lesen.

Quellen: "CNN", "Newsweek", Nachrichtenagentur DPA, NBC NewsNancy Pelosi (Twitter), Donald Trump (Twitter), Ilhan Omar (Twitter), Joe Biden (Twitter), Elizabeth Warren (Twitter), Kamala Harris (Twitter)